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Unfall am Bahnübergang : Autofahrerin trägt eine Mitschuld

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Nach dem tragischen Unfall am Bahnübergang in Rohlfshagen, bei dem eine 56-Jährige ums Leben kam, stand der Schrankenwärter vor Gericht. Der Prozess wurden gegen eine Geldauflage eingestellt.

Mit einer Überraschung endete das Verfahren wegen fahrlässiger Tötung gegen einen Schrankenwärter (57). Der Richter stellte es gegen eine Geldauflage vorläufig ein. Es ging um den schrecklichen Unfall am 25. November 2014 am Bahnübergang Rohlfshagen, bei dem eine 56-Jährige ums Leben kam. Beim Überqueren der Gleise wurde ihr Ford Fiesta von einem Regionalzug erfasst und 500 Meter mitgeschleift. Die Frau, die damals als Hausdame bei Altkanzler Helmut Schmidt arbeitete, hatte ihren Bruder besucht. Sie starb noch an der Unfallstelle.

Der 57-jährige Schweriner hatte die Halbschranken versehentlich zu früh geöffnet. Zwar bemerkte er seinen Fehler sofort und versuchte noch wild gestikulierend, die Frau zu stoppen – aber vergeblich. „Mein Gott, was habe ich getan“, soll er gerufen haben, so eine Zeugin: „Er schlug dabei die Hände über dem Kopf zusammen, dann hat er die Schranke wieder heruntergelassen.“

Allerdings hatte auch das Opfer eine Mitschuld, denn die 56-Jährige fuhr schon los, als sich die Halbschranken noch nicht komplett geöffnet hatten und das Warnlicht noch leuchtete. Das bestätigten drei Zeuginnen, die auf der anderen Seite des Übergangs gewartet hatten. Zur Unfallzeit herrschte dichter Nebel, der die Fahrgeräusche dämpfte.

Aufsehen erregte der Unfall auch, weil der Bahnübergang nur provisorisch gesichert war. Im April 2013 hatte der Blitz ins Wärterhäuschen eingeschlagen und die Technik zerstört. Seitdem sicherten zwei Bahnbedienstete den Übergang mit Absperrband. Im Sommer 2014 wurden die Halbschranken montiert, die von nur einer Person per Knopfdruck bedient wurden. Der Streckenposten war in einem Bauwagen untergebracht. Erst vor einem Jahr wurden wieder reguläre Schranken eingebaut.

„Die Zugfolge war unregelmäßig, es gab am Unfalltag Ausfälle und Verspätungen“, sagte Rechtsanwalt Dr. Jan Schürmann, der den Angeklagten vertrat. Sein Mandant sei schwer geschockt und leide unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. Er sei fünf Monate lang arbeitsunfähig gewesen und habe sich in psychologische Behandlung begeben. Jetzt arbeite er in einem Lager der Bahn und verdiene nur noch 1600 Euro, davon lebten auch seine Frau und ein behindertes Kind.

Der 57-Jährige habe die Mitteilung des Fahrdienstleiters missverstanden und deshalb erst fünf Minuten später mit der Durchfahrt des Gegenzugs gerechnet, so die Staatsanwältin. Dann brauste der Zug gegen 18.30 Uhr mit 132 Stundenkilometern heran und erfasste das Auto.

Das Rotlicht erlischt erst ein bis zwei Sekunden, nachdem sich die Schranken wieder geöffnet haben. Viele Autofahrer missachteten es und führen schon vorher los, so der Anwalt des Angeklagten.

Das bestätigte eine Zeugin: „Ich habe das früher auch schon gemacht, bis mein Mann mich deshalb zur Schnecke gemacht hat. Sonst hätte es vielleicht mich erwischt.“

Bis zu zehn Minuten Wartezeit habe es in Rohlfshagen gegeben. „Manchmal waren die Wärter so nett, die Schranke zwischen zwei Zügen kurz aufzumachen.“ Mit einem Klingelsignal benachrichtigten sich die Fahrdienstleiter in Bad Oldesloe und Bargteheide gegenseitig von der Abfahrt eines Zuges. „Dann meldet sich der Kollege über eine bahninterne Telefonleitung und wiederholt den Wortlaut“, sagte der Oldesloer Fahrdienstleiter. Das habe bis zum Unfall aber noch nicht für den Streckenposten gegolten.

Zehn Nebenkläger waren am Verfahren beteiligt, die Geschwister der Frau wollten zumindest die Beerdigungskosten von etwa 5500 Euro erstreiten. Ihr Anwalt Patric von Minden verlas eine Erklärung: „Es hat viele Beschwerden aus der Bevölkerung über den Übergang gegeben.“ Vermisst werde die Übernahme der Verantwortung seitens der Bahn.

Dieses Verfahren sei eingestellt, sagte der Richter. Die Sicherungsmaßnahmen waren zulässiger Standard: „Die Fehlerquelle war hier der Mensch.“ Vieles spreche dafür, dass der Angeklagte die Zugmeldung erhalten habe. Eigentlich waren für das Verfahren drei Verhandlungstage angesetzt, doch jetzt müsse über eine Einstellung nachgedacht werden – gegen eine empfindliche Auflage.

Damit zeigte sich auch die Staatsanwältin einverstanden. Von Minden wies auf die Verantwortung der Bahn als Verursacherin hin: „Welchen Wert hat ein Menschenleben für einen großen Konzern?“ Erst ein halbes Jahr später habe er den Angehörigen kondoliert.

Der Angeklagte muss in sechs Monatsraten 1800 Euro an die Angehörigen überweisen. Dabei wurden seine wirtschaftlichen Verhältnisse berücksichtigt. Das Ergebnis sei unbefriedigend, aber sachgerecht, fand der Richter in seinem Schlusswort. „Es war von vornherein klar, dass wir das Opfer nicht wieder lebendig machen können.“ Ein relativ kleiner Fehler nahe am Augenblicksversagen habe hier zu schwersten Folgen geführt.

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