Ahrensburg : Augenscheinlich mit viel Hintersinn

Seine begehbaren Großobjekte strotzen nur so vor Details.
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Seine begehbaren Großobjekte strotzen nur so vor Details.

Peter F. Piening aus Ahrensburg mag keinen Kunsternst, er treibt lieber ein Spiel mit Gegenständen und Vorstellungen.

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08. August 2018, 10:04 Uhr

„Auf dieser Welt halte ich zwei Beschäftigungen für besonders nutzlos: Laubsägearbeiten und die Fotografie.“ Das Zitat stammt von von Anton P. Tschechow. Peter F. Piening hat es Buchstabe für Buchstabe als Holz ausgesägt und darüber eine Kamera gesetzt. Es ist ein kleines Werk des Ahrensburger Künstlers, aber das Zusammenspiel von Texten und Objekten ist charakteristisch für den Maler, Grafiker und Objektbauer.

Piening benutzt Dinge aus der Alltagswelt – Holz, Kataloge, Baupläne oder Zitate – und bringt sie in einen anderen Zusammenhang. Seine Kunst ist assoziativ, lustig und nachdenklich, und vor allem ist sie handwerklich. In seinem „Firmen-Logo“ überkreuzen sich Hammer und Laubsäge. „Besonders die Laubsäge hat ja etwas sehr Argloses an sich und ist in Kunstkreisen als Werkzeug ja wohl auch deshalb etwas verpönt, weil von ihrer Verwendung auf eine gewisse Einfalt des Benutzers geschlossen werden könnte. Ich mag diese Laubsäge aber gerade deswegen und setze sie mit einer gewissen Scheinheiligkeit ein,“ schreibt Piening – auch weil er den „oft so gnadenlos praktizierten Kunsternst“ ein wenig unterlaufen kann.

Weil er „intellektuellen Bierernst“ nicht ausstehen kann, geht er auch nicht gerne zu Ausstellungseröffnungen. „Ich bin dagegen, dass Kunst etwas Hohes und Humorloses ist“, sagt Piening. Seine Werke sind zum Staunen, Schmunzeln und zum Anfassen, aber das heißt nicht, dass sie nicht auch ernsthaft wären.

Der 76-Jährige will allerdings niemanden die Welt erklären, er will noch nicht mal Kommentare dazu abgeben. „Mir muss die Kunst nicht sagen, dass Krieg schlecht ist“, sagt Piening, „ich treibe ein Spiel mit Gegenständen, mit Verbildlichungen und Vorstellungen, die sich andere schon von ihnen gemacht haben.“

Manchmal kann der Betrachter auch mitspielen, zum Beispiel in der Rotunde, wo man Bilder und Buchstaben neu zusammensetzen kann (und soll), so dass der nächste nicht weiß, ob er das Original sieht oder nur, was der vorherige Besucher gemacht hat. Die Rotunde gehört zu den Großobjekten, mit denen Piening bekannt wurde. Mit Laubsäge, Bohrer und Hammer hat er archaisch anmutende Raumkapseln gebaut, die auch wegen der detailreichen Innenausstattung anheimelnd und surreal zugleich sind.

„Poesie wird greifbar, indem sie wortwörtlich Gestalt annimmt“, schreibt Dr. Michael Fuhr über Pienings Großobjekte. Volvox war sein erstes von 19 Großobjekten, die Namen wie Calyx, Kiosk, Understand, Voliere, Caravan oder Eremitorium tragen. Die „Laube“ aus dem Jahr 2013 ist seine jüngste begehbare Skulptur. Der Einsitzer wirkt von innen wie ein sakraler Raum, das „Personal“ reicht von biblischen Figuren über die Beatles bis zu Max und Moritz. Als Ahrensburger ist der gebürtige Nordfriese dem Marstall seit vielen Jahren wie kaum ein anderer bildender Künstler verbunden. 1991, als der Marstall noch eine baufällige Ruine war, war er im Stormarner Kunstsommer bei der Ausstellung „LOS“ dabei. 1992 wurde Volvox im Marstall gezeigt. Zuletzt waren 2012 mehrere hölzerne Großgehäuse und Bildobjekte in der Ausstellung, „unSägliches“ zu sehen, natürlich ebenfalls im Marstall.

Volvox steht heute im „Museumsberg“ in Flensburg, dem Peter F. Piening viele seiner Werke als Schenkung überlassen hat. Im Frühjahr waren dort in der Retrospektive „augenscheinlich“ Zeichnungen, Grafiken und Objekte aus fünf Jahrzehnten zu sehen. Es war eine Doppel-Ausstellung mit dem Kunstmuseum Bayreuth. Dort waren 2005 seine Großobjekte sowie einige frühe Zeichnungen und Konstruktionsskizzen gezeigt worden. „Zu wenig, wie wir fanden“, schreibt Marina von Assel im Vorwort des umfangreichen, 140 Seiten dicken Katalogs, der zu der Doppelausstellung erschienen ist.

Es ist das Lebenswerk von Peter F. Piening, allerdings nicht sein Vermächtnis. „Ich bin noch voll dabei“, betont der 76-Jährige, auch wenn er jetzt mit Stock unterwegs ist und seine Frau im Rollstuhl sitzt. „Ich bin auf kleine Objekte umgestiegen“, sagt Piening, „meine neueren sind im Grunde Arbeiten zum Nachdenken über die eigenen Darstellungsmöglichkeiten.“

Das war bereits in seinen Anfängen angelegt. In den 1960er Jahren studierte er Grafik, Malerei, Kunstgeschichte und Philosophie in Mainz und arbeitete als Kunsterzieher. Bei seinen Zeichnungen arbeitete er bereits sehr akribisch. Und mit dem einfachsten Werkzeug – dem Bleistift. Die Zeichnungen aus dieser Zeit würde man heute wohl als Pop-Art bezeichnen.

Es folgten hyperrealistische Bilder, fotografisch wirkende Nahansichten von Naturdetails, und immer wieder sind Übergänge, die ihn faszinieren. Er wolle Zweifel zulassen an der Endgültig und Bedeutung des Erscheinungsbilds, schreibt er im Jahre 1983.

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