zur Navigation springen

Die älteste Oldesloerin : „Aufs Altwerden braucht man nicht stolz zu sein“

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Olga Schultz erlebt am Sonnabend ihren 103. Geburtstag: Ihr Rezept: Eier, Bier, Bescheidenheit.

Der Dialekt ist unverkennbar norddeutsch. Olga Schultz ist hörbar „von hier“. Die gebürtige Trittauerin lebt seit 1935 in Bad Oldesloe. Die Liebe holte die damals 23-Jährige in die Kreisstadt. Sie ist nun die älteste Bürgerin der Stadt und wird heute 103 Jahre alt. Ein Jahrhundert Stormarn haben Olga Schultz aber nicht nur sprachlich geprägt. Sie trägt ihr Leben genügsam vor, als wären ihre Erfolge nicht ihr Verdienst, als wäre es einfach so gekommen. Bescheiden, zufrieden, zurückhaltend. Typisch norddeutsch eben.

Aber der einst erfolgreichen Unternehmerin ist noch anzumerken, dass sie Biss hat. Die Vorstellung, wie sie die Geschäfte der ehemaligen Gerberei in Bad Oldesloe energisch führte, kommt auf. Nach dem 2. Weltkrieg baute sie den Lederwarenhandel, der den Eltern ihres Mannes Otto gehörte, in der Besttorstraße wieder auf. Die Gerberei existierte seit Mitte des 18. Jahrhunderts, das Gerberhaus steht noch immer. Olga Schultz machte die Lederfabrik zur Sattlerei, Polsterei und Handel für Lederwaren jeglicher Art.

Ihre Anekdoten könnten Bücher füllen. Wie die von dem Vater, der die Hose seines Sohnes – natürlich eine Lederbüx – häufig in das Fachgeschäft von Olga Schultz brachte. Das Beinkleid brauchte so oft neue Flicken, dass der Mitarbeiter, ein ehemaliger Kriegsgefangener, im gebrochenen Deutsch sagte: „Taugt nichts, Beste schmeißen“ und deutete an, die Hose in den Fluss zu werfen. Der Vater war so empört, dass er ein anderes Lederfachgeschäft aufsuchte. „Oh Gott, der arme Jung!“, soll er dann dort gehört haben. Die Hose war nicht mehr zu retten. Der besagte Junge wurde später Politiker: Gerhard Stoltenberg war in den 1970er Jahren unter anderem Ministerpräsident von Schleswig-Holstein.

Neben der Arbeit nahm sich Olga Schultz auch Zeit für eigene Interessen. Ihren Garten hat sie immer gern gepflegt, sich um ihre Hunde gekümmert, Musik gehört – von klassisch bis modern – und politische Fachbücher gelesen – am liebsten von Helmut Schmidt oder Richard von Weizsäcker. Für Urlaub war wenig Zeit. Wenn, dann ging es für Olga Schultz zusammen mit ihrem Mann nach Tirol. „Das liegt alles schon so weit zurück“, flüstert die Frau, die zwei Weltkriege miterlebt hat, während sie sich in ihren Erinnerungen verliert.

Als ihre Pflegerin Kerstin Schonvogel auf das Bild einer Theateraufführung aufmerksam macht, lacht Olga Schultz kurz auf. Als junges Mädchen habe sie auch gespielt. Ganz links, im weißen Kleid, das sei sie. 1932, da war sie 20 Jahre alt. Der neben ihr, habe ihren Vater gemimt. Sie lacht, als sie davon spricht und es scheint, als gebe es hier mehr zu erzählen, als sie gerade verraten mag.

Die Enkeltochter Britta ist für Olga Schultz die wichtigste Verwandte. „Mit ihr kann ich alles besprechen, was mir am Herzen liegt“, sagt sie zufrieden. Sie würde sie gern öfter sehen, aber die Sehnsucht macht dem Verständnis Platz. Denn der Unternehmergeist liegt in der Familie. Die Enkelin führt ein Geschäft in Hamburg, das ihr kaum Zeit für ausgiebige Besuche bei der Großmutter lässt. Das kennt Olga Schultz aus eigener Erfahrung.

„Ich bin kein stolzer Mensch“, empört sich Olga Schultz auf die Frage, ob sie auf ihr hohes Alter stolz sei. „Ich bin froh, dass ich noch lebe, darauf braucht man nicht stolz zu sein.“ Sie scheint gute Gene zu haben, ihre ältere Schwester ist ebenfalls 103 Jahre alt geworden. Ein paar Tipps hat sie parat: „Ein halbes Glas Bier morgens und mittags“, sagt sie. Ohne Schmunzeln. Das meint sie ernst. „Aber alkoholfrei, wegen der Tabletten“, ergänzt ihre Pflegerin. Zudem esse sie jeden Mittwoch, Freitag und Sonntag ein Ei. Manchmal auch zwischendurch noch eines. Olga Schultz schaut nun verschmitzt zu ihrer Pflegerin hinüber während sie erzählt.

Zum Geburtstag gibt es das Lieblingsessen der Oldesloerin: Spargel mit Schinkenwürfeln. Wenn Karin Schonvogel sie fragt, was sie essen möchte sagt die Spargel-Liebhaberin nur: „Brauchst gar nicht fragen“, dann gibt es das Gemüse, auch wenn gerade keine Saison ist.

Seit vier Jahren ist die nun 103-Jährige bettlägerig. Karin Schonvogel hilft ihr im Alltag. „Wenn ich könnte, würde ich jetzt raus gehen und etwas Gartenarbeit machen“, verrät Olga Schultz und schaut dabei gedankenverloren aus dem Fenster. Ihr Bett steht mitten im Raum. Genau so, dass sie gut nach draußen schauen kann. Für einen Moment huscht ein Ausdruck von Wehmut über ihr Gesicht. Doch die norddeutsche Genügsamkeit ist stärker und verdrängt die Sehnsucht. 103 Jahre Leben in Stormarn machen vielleicht nicht stolz, aber offensichtlich zufrieden.


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen