Rehhorst : Auf die Schnörkel kommt es an

Die Rehhorsterin Gisela Gaede-Mohr zeigt ein altes Kirchenbuch – im Hintergrund das Zarpener Gemeindehaus und die historische Kirche. Fotos: Nils Wolffson
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Die Rehhorsterin Gisela Gaede-Mohr zeigt ein altes Kirchenbuch – im Hintergrund das Zarpener Gemeindehaus und die historische Kirche. Fotos: Nils Wolffson

Acht Jahre hat Gisela Gaede-Mohr an der Transkription von 32 historischen Kirchenbüchern der Zarpener Gemeinde gearbeitet.

shz.de von
10. August 2018, 06:00 Uhr

Ein dicker Tintenklecks auf dem mürben Papier, die krakelige Schrift eines Zarpener Pastors, die alte Schreibweise vieler Wörter – für Gisela Gaede-Mohr war es eine jahrelange Sisyphusarbeit, die 31 Kirchenbücher der ev. Kirchengemeinde Zarpen in „leserliche Buchstaben“ zu transkribieren. Genau so nennt die Rehhorsterin ihre Fleißarbeit.

Von einer Übersetzung will sie nicht reden, denn schließlich ginge es darum, die alte deutsche Kurrentschrift und die Sütterlinschrift in die heutige Lateinische Schrift umzuwandeln. „Das hat mir Spaß gemacht“, sagt sie. Wenn es einmal allzu schwierig wurde, legte sie einfach ein, zwei Tage Pause ein, um den Kopf wieder frei zu bekommen. Denn keiner drängte sie, ihre Arbeit war rein ehrenamtlicher Natur. „Als ich in Rente war, wollte ich etwas Sinnvolles tun und nicht immer nur den Haushalt machen“, erinnert sie sich. Sie fragte bei der Gemeinde nach – und schon hatte sie die alten Bücher auf dem Tisch.

„2010 habe ich angefangen, im Juni bin ich endlich fertig geworden“, sagt die 74-Jährige. Mit der Sütterlinschrift kennt sie sich bestens aus, denn in der Zarpener Volksschule lehrte Lehrer Horst Meyer-Jungclaussen neben der vorgeschrieben lateinischen auch die Sütterlinschrift, die bereits 1941 vom nationalsozialistischen Regime abgeschafft wurde. „Unser Lehrer hat uns alles für das Leben Erforderliche beigebracht“, lobt sie den Pädagogen. 1950 wurde Gisela Gaede-Mohr eingeschult und lernte fleißig die Spitzbögen, Rundbögen, die schwungvollen Buchstaben des Sütterlin. „Das ist gut, um Schönschrift und eine leserliche Handschrift zu lernen“, weiß sie. 1961 begann sie ihre Lehrzeit bei der Stadtverwaltung Zarpen, arbeitete später im Standesamt. Dort kam sie dauernd in Kontakt mit der längst in Vergessenheit geratenen Sütterlinschrift. Diese wurde 1911 in Preußen eingeführt. Davor war die noch schwierigere, viel verschnörkeltere Kurrentschrift geläufig. Eine kniffelige Aufgabe für die aktive Rehhorsterin.

Einige Passagen – vor allem die ersten zwei Bücher – seien schon eine harte Nuss gewesen. Das erste Kirchenbuch stammt von 1698. Die Bücher enthalten neben Eintragungen zu Geburten, Eheschließungen, Konfirmationen und Beerdigungen auch diverse Texte. Per Lesegerät vergrößerte sie die Fotokopien der Originalseiten und transkribierte die Schrift am Computer. So können sie für die nächsten Generationen gesichert werden.

„Einige Pastoren hatten wirklich eine Sauklaue“, bemerkt sie. Verständlich, denn neben der Pastoratsarbeit bewirtschafteten sie auch ihre eigenen Felder. „Ich musste nicht nur die Buchstaben entziffern, sondern auch so manche sehr ausgeprägte Handschrift“, sagt Gaede-Mohr. Am Ende konnte sie (fast) alles entschlüsseln. „Wenn niemand es macht, kann sie bald keiner mehr lesen“, ergänzt sie. Rund 12 000 Seiten sind jetzt für jeden einsehbar und lesbar. Bei ihrer Transkription begegnete sie Kuriositäten.

Ein Kind wurde ohne Namen getauft, ein anderes im Kirchenbuch als „Hurensohn“ bezeichnet. „Ein uneheliches Kind zu bekommen, war das Schlimmste, was einer Frau passieren konnte. Und es waren mehr als ich gedacht habe“, erklärt sie. Zudem seien bei Taufen nur die Väter eingetragen worden, die Mütter gar nicht erwähnt worden. Bei Heiraten sei durchaus auch darauf hingewiesen worden, dass bald Nachwuchs zu erwarten sei. Oder sie fand den Eintrag „Vor der Eheschließung geborenes Kind“. Über 100 Konfirmanden in einem Jahr waren in den früheren Jahrhunderten keine Seltenheit. Einmal ist zu lesen vom „wohl fähigsten, tüchtigsten und fleißigsten Bauern“ im Dorf. „Seine Beisetzung fand bei großem Schneegestöber statt, die Beteiligung war die weitaus größte seit Jahren“, lautet die Eintragung des Pastors. Und: Die Urenkelin von Matthias Claudius ist in Zarpen begraben. Gaede-Mohr: „Ich fand es immer spannend, die alten Bücher zu lesen und die Verbindungen zwischen den Menschen zu erforschen.“


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