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Bad Oldesloe : Auf den „Becher to go“ folgt nun „Becher to bring“

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Immer mehr Bäckereien sagen Einweg-Behältern den Kampf an – aber viele Fragen sind noch offen.

shz.de von
erstellt am 16.Okt.2017 | 06:00 Uhr

In einer Stunde werden bundesweit zirka 320  000 Coffee-to-go-Becher verbraucht und wandern in den Müll. In einem Jahr sind es 2,8 Milliarden Becher, die eine CO2-Emission von 83 000 Tonnen verursachen – das sind die alarmierenden Zahlen der Deutschen Umwelthilfe (DUH). Diesen Abfallbergen entgegenzuwirken haben sich bereits einige Bäckereien zum Ziel gemacht.

Mit einer im März dieses Jahres präsentierten Handlungsempfehlung des Landesumweltministeriums soll es Betrieben noch weiter vereinfacht werden, den Mehrwegbecher einzuführen. Im Laufe des Jahres haben immer mehr Bäckereien landesweit einen solchen Becher in unterschiedlicher Umsetzung ins Programm genommen. Dem Einweg-Coffee-to-go-Becher wird also der Kampf angesagt. Doch wie sieht es damit in der Kreisstadt Bad Oldesloe aus?


Verstärkte Nachfrage

„Ich finde es gut, dass jetzt verstärkt Mehrwegbecher angeboten werden“, sagt Angela Wurst, selber Bäckereifachverkäuferin. Sie verwende allerdings weder Einweg- noch Mehrweg-to-go-Becher. Ähnlich geht es zwei jungen Oldesloerinnen: „Warum überhaupt to go? Ich trinke meinen Kaffee dort, wo ich bin“, sagen Ajtene Avelullahi und Adelina Bevisha. Auch Bahnfahrerin Christin Schütte greift nur in absoluten Ausnahmefällen auf den Einwegbecher zurück: „Ansonsten habe ich immer meinen eigenen Kaffee dabei.“ Ganz anders geht es drei Oldesloer Schülerinnen, die jeden Tag mit der Bahn ihren Schulweg bestreiten. Für sie ist der Einwegbecher schnell und unproblematisch. Ansonsten käme für sie lediglich der eigene Becher in Frage.

Nur wenige der in Oldesloe vertretenen Bäckereien bieten derzeit eine Alternative zum Einwegbecher an. „Wir haben seit gut einem Jahr unseren Mehrwegbecher aus Bambus im Angebot und begrüßen die Umstellung. Die Nachfrage unserer Kunden hat sich spürbar verstärkt“, sagt Gerd Hofrichter, Pressesprecher der Junge Bäckerei. Nichtsdestotrotz seien Mehrwegbecher kein einfaches Thema, gerade weil der gesamte wirtschaftliche Aufwand ungleich höher sei. Was viele Menschen nicht wissen: Auch ohne Mehrwegbecher kann man bereits in vielen Bäckereien seinen selbst mitgebrachten Becher befüllen lassen. „Das ist aus der Sicht der Lebensmittelüberwachung natürlich schwierig“, erläutert Dr. Regina Feddersen vom Kreisveterinäramt. Das Hygienerecht sieht vor, dass der Lebensmittelunternehmer die volle Verantwortung für alle Lebensmittel trägt, die seinen Betrieb verlassen.

Wenn Kunden also ihre eigenen Behältnisse zum Befüllen mitbringen, müssen Verkäuferinnen und Verkäufer so geschult sein, dass die Hygiene garantiert ist. An diesem Punkt wird es für viele Unternehmer rechtlich zu unsicher. „Mit einem Pfandsystem, in dem der Becher gereinigt und ausgetauscht wird, wäre dies kein Problem mehr“, so Feddersen. Doch so ein regionales, geschweige denn überregionales Pfandsystem, an dem sich Bäckereien beteiligen können, ist ein aufwendiges Unterfangen: „Das komplette Logistiksystem müsste neu strukturiert werden“, erläutert Hofrichter.


„Verschlimmbechert“

Es gibt auch Zweifel am Umweltnutzen von Mehrwegbechern: In seinem Artikel „Verschlimmbechert“ nennt FAZ-Redakteur Patrick Bernau die zu bedenkende Schadstoffbilanz bei der Herstellung und dem Transport der Mehrwegbecher. Weiters Problem bei der Umsetzung einer verbindlichen Mehrwegbecher-Lösung ist die gesetzliche Grundlage: Obwohl bereits lokale Unternehmen und Netzwerke mit eigenen Initiativen vorangehen, liegt die Gesetzgebungskompetenz beim Bund. Im Bundes-Umweltministerium befindet sich derzeit ein 15-monatiges Forschungsprojekt zu den Möglichkeiten und Grenzen gesetzlicher Bestimmungen zu Mehrwegbechern noch im Vergabeverfahren – mit einer überregionalen Regelung ist in nächster Zeit nicht zu rechnen.

Insgesamt scheinen aber auch in Bad Oldesloe einige Unternehmer und Kaffeetrinker auf den Zug der neuen Kaffee-Kultur aufgesprungen zu sein. Ob der Mehrwegbecher irgendwann alle umweltlichen und gesellschaftlichen Kontroversen zum Thema „Coffee-to-go“ lösen kann, bleibt abzuwarten.


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