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Stormarner Tageblatt

25. November 2017 | 01:19 Uhr

Bad Oldesloe : Auch ein Impuls will geübt sein

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Wolfgang Hußy bietet für Polizei und Verkehrswacht in Ratzeburg Sicherheitstrainings für Motorradfahrer an.

von
erstellt am 25.Apr.2014 | 11:45 Uhr

„So ein Kurs sollte eigentlich für jeden verpflichtend sein“, sagte Mona nach dem achtstündigen Motorrad-Sicherheitstraining. Sie wird auf jeden Fall noch mal kommen, nicht nur weil sie am Nachmittag das Handtuch geworfen hatte. Nachdem schon das Achten-Fahren nicht klappen wollte, ging beim Lenkimpuls gar nichts mehr.

Der physikalische Effekt, dass Zweiräder nach rechts fahren, wenn man nach links lenkt, ist essenziell fürs Motorradfahren, funktioniert aber erst dann, wenn die Kreiselkräfte wirken. Dafür muss man „im stabilen Bereich“ fahren, der bei etwa 25 km/h beginnt. Für manchen, der die 90-Grad-Rechtskurve fahren sollte, indem er auf die rechte Lenkerseite drückte, war das schon zu schnell.

Dabei ist es ganz einfach und eine Kopfsache: Wenn man sich den über Kreisel-, Flieh- und Schwerkräfte zerbricht, wird es nichts mehr mit der Kurve. Das merkten auch Robert aus Ammersbek, der mit einer 125er gekommen war, und Uwe aus Norderstedt mit seiner 360 Kilogramm schweren Harley. Lenkimpuls klappte, aber der 54-Jährige hatte Probleme, seinen schweren US-Chopper bei der Acht auf Kurs zu halten. „Ich hab’ noch kleinen Roller. Hätte ich den bloß genommen“, stöhnte er.

Uwe ist ein typischer Vertreter der Späteinsteiger. Den Motorradführerschein hat er 2010 gemacht – und schon mehrere Unfälle hinter sich. „Man hat mich mit einer Handvoll Fahrstunden auf die Straße gelassen“, sagte er zu Beginn. Und: „Die 360 Kilo meiner Harley sind das Problem.“

So wie er wusste auch Mona, warum sie sich für das Sicherheitstraining angemeldet hatte. Den Führerschein hat sie im Sommer 2013 gemacht, den Supersportler R 6 hat ihr Freund für sie ausgesucht. Seit sie in einer Kurve aufgrund zu geringer Geschwindigkeit umkippte und das Motorrad nicht selbst aufheben konnte, traute sich nicht mehr, alleine zu fahren. Mehr als 1000 Kilometer sind bisher nicht zusammengekommen. Ihren Wunsch „Hauptsache, ich lerne dazu“, kann Trainer Wolfgang Hußy schon bei den Themen richtiges Sitzen, Festhalten und Schieben des Motorrads erfüllen.

Sven aus Köthel, der den Führerschein 1986 machte und erst letztes Jahr auf ein großes Motorrad stieg, hat ambitioniertere Wünsche: „Ich möchte mehr Sicherheit in engen Kurven haben“. Die wünscht sich auch Joachim aus Hamburg, der einen großen BMW-Tourer fährt, seit 1987 kein Auto mehr hat und bei jedem Wetter fährt. Zum dritten Mal ist bereits Rolf bei einem Sicherheitstraining dabei. Mehr als gut 1000 Kilometer im Jahr fährt der 53-Jährige aber nicht mit seiner 1100er Yamaha. Michael (57) bucht sogar jedes Jahr ein Training. Reini ist zum zweiten mal mit seiner 850er Boxer-BMW dabei und mit 74 Jahren der älteste Teilnehmer. Am anderen Ende steht Eike, der mit seiner 125er Daelim vor allem „in Rechtskurven Schwierigkeiten“ hat.

Für Wolfgang Hußy ganz normal. Der 59-Jährige war bis vor drei Jahren Fahrlehrer beim Bundesgrenzschutz und bietet seit mehreren Jahren das Sicherheitstraining für alle von der Polizeidirektion und der Verkehrswacht Ratzeburg an. Er selbst spult jetzt „nur noch“ 20 000 Kilometer im Jahr ab und weiß, dass man nach der Winterpause erst wieder einkommen muss und sich „auch bei Leuten, die schon ewig fahren, oft falsche Sachen einschleichen.“

Beim Auftaktkurs 2014 sind es allerdings mehr Anfänger, Wieder- und Neueinsteiger als Erfahrene, was auch daran liegt, dass die Bedingungen für den Erwerb des Motorradführerscheins erleichtert wurden. Wie man die Betriebssicherheit eines Motorrads überprüft, mit welchem Fuß man den Seitenständer einklappt und wie man den Fuß auf die Rasten stellt, lernen viele Fahrschüler allerdings nicht.

„Das kann ich nicht“, sagen Mona und Kerstin spontan, als Hußy das Motorrad vorwärts und rückwärts schiebt und es beim Herumgehen mit nur einer Hand hält. Klappt aber doch. Beim scharfen Abbiegen vor dem Bordstein hat dann schon mancher Probleme. „Das ist etwas, was jeder beherrschen sollte. Dort, wo man hinschaut, führt man auch hin“, erklärt Hußy. Das gilt natürlich erst recht für das Kurven- und Achten–Fahren.

Das hatte zur Mittagspause eigentlich erledigt sein sollen, die meisten Teilnehmer haben aber Nachholbebarf. „Das Bremsen auf Sand und Nässe lasse ich heute weg“, sagt Hußy. Nach der Stärkung also Bremsen und Ausweichen auf Asphalt. Der Slalom und der Lenkimpuls sind Vorübung, dann müssen die Teilnehmen vor einem (fiktiven) Hindernis ausweichen, erst mit 30, dann mit 50 km/h. Anschließend werden Vollbremsungen geübt, mit blockierten Hinterrad ohne ABS, die Vollbremsung mit dem Vorderrad natürlich nur mit ABS. „Wenn das Vorderrad blockiert, stürzt man nach 1,5 Metern. Ihr müsst die Bremse sofort wieder lösen“ sagt Hußy. Wenn das Motorrad bei blockiertem Hinterrad ausbricht, darf man die Bremse auf keinen Fall loslassen: „Dann richtet sich das Motorrad ruckartig auf und ihr werdet über die Maschine geschleudert.“

Viel Stoff, vor allem für Anfänger, „obwohl ich heute nur zwei Drittel meines Programms geschafft habe“, sagt Hußy. Fast alle sind beeindruckt, wie viele Meter ihr Motorrad bei nur 50 km/h nach vorne schießt, bevor sie reagieren und in die Bremse greifen können. Fast alle wollen wiederkommen, einige sogar schon bald. Vor allem Mona hat sich das vorgenommen. Die zweite Frau im Kurs, Kerstin, hatte den Führerschein auch erst vor knapp einem Jahr gemacht, ist seitdem aber mehr als 10 000 Kilometer gefahren. Auch wenn sie bei allen Übungen erstmal Respekt hatte, meisterte sie Achten-Fahren und Bremsen zur vollen Zufriedenheit nicht nur des Trainers. „Ich bin richtig ein bisschen stolz auf mich“.

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