Armutswoche in Bad Oldesloe - aber wie!

Ab und zu flog  ein Ball über die viel zu niedrige Spielplatzbegrenzungen und landete in der Beste. Der Organisator des Turniers und Politik-Spieler, Aygün Caglar (CDU), musste deshalb auch häufiger zum Kescher greifen und den Ball 'retten'. Foto: Jokisch
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Ab und zu flog ein Ball über die viel zu niedrige Spielplatzbegrenzungen und landete in der Beste. Der Organisator des Turniers und Politik-Spieler, Aygün Caglar (CDU), musste deshalb auch häufiger zum Kescher greifen und den Ball "retten". Foto: Jokisch

Es sollte einer der Höhepunkte der Oldesloer Armutswoche werden und verlief doch so ganz anders - wie auch weitere Aktionen. Das Turnier um den "Beste-Trave-Pokal", das die CDU auf die Beine gestellt hatte, war schon nach drei Spielen vorbei.Es musste abgebrochen werden.

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15. Juni 2009, 09:28 Uhr

Bad Oldesloe | Was als Spiel gedacht war und Menschen in Bad Oldesloe zusammenbringen sollte, endete leider mit einem Zerwürfnis. Am Sonnabend, dem vorletzten Solidaritätstag, sollten sich Mannschaften aus Politik, der Produktionsschule, der Moschee und des Vereins Türkspor sportlich näher kommen.

Die Mannschaften traten mit jeweils fünf Spielern und einem Torwart im Halbfeld auf dem Kunststoffrasen des Kurparksta-dions gegeneinander an. Die Mannschaft "Stadtpolitik" war mit je einem Spieler von CDU, FDP und Grünen nicht komplett, die SPD hatte nämlich abgesagt. Deshalb wurde diese "Jamaika-Koalition" mit Schülern der Produktionsschule "aufgefüllt", spielte aber in den Farben der abwesenden Partei. Das erste Spiel des Tages verloren "Politiker" mit 1:2 gegen die Moschee. Dann die entscheidende Szene: Ein Produktionsschüler brachte einen "Moschee"-Spieler in aussichtsreicher Position zu Fall. Statt Rot für den Sünder, gab es eine Tätlichkeit des Gefoulten und eine Schlägerei brach aus.

Die Schiedsrichter und die Veranstalter sahen sich gezwungen das Turnier abzubrechen. "Die Emotionen waren nicht mehr einzufangen. So etwas wünscht man sich als Veranstalter natürlich nicht. Vor allem weil das Turnier ja gerade vor dem Hintergrund Migration und Integration durchgeführt wurde, ist das eigentlich der schlechteste Ausgang, den man sich vorstellen kann", sagte der enttäuschte Bürgerworthalter Rainer Fehrmann. "Wir werden den Pokal also noch ein wenig kaltstellen und versuchen, nach den Sommerferien einen zweiten Anlauf. Zumindest wollen wir allen eine Chance geben. Die beiden Streithähne sollen sich nach dem Duschen die Hand gegeben haben. So etwas passiert halt, wenn es ums Gewinnen geht", zeigt sich Fehrmann dennoch optimistisch.

Das war nicht der einzige Wermutstropfen des gut gemeinten Veranstaltungsreigens. Die Schwimmhalle drohte auf Grund des freien Eintritts unter der Woche aus allen Nähten zu platzen. Stress war da vorprogrammiert. Leider vergaßen auch viele Erwachsene ihre Höflichkeit. "Wie immer, wenn es etwas kostenlos gibt, haben manche Angst, zu kurz zu kommen", berichtete eine frustrierte Jugendliche, die schon in der Kabine "angemotzt" worden sei. Man habe sie gefragt, was sie dort wolle, sie habe ja wohl genug Geld, um auch sonst zu kommen. Sogar von Drohungen und Attacken gegen Bademeister berichten schockierte Besucher. 700 Besucher am Freitag waren einfach zu viel. Vor allem die Stammgäste ärgerten sich über das Verhalten vieler Gäste, die wegen des freien Eintritts gekommen waren. Noch ungebetener waren die Gäste, die die Gelegenheit nutzten, um bei freiem Eintritt ihre Taschen zu füllen. Durch die Umkleidekabinen wurde eine regelrechte Diebestour gestartet. Portemonaies, Autoschlüssel, Bekleidung bis hin zum Duschgel wurden entwendet. Dafür mussten die Diebe nicht einmal Schränke aufbrechen. Zu vertrauensselig hatten viele der Gäste ihre Sachen offen in den Umkleiden liegen lassen. Ein Vater musste mit seinen zwei Söhnen in Badehose ausharren und auf die Polizei warten, nachdem man ihm Geldbörse, das Schlüsselbund und sämtliche Bekleidung geklaut hatte. "Ich bin froh, dass die Diebe auf dem Parkplatz mein Auto nicht gefunden haben. Das stand noch da", berichtet er.

Auch die Diskussionsrunde zum Thema "Bildungskatastrophe Armut" hatte keine neuen Erkenntnisse, sondern reichlich Frust erzeugt (wir berichten). Politiker, die am Thema vorbeiredeten und Schulkonzepte aus ihren Parteiprogrammen referierten und mit dem Thema Armut offensichtlich nichts anfangen wussten. Vor allem der Parlamentarische Staatssekretär Franz Thoennes (SPD) hatte sich mit seinem Auftritt den Zorn der Zuhörer und seiner Parteifreunden zugezogen. Thoennes schockierte mit dem Satz, dass nicht Hartz IV das Problem für viele Familien sei, sondern die Empfänger oft nicht mit Geld wirtschaften könnten. "Es wird zu oft über Arme, aber nicht mit den Armen gesprochen", mahnte der Oldesloer Pastor i.R. Caesar.

Nächstes Ärgernis der Armutswoche: Ein heftiger Streit entflammte über den Film "Wohnhaft" von Filmemacherin Dieta Rau. Sie hatte ohne Drehgenehmigung gemeinsam mit dem FIT-Verein eine Dokumentation über Asylbewerber in der Unterkunft des ASB in Bad Oldesloe gedreht. Das fand der ASB nicht korrekt. Das sei Hausfriedensbruch. Juristische Konsequenzen wurden angedroht. Da sich die Filmemacherin weigerte, dem ASB eine Vorsichtung und mögliche Zensur zu ermöglichen, wurde der Film nicht gezeigt. Bürgerworthalter Rainer Fehrmann: "Ich finde das bedauerlich. Das hätte man im Vorwege besser klären können".

Damit genug: Beim Gottesdienst, an dem die islamische, katholische und die evangelische Kirche gemeinsam teilnahmen, wartete man vergeblich auf die angekündigten Vertreter der freikirchlichen Gemeinde. Diese erschienen einfach nicht. "Schade, denn es ging ja gerade um Miteinander und Toleranz. Das ist bedauerlich und unnötig", heißt es aus Reihen des Organisationsteams.

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