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Bargteheide : Angeklagter zeigt Reue – und Anzeichen von Verwirrung

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Fünfter Verhandlungstag am Landgericht Lübeck im Bargteheider Mordprozess gegen Sven S. (35).

shz.de von
erstellt am 06.Sep.2017 | 06:00 Uhr

„Svea hat ihr Leben geopfert, um meines zu retten“, schreibt der 36-jährige Angeklagte Sven S. in einem seiner zahlreichen Briefe aus der Justizvollzugsanstalt Lübeck. Immer wieder drückt er darin sein Bedauern über die Tat aus. Diese bewegt seit mehr als einem Jahr ganz Stormarn. Sven S. ist angeklagt, seine Ex-Freundin aus niederen Motiven und heimtückisch mit drei Schüssen niedergestreckt und getötet zu haben. Die Staatsanwaltschaft plädiert auf Mord, die Verteidigung erhofft sich eine Verurteilung wegen Totschlags.

Die Tat, die am 12. August letzten Jahres in einem Mietshaus in der Alten Landstraße in Bargteheide geschah, hatte für großes öffentliches Aufsehen und starke Anteilnahme gesorgt. Das Opfer Svea T. hatte im Restaurant des Erdbeerhofs Glantz in Delingsdorf gearbeitet. Sie war bei vielen beliebt und bekannt.

Am fünften Verhandlungstag des neu aufgerollten Prozesses verliest der vorsitzende Richter Christian Singelmann diverse Briefe des Angeklagten an seine Familie, Freunde und auch an die Familie des Opfers. Die Eltern von Svea T. waren gestern aber nicht anwesend.

In seinen ersten Briefen seht Sven S. noch ganz unter dem Eindruck seiner Tat, schreibt davon, dass er den ganzen Tag weinen müsse und „auf Entzug“ sei. Er könne nicht begreifen, wie es zu der Tat kommen konnte, sein Kopf sei „zugeballert“ gewesen. Er wisse nicht einmal mehr, wie er von der Tatwohnung bis zu einem Bekannten auf den Campingplatz in Ammersbek gekommen sei. Er müsse wohl sechs bis acht Stunden nicht weit von der Wohnung in der Alten Landstraße gelegen haben. In seiner Wohnung habe man ja auch Kokain gefunden.

In einem seiner Briefe erhebt er schwere Vorwürfe gegen die Mitarbeiter des Erdbeerhofs. Immer wieder habe er seiner Ex-Freundin geraten, einen neuen Arbeitsplatz zu suchen, denn die seien „alle voll drauf“ gewesen. Er werde „den Laden hochgehen“ lassen, wenn man im Körper von Svea T. Drogen finden werde.

In mehreren Briefen an die Familie des Opfers bittet er um Verzeihung. „Es tut mir leid“ schreibt er immer wieder. Er habe Svea über alles geliebt. Die zu erwartende Haftstrafe – er rechnet mit neun bis zehn Jahren – sei ein Witz gegen die Schuld, die er bis an sein Lebensende mit sich herumtrage müsse. Das sei für ihn die „Höchststrafe“. Kurz nach der Tat habe er versucht, sich in Haft das Leben zu nehmen.

„Ich will zu Svea“ schreibt er an deren Eltern und bezeichnet das Opfer als „unseren Engel“, der jetzt hoffentlich im Paradies sei. Auf der gesamten Brust sei er mit dem Namenszug und den Geburtsdaten des Opfers tätowiert. „Sie wird für den Rest meines Lebens bei mir sein“, steht in einem weiteren Brief an Sveas Mutter.

Die Schuld sucht er in seiner Kokainsucht und zu „90 Prozent“ im Verhalten des Vaters. „Ich bin kein Mörder“, betont er. Er werde nie erklären können, wie es zu den drei Schüssen gekommen sei. Es sei wohl ein „dämlicher Unfall“. Svea sei „durch meine Hände zu den Engeln gekommen“. Heute frage er sich, warum er Svea gleich nach der Tat nicht geholfen habe.

Man hätte bei dem Angeklagten nach diesen emotionalen Briefen durchaus eine tiefe Reue vermutet, wären seine neueren Briefe nach den ersten Verhandlungstagen Anfang des Jahres nicht immer diffuser und unverständlicher geworden. Er hofft darin auf „eine außergerichtliche Einigung“ mit der Familie des Opfers und wirft den Eltern vor, nicht genügend zu trauern.

„Die Menschen da draußen verstehen nicht, dass es ein Unfall war“, beklagt er sich in einem Brief an seine Familie. Die „Drecksdroge“ sei stärker als er gewesen. Er habe sich in den letzten Monaten vor der Tat verfolgt gefühlt, man habe versucht, Beweise zu verdunkeln.

Ihm sei zu Ohren gekommen, schreibt er, dass Svea T. ein V-Mann gewesen sei. Ein Zeuge habe definitiv bei Gericht gelogen. Das Gutachten über die Einschusslöcher und das Medikamenten-Gutachten zweifelt er an, auch die Kriminalbeamten hätten bei ihrer Zeugenaussage gelogen. Seine Ex-Freundin und er seien immer noch zusammen gewesen, sie hätten ihre Beziehung nur verheimlicht (Tatsache ist, dass das Opfer eine einstweilige Verfügung gegen ihn erwirkt hatte). Außerdem sei er eigentlich der liebste Mensch. Richter und Staatsanwalt würden sich normalerweise über ihn als Schwiegersohn freuen. Da kann sich selbst Richter Christian Singelmann ein kleines Schmunzeln nicht verkneifen.




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