Bargteheide : Angeklagter mit zwei Gesichtern

Aussagen von Zeuginnen bringen Licht in das Privatleben des Angeklagten
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Aussagen von Zeuginnen bringen Licht in das Privatleben des Angeklagten

Der angeklagte 35-Jährige soll seine Ex-Freundin in Bargteheide ermordet haben. Zwei Zeuginnen lüften einige Geheimnisse vor Gericht. Unter anderem geht es um 131 Anzeigen wegen häuslicher Gewalt.

shz.de von
22. März 2017, 11:48 Uhr

Sven S. ist angeklagt, seine ehemalige Freundin Svea T. ermordet zu haben. Am vierten Verhandlungstag lichtet sich der Schleier um die drei tödlichen Schüsse am 12. August vergangenen Jahres in Bargteheide etwas. Staatsanwalt Niels-Broder Greve wirft dem mehrfach wegen häuslicher Gewalt und anderer Delikte vorbestraften 35-Jährigen vor, heimtückisch und aus niederen Beweggründen gehandelt zu haben. Unter Vortäuschung falscher Tatsachen habe er die lebenslustige und fröhliche Frau in seine Wohnung gelockt und dort erschossen. Vor Ort erlag sie ihren Verletzungen. Svea T. war passionierte Reiterin, arbeitete bei Glantz in Delingsdorf und war allseits beliebt.

Obwohl Sven S. erst eine Aussage zu seiner Person und der Tat machen will, wenn er seinen Wahlverteidiger gestellt bekommt, lüften gleich zwei Zeuginnen einige Geheimnisse um sein Wesen, seinen Lebenslauf und das Motiv seiner mutmaßlichen Tat.

Die erste Zeugin aus Barsbüttel gibt Einblicke in ihre Beziehung zum Angeklagten. Während einer Haftunterbrechung des Angeklagten habe sie ihn kennengelernt und sei bis 2012 mit ihm liiert gewesen. Ein gemeinsames Kind wurde im Jahr 2008 geboren. Als Trennungsgrund gibt die heute 36-Jährige Eifersucht, Aggressivität und Kontrollzwang von Seiten des Angeklagten an. Er habe sie bei einem Streit mit einem Messer bedroht, sich anschließend selbst in die Brust geritzt. Eine weitere Handgreiflichkeit sei dann das I-Tüpfelchen für eine Trennung gewesen. Sie sei anschließend für mehrere Wochen in ein Frauenhaus geflüchtet, Sven S. habe ihr aber immer wieder aufgelauert, sie und ihre Familie massiv bedroht, habe bei ihrer Arbeitsstelle angerufen und gedroht, dort alles „platt zu machen“. Sie beschreibt den Angeklagten als „ein Mann mit zwei Gesichtern“. Sie habe ihn ohne Erfolg zum Therapeuten und zur Gruppe „Männer gegen Männergewalt“ geschickt, wo man ihr sagte, sie solle sich und ihr Kind in Sicherheit bringen. Auch Drogen habe er genommen. Sie erwirkte eine einstweilige Verfügung.

Die Zeugin stand auch in Kontakt mit Svea T. Die jungen Frauen hätten sich über ihre Beziehung zum mutmaßlichen Täter ausgetauscht. Die Frauen hätten sich gefragt, was für „Schäden“ er im Kopf habe. Die Zeugin riet dem Opfer zu einer sofortigen Trennung. Der Angeklagte könne jedoch auch sehr hilfsbereit und zuvorkommend sein, die beiden Frauen seien nach mehrmaligen Kurz-Trennungen immer wieder auf seine „Masche“ hereingefallen. Das Opfer habe ihr gestanden, Angst vor Sven S. gehabt zu haben.

Ein weiteres Kind hat der Angeklagte mit seiner ersten Freundin, die ebenfalls als Zeugin aussagt. Sie seien bis 2007 verlobt gewesen. Bevor sie zusammenkamen, habe Sven S. bereits sieben Jahre im Gefängnis gesessen. Sie schildert ihn als besitzergreifend, aggressiv und extrem eifersüchtig. „Er konnte sehr penetrant sein und war ein absoluter Kontrollfreak“, so die Ex-Freundin. Natürlich sei er handgreiflich geworden, es habe jede Menge Ohrfeigen gegeben, sie habe insgesamt 131 Anzeigen bei der Polizei wegen häuslicher Gewalt erstattet. Und zweigleisig sei er auch gefahren, natürlich seien da auch andere Frauen gewesen. „Aber wir waren jung, ich habe ihm alles verziehen“, so die 34-Jährige.

Sven S. sei aber kein schlechter Mensch, man habe heute noch guten Kontakt und sei auch mit Svea T. gemeinsam feiern gegangen. Der Angeklagte habe regelmäßig Anabolika und Drogen konsumiert. Sven T. habe ihres Wissens die Förderschule besucht, keine Ausbildung gemacht und als Steinsetzer und im Garten- und Landschaftsbau gearbeitet. Kurz vor der Tat habe er sie verzweifelt angerufen, geweint und behauptet, nicht mehr weiter zu wissen. Ob es sich dabei um seinen Drogenkonsum oder aber die Beziehung zu Svea T. handelte, bleibt im Dunkeln. Zudem habe es Streit um Geld mit dem Vater des Opfers gegeben.

Ein weiterer Zeuge, der auf einer Baustelle in Dänemark mit dem Angeklagten einige Wochen vor der Tat als Gerüstbauer gearbeitet hatte, spricht von 60  000 Euro. Doch wer wem welches Geld gegeben haben soll, kann vorerst nicht geklärt werden. Der Zeuge erzählt von regelmäßigen Pokerrunden mit dem Angeklagten, bei denen dieser immer mal wieder Drogen konsumiert habe.

Die 24-jährige beste Freundin des Opfers kämpft während ihrer Aussage mit den Tränen. Svea T. habe ihr von Drohungen des Angeklagten erzählt. Nach der Trennung habe er sie von der Straße gedrängt, habe ihr auf dem Erdbeerhof aufgelauert. Sie habe den Verdacht geäußert, dass der Angeklagte das Pferd ihrer Mutter verletzt habe. Auf der Straße habe sie sich immer wieder ängstlich umgeschaut und habe nur einmal in ihrer neuen Wohnung geschlafen, sich sonst zu ihren Eltern geflüchtet. Einmal habe sie geweint und gesagt: „Ich kann nicht mehr“, dann habe sie sich wieder aufgerappelt. Denn, so die Freundin, Svea T. sei eine sehr starke Frau gewesen, die sich immer durchgekämpft und nie aufgegeben habe.

Dies bestätigt auch ein befreundeter Pferdewirt, der ebenfalls seine Tränen nicht unterdrücken kann und das Opfer als einen „Sonnenschein“ und „immer fröhlich“ bezeichnet. Deshalb sei ihm und seiner Frau auch aufgefallen, wie bedrückt sie kurz vor ihrem Tod gewesen sei. Klagen über kleine Streitigkeiten in seiner Beziehung habe sie abgetan und gesagt: „Ihr habt doch keine Probleme. Andere Leute müssen Angst um ihr Leben haben.“ Das sei das Päckchen, das sie mit sich trage.

Der Vorsitzende Richter Christian Singelmann setzte den nächsten Verhandlungstag in Lübeck für Montag, 3. April, um 9 Uhr an.


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