Reinbek : Angeklagte kommen mit blauem Auge davon

Am Landgericht Lübeck wurde der Tankstellenüberfall verhandelt.
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Am Landgericht Lübeck wurde der Tankstellenüberfall verhandelt.

Das Gericht wertet den Tankstellenüberfall als minder schweren Fall. Die Angeklagten wurden zu Bewährungsstrafen verurteilt.

shz.de von
23. Januar 2018, 06:00 Uhr

Mit den Worten „Überfall! Geld her!“ betrat ein 22-Jähriger aus Glinde im Januar 2017 eine Tankstelle an der Möllner Landstraße in Reinbek. Da die Tankstelle seit einiger Zeit aufgrund vorheriger Überfälle in der Umgebung von Polizeibeamten observiert wurde, klickten für Walid B. noch vor Ort die Handschellen. Von einem Beamten wurde er zu Boden gebracht, ließ sofort seine Waffe fallen – eine 9 Millimeter-Schreckschuss-Gaspistole. Während der Verhandlung gegen ihn und einen weiteren Mittäter, Marvin S. aus Glinde, wegen besonders schwerer räuberischer Erpressung vor dem Landgericht Lübeck wird schnell klar, dass der Plan der beiden jungen Männer wenig durchdacht, ihre Ausreden noch weniger überzeugend sind. Angeblich aus Geldmangel habe Walid B. einen Raubüberfall ins Auge gefasst. Seine Schulden hätten rund 800 Euro betragen – kein Grund für die Staatsanwaltschaft, eine solche Tat zu planen. Die Schusswaffe habe er angeblich von seinem Freund Marvin S. erhalten. An den Chatverkehr rund um das Thema Raubüberfall wollen sich beide Männer nicht genau erinnern können. Richterin Helga von Lukowicz glaubt ihnen nicht, die Beweise seien einfach zu eindeutig. „Finden Sie nicht, dass ihre Aussage sich etwas komisch anhört?“, fragt sie die Angeklagten immer wieder. Weder können sich die Männer an die genaue Planung noch an die Lagerung von zwei Wollmützen – umfunktioniert als Sturmhauben – erinnern, geschweige denn daran, wer diese besorgt oder im Auto deponiert habe. Sicher ist, dass Marvin S. wegen unerlaubtem Fahrens ohne Führerschein vorbestraft ist. Was ihn jedoch nicht daran hindere, trotzdem in der Tatnacht am Steuer gesessen zu haben, wie die Staatsanwaltschaft betont. Ein Video, das im Gerichtssaal gezeigt wird, beweist seine Fahrkünste.

Marvin S. aber will am Tatabend gar nicht dabei gewesen sein, sondern seinen Freund Walid B. überredet haben, den Überfall allein zu verüben. Als Pfand für die ihm überlassene Schusswaffe habe er den Auto- und Haustürschlüssel von Walid B. einkassiert. Sehr unglaubwürdig, findet das Gericht diese Version der beiden Männer, zumal er so das in der Nähe des Tatortes abgestellte Fluchtauto habe gar nicht benutzen können. Observationsbeamten hätten eindeutig Walid B. und einen weiteren Verdächtigen beobachtet, wie sie nahe des Tatorts in ein Gespräch verwickelt gewesen seien. Möglicherweise gebe es also noch einen dritten Mitwisser. „Schließlich lesen die Observationsbeamten keine Zeitung, ihnen ist nichts entgangen“, so die Richterin. Merkwürdig erscheint der Richterin auch die Aussage von Walid B., der Akku seines Handys hätte ausgerechnet dann versagt, als er mit seinem Freund habe telefonieren wollen. „Sie schreiben ständig Nachrichten und wissen nichts mehr davon“, wundert sich die Richterin. Man mache sich ernsthaft Sorgen über das Gedächtnis der Angeklagten.

Die Staatsanwältin fordert drei Jahre und acht Monate Haft für versuchte räuberische Erpressung in einem nicht minderschweren Fall für Walid B. sowie zwei Jahre und sechs Monate für die Beihilfe zur Erpressung für Marvin S. Die Verhandlung muss unterbrochen werden, weil Walid B. in Tränen ausbricht und sich nur schwer beruhigen kann. Anschließend sprechen die Verteidiger von Überforderung und Unreife ihrer Mandanten. Es handele sich um einen minderschweren Fall, dazu dilettantisch ausgeführt. Maximal zwei Jahre auf Bewährung fordert die Verteidigung für beide – auch wegen der günstigen Sozialprognose. Das Gericht braucht zwei Stunden zur Beratung und verurteilt Walid B. zu zwei Jahren auf Bewährung, Marvin S. wegen Beihilfe zu 22 Monaten auf Bewährung. Es schenkt der Version keinen Glauben, Marvin S. habe seinen Freund allein zum Überfall geschickt. Viele Dinge blieben wegen der Lügen der Freunde im Unklaren, was aber an der Tatsache nichts ändere. Für Walid B. spreche, dass er ein Geständnis abgelegt, sich beim Opfer entschuldigt, Reue gezeigt, keine scharfe Waffe benutzt habe, nicht vorbestraft sei und eine günstige Sozialprognose habe. Weniger Reue habe Marvin S. gezeigt, doch sei er nur geringfügig vorbestraft. Auch seine Sozialprognose sei günstig, bemühe er sich doch um einen Ausbildungsplatz. Der verhinderte Überfall sei als minderschwerer Fall zu bewerten.


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