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Bundestagswahl : „An dieser Stelle ist das Kreuz genau richtig“

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Mobiler Wahlvorstand – wenn die Wahlbox direkt ins Altenheim zu betagten Menschen kommt. Seit 50 Jahren ist Gisela Strehlow als ehrenamtlicher Wahlvorstand für die Stadt im Einsatz.

„Na, das hab’ ich doch gerne gemacht“, sagt Anneliese Carstens, nachdem sie zwei Kreuzchen auf ihrem Wahlzettel gemacht und den gefalteten Bogen Papier in die bereit stehende Wahlbox geworfen hat. Die 90-Jährige ist eine von 60 Bewohnern des Hauses am Kurpark, die gestern beim so genannten mobilen Wahlvorstand im Wintergarten des Pflegeheims Riedel gewählt haben. Was, das weiß außer ihr nur noch Gisela Strehlow, Vorsitzende des dreiköpfigen mobilen Wahlvorstandes, zu dem Elena Mrasow als Beisitzerin und Iris Bober als Schriftführerin gehören. Die drei Oldesloerinnen führen ihr Amt ehrenamtlich aus. Sie geben die Wahlzettel aus und setzen ein Häkchen hinter den Namen der Bewohner, die bereits gewählt haben. Gisela Strehlow hilft den betagten Wahlberechtigten, wenn sie nicht mehr gut sehen können, den Stift nicht mehr halten oder den Wahlzettel nicht in die Urne werfen können.

„Rund ein Drittel der Senioren kommt zu uns an den Wahltisch, zwei Drittel suchen wir in ihren Zimmern auf“, erzählt Iris Bober. Die Bewohner des Alten- und Pflegeheims Riedel kommen mit Gehstöcken, Rollatoren oder im Rollstuhl zur „Wahlkabine“, die aus einem runden Tisch mit Sichtschutz und einem Stuhl besteht. Wer „seine“ Partei nicht findet, weil er seine Brille vergessen hat, dem leiht Gisela Strehlow auch gern ihre eigene Gleitsichtbrille zum Kreuzchenmachen. Ein alte Dame sucht mit einer großen Lupe ihre Partei, macht das Kreuzchen dann aber genau zwischen zwei Kreise. „Der Zettel ist jetzt leider ungültig, Sie müssen noch mal neu ankreuzen“, sagt die Wahlhelferin und zerreißt den Wahlzettel mit dem misslungenen Wahlversuch. Diesmal hilft Gisela Strehlow der Seniorin beim Ankreuzen, diesmal ist der Wahlzettel auch gültig.

„Einige Senioren wissen zwar nicht genau, wen sie wählen wollen, die meisten sind sich aber sicher, dass sie wählen wollen“, sagt Gisela Strehlow, die seit genau 50 Jahren als ehrenamtliche Wahlhelferin tätig ist. „Es ist schön und interessant, mit den alten Damen und Herren ins Gespräch zu kommen“, sagt die 72-Jährige, die viele der Senioren auch persönlich kennt. „Wenn jemand überhaupt nicht weiß, welche Partei er wählen soll, dann frage ich, was er denn früher gewählt hat. Da kommt meist eine Antwort“, erzählt Gisela Strehlow.

Edith Jensen, die in der sozialen Betreuung des Hauses tätig ist, begleitet die Senioren zum Wahltisch, hilft ihnen auf den Stuhl oder schiebt den Rollstuhl in die richtige Position. Natürlich würden auch verwirrte und demente Bewohner gefragt, ob sie wählen wollen. „Wir fragen grundsätzlich jeden, erklären und erläutern alles, aber manche regen sich so sehr auf, dann lassen wir es lieber.

Einige Bewohner wollen gar nicht wählen, hätten sogar Angst davor, weiß Iris Bober, die mit ihren Kolleginnen vom mobilen Wahlvorstand auch in die Zimmer des Heims geht. So können dann sogar Bettlägerige ihr Kreuzchen machen. Einige Senioren brauchen und wollen keine Hilfe. „Ein alter Herr betonte, er kenne das alles, er sei ja schließlich nicht dement“, so Gisela Strehlow. Auch Karl-Heinz Freier braucht fast keine Hilfe. Der 78-Jährige Rollstuhlfahrer wirft den Zettel selbst in den Kasten, nachdem er seine Kreuzchen gesetzt hat. Nach vier bis fünf Stunden ist der Wahldienst des mobilen Wahlvorstandes beendet. Fast alle Senioren im Haus am Kurpark haben gewählt, die älteste Wählerin ist immerhin 97 Jahre alt.

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