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Flüchtlinge in Rondeshagen : Amt Berkenthin kauft dem Land Disko für Erstaufnahme weg

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Das Amt im Herzogtum Lauenburg will den Bau eines Containerdorfs für Flüchtlinge verhindern und kauft dafür eine Groß-Disko.

shz.de von
erstellt am 27.Okt.2015 | 08:55 Uhr

Gross Weeden | Das Amt Berkenthin (Kreis Herzogtum Lauenburg) hat ein Grundstück in Rondeshagen, auf dem das Land eine Erstaufnahme mit 1500 Plätzen für Flüchtlinge einrichten wollte, gekauft und damit diese Nutzung verhindert. Das Amt Berkenthin, zu dem elf Gemeinden gehören, habe pro Jahr selbst 128 und im nächsten Jahr 158 Flüchtlinge unterzubringen und benötige hierfür Platz, sagte der Bürgermeister von Rondeshagen, Andreas Albrecht (CDU), am Montag. Der Wohnungsmarkt sei leer gefegt.

Der kleine Ort war erst vor knapp einer Woche darüber informiert worden, dass auf dem Gelände der nach eigenen Angaben „größten Diskothek Norddeutschlands“, der „Nacht-Arena Ziegelei“, eine Flüchtlingsunterkunft errichtet werden soll. Die Bürgermeister der Gemeinden Rondeshagen und Sierksrade waren von den Planungen bei einem Gespräch mit der Stabsstelle der Landespolizei überrascht worden. Viele Bürgermeister in Schleswig-Holstein fühlen sich vom Innenministerium schlecht informiert.

Innen-Staatssekretärin Manuela Söller-Winkler stand die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben. Wenige Minuten, nachdem sie die Information erhalten hatte, stellte sie sich der Presse. Sie sei nicht düpiert, aber doch überrascht, sagte die SPD-Politikerin am Montag. Über die Hintergründe konnte sie noch gar nichts sagen. „Ich muss jetzt erst einmal klären, wie wir mit dieser Nachricht umgehen sollen.“

Am Sonntag hat der Eigentümer, Sigurd Sierig, die „Ziegelei“ samt Außenflächen (drei Hektar) an das Amt Berkenthin für eine Million Euro verkauft.

Einen Affront des Amtes gegen das Land wollte Söller-Winkler zumindest offiziell nicht in dem Vorgang sehen. Über die Motivlage, das Grundstück zu kaufen, wisse sie nichts, und darüber wolle sie auch nicht spekulieren. „Ich finde es aber bedauerlich, dass auf diese Art die Errichtung nun nicht mehr möglich ist, denn wir brauchen weitere Standorte für Erstaufnahmeeinrichtungen für Flüchtlinge. Das Letzte, was uns passieren darf, ist, dass diese Menschen in der Obdachlosigkeit landen.“

Wo die 1500 Menschen, die eigentlich in den nächsten Wochen in Rondeshagen einziehen sollten, nun unterkommen, konnte Söller-Winkler gestern nicht sagen. Man sei ständig auf der Suche nach neuen Standortmöglichkeiten. Sie hoffe, dass es gelingt, rechtzeitig und schnell Alternativen zu schaffen. „Wir sind aber leider nicht in der komfortablen Situation, immer gleich Ausweichmöglichkeiten zu haben.“

Einen schwarzen Peter wollte sich das Amt Berkenthin gestern nicht zuschieben lassen. Der Kauf sei ein ganz normales Grundstücksgeschäft gewesen. „Verkäufer und Käufer waren sich einig, dass die elf Gemeinden des Amtes ein gutes Konzept, insbesondere zur Betreuung und Integration von Flüchtlingen haben“, erklärte Amtsvorsteher Karl Bartels. „Für Herrn Sierig war unser Konzept sympathischer als das des Landes. Er empfand es als verträglicher für die Region“, fügte Bartels hinzu.

Der Plan seines Amtes sieht nun vor, dort, wo das Land eine Erstaufnahme für 1500 Flüchtlinge plante, elf Doppelhäuser zu errichten. Im Sommer kommenden Jahres sollen diese Häuser von Flüchtlingen bezogen werden. Eine Erweiterung sei denkbar, aber noch nicht beschlossen. „Die Willkommenskultur und das ehrenamtliche Engagement in unseren Dörfern ist überragend, allerdings auch endlich“, erklärte Bartels. Sein Amt liege bei der Erfüllung der Aufnahmequoten stets vorn.

Dr. Christoph Mager, Landrat des Kreises Herzogtum-Lauenburg, kann den Schritt des Amtes Berkenthin nachvollziehen. Seiner Ansicht nach hätte es mit einer Erstaufnahme in der geplanten Größenordnung große Engpässe in „menschlicher und technischer Hinsicht gegeben.“ Das jetzt entstandene Problem sei die Folge der mangelnden Abstimmung zwischen Land und Kommune.

In diese Kerbe schlägt auch Daniel Günther. „Die Entscheidung des Amtes ist eine Konsequenz der desaströsen Kommunikationspolitik der Landesregierung mit den Verantwortlichen vor Ort“, sagte der CDU-Fraktionschef. Hätte die Landesregierung vorher mit den Menschen und den politischen Entscheidungsträgern gesprochen, „dann hätte sie frühzeitig erfahren, dass der Betrieb einer Erstaufnahmeeinrichtung in der angedachten Größenordnung überhaupt nicht zu gewährleisten gewesen wäre.“

Die Landesregierung erwartet dieses Jahr mehr als 50.000 Flüchtlinge. Seit Jahresbeginn kamen mehr als 30.000, im Oktober bereits mehr als 6000. Im gesamten Jahr 2014 waren es etwa 7600.

Bislang sind in Schleswig-Holstein rund 12.000 Flüchtlinge in zwölf Erstaufnahmeeinrichtungen untergebracht.

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