Heavy-Metal-Festival : Alter schützt vor Wacken nicht

Rüstig statt rostig: In der Seniorenresidenz Laurentius stimmten sich die Bewohner mit Metal-Musik und einem Doku-Film auf das Wacken Open Air ein. Foto: Brandao
Rüstig statt rostig: In der Seniorenresidenz Laurentius stimmten sich die Bewohner mit Metal-Musik und einem Doku-Film auf das Wacken Open Air ein. Foto: Brandao

"Wackeeeen", grölt es aus einem Meer aus Rollatoren und Gehstöcken. 30 Rentner bereiten sich auf ihren Besuch der Metal-Hochburg vor.

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03. August 2013, 11:03 Uhr

Itzehoe | Abends, halb acht im Seniorenheim: 30 Rentner sitzen zusammen am Tisch. Alle tragen schwarz. An den Wänden hängen schwarze Luftballons, auf den Tischen stehen ein paar Astra-Knollen. Im Hintergrund läuft ACDC. Auf Kommando strecken alle Bewohner ihre Arme in die Luft. Die Hände zu Fäusten geballt, Zeigefinger und kleiner Finger weit abgespreizt. "Wackeeen" grölt es aus dem Meer aus Rollatoren, Rollstühlen und Gehstöcken. Es ist Metal-Abend in der Itzehoer Laurentius Seniorenresidenz.
Während in dem Altenheim sonst eher Helmut Lotti oder Kartenspiele auf dem Programm stehen, dreht sich heute alles um das größte Heavy Metal Festival der Welt. Mit einer Doku über den Aufbau des Mega-Festes, die per Beamer auf eine selbst gebastelte Leinwand aus Bettlaken geworfen wird, sollen die Senioren einen ersten Eindruck davon bekommen, was sie am nächsten Tag erwartet. Denn da geht es mit der ganzen Truppe mitten ins schwarze Getümmel.

"Die waren sofort begeistert"

Die Idee für die ungewöhnliche Aktion hatte Altenpflegerin Nadine Stockfleth. Doch den Stein ins Rollen gebracht hatten die rüstigen Rentner selbst. "Viele Bewohner sind jedes Mal ganz neugierig, wenn die vielen Metalheads am gegenüberliegenden Bahnhof ankommen. Da dachten wir uns, wenn sie schon so ein Interesse zeigen, können wir uns das Ganze ja auch mal aus der Nähe angucken."
Die 29-jährige schrieb die Organisatoren an und bekam prompt eine Antwort. "Die waren sofort begeistert und haben uns aufs Gelände eingeladen." Einen Karton mit T-Shirts und Postkarten gab es obendrauf.

"Ich bin besonders gespannt, wie die da wohnen"

Seitdem herrsche unter den Heimbewohnern helle Aufruhr. Jeden Morgen beim Frühstück wurde fleißig der Wacken-Gruß geübt. Ganz bis aufs Festivalgelände trauen sich die Rentner zwar nicht, aber ein ausgiebiger Rundgang durch das Dorf samt anschließendem Kaffeetrinken fand sofort Anklang. "Das muss man doch mal gesehen haben", findet Anneliese Friedrich, schließlich sollte man ja wissen, wo sich die Enkelkinder in ihrer Freizeit so rumtreiben.
Was genau sie in Wacken erwarte, wisse Anne Vogel zwar nicht. Aber eine grobe Vorstellung hat die Dame, die mit ihren 98 Jahren wohl eine ältesten Metal-Fans in Wacken sein wird, schon: "Die hören da ja diese laute Musik." Ihr Geschmack sei das nicht, aber auf das Spektakel will sie trotzdem nicht verzichten. "Ich bin besonders gespannt, wie die da wohnen", sagt sie.
Klischees über langhaarige Teufelsanbeter oder brachiale Trunkenbolde sucht man bei der patenten Frauentruppe vergebens. "Wir freuen uns, dass wir dabei sein dürfen", sagt Anneliese Friederich und ihre Freundin Anne Vogel ergänzt: "Welches Altenheim macht schon solche tollen Sachen?" Egal, was sie in der Stadt der Headbanger alles erwartet, in einem sind sie sich einig: "Wir sind zu jeder Schandtat bereit."

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