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Stormarner Tageblatt

23. Oktober 2017 | 21:49 Uhr

Als der Krieg nach Sülfeld kam

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Vor 70 Jahren: US-Bomber stürzt am Dorfrand ab / Ermittlungen nach dem Zweiten Weltkrieg wegen möglicher Kriegsverbrechen

shz.de von
erstellt am 21.Mai.2014 | 11:00 Uhr

Das Dröhnen der Motore muss unvorstellbar gewesen sein: Formationen aus 1000 und mehr Flugzeugen waren vor 70 Jahren keine Seltenheit am Himmel über Stormarn. Die britischen und US-amerikanischen Bomberformationen flogen beinahe täglich über das Reichsgebiet und luden ihre tödliche Fracht über Städten und Rüstungsanlagen ab.

Meist konnten die Stormarner relativ gelassen auf die unzähligen Kondensstreifen am Himmel reagieren – es gab auf den Dörfern kaum kriegswichtige Ziele. Am 24. Mai 1944 sollten die Sülfelder den Krieg jedoch hautnah zu spüren bekommen.

Am Morgen des Tages – ein Mittwoch – starteten 616 Bomber und fast ebenso viele Begleitjäger in England zu einem Angriff auf Berlin. Das Wetter war nicht ideal: starke Winde der Stärke 6, teilweise eine geschlossene Wolkendecke und zeitweise Regen. Dennoch stellte die US-Luftwaffe ihren Bomberstrom zusammen und schickte ihn in Richtung Reichsgebiet. Um kurz vor 10 Uhr heulten die Sirenen auch in Stormarn – Fliegeralarm. Noch kannten die Deutschen das Ziel der scheinbar endlosen Kette von Bombern nicht, erkannten nur die Richtung des Angriffs. Etwa 200 Jagdflugzeuge setzte die deutsche Luftwaffe der Übermacht entgegen. Etwa 460 Bomber erreichen schließlich die Reichshauptstadt. Nach englischen Angaben kehrten zehn Begleitjäger und 33 Bomber nicht zu den Absprungsplätzen in England zurück.

Eine der Maschinen – die Boeing B-17 mit der Werknummer 2102648 – schossen deutsche Jagdflugzeuge kurz vor 10.30 Uhr zwischen den Kreisen Segeberg und Stormarn ab. Die Bevölkerung wurde Zeuge des Luftkampfes, in dem der viermotorige Bomber die rechte Tragfläche verlor, der Rumpf von MG-Salven durchsiebt wurde. Die B-17 zerschellte auf einem Feld neun Kilometer westlich von Bad Oldesloe, am Ortsrand von Sülfeld. Von der zehnköpfigen Besatzung starben fünf Mann beim Absturz – der Pilot, Second Lieutenant Robert G. Roeder, erlag seinen Verletzungen kurze Zeit nach der Landung. Die restlichen fünf Flieger waren mit dem Fallschirm abgesprungen und kamen in Gefangenschaft. Einer von ihnen war Bordschütze Fred Cebalo, der sich nach seiner Befreiung im Jahr 1945 an den Abschuss über Sülfeld erinnerte, dass er nach der Landung von Zivilisten und Soldaten festgehalten und zu einer Scheune gebracht wurde, dann wegen seiner Verletzungen zum Haus eines Arztes. Nach etwa vier Stunden sei er dann per Lkw mit anderen US-Fliegern in Gefangenenlager gebracht worden.

Trotzdem das Flugzeugwrack von Soldaten und örtlicher Polizei bewacht wurde, schauten sich die Anwohner die Trümmer an. Und machten sogar ein Erinnerungsfoto. Die Teile lagen noch ein paar Tage so herum, dann holte ein Bergungstrupp vom Fliegerhorst Lübeck-Blankensee die Reste ab.

Noch fast ein Jahr lang überquerten die Bomber weiter Stormarn, hatten am 24. April 1945 sogar die Kreisstadt als Ziel. Dann erst war der Krieg zu Ende. Der Bomber von Sülfeld wurde kurz nach Kriegsende zusammen mit einer weiteren Maschine, die in direkter Nachbarschaft abgestürzt war, Gegenstand von alliierten Nachforschungen. Nicht selten war es vorgekommen, dass alliierte Flieger nach ihrer (Not-)Landung im Reichsgebiet von aufgebrachten Zivilisten geschlagen oder sogar getötet wurden. Im Sülfelder Fall sollen Gewehrschüsse zu hören gewesen sein. Die Ermittler konnten aber herausfinden, dass es sich bei den Schüssen um explodierende Geschosse der Bordmunition gehandelt hatte. Die toten Flieger waren alle beim Absturz – nicht durch Gräueltaten – ums Leben gekommen.

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