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Bad Oldesloe : Ärztin soll Volltrunkenen am Bahnsteig getreten haben

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Prozess nach Vorfall auf dem Oldesloer Bahnhof: Es steht Aussage gegen Aussage, und der Geschädigte will gar nicht vor Gericht erscheinen.

Mit einem aggressiven Auftritt beginnt im Amtsgericht Ahrensburg der Prozess gegen eine 39-jährige Ärztin. Sie ist der Körperverletzung angeklagt. Schon auf dem Weg zum Gerichtssaal lichtet sie der Fotograf einer großen Boulevard-Tageszeitung ab. Mühsam verdeckt die Angeklagte ihr Gesicht mit einem Aktenordner.

„Wir haben die Erlaubnis des Gerichts dazu“, sagt der Fotograf und stürmt hinein in den Verhandlungssaal, um weitere Aufnahmen zu machen. Da springt Anwalt Michael Giese auf und drückt das Objektiv der Kamera herunter, bevor weitere Aufnahmen möglich werden. Der Fotograf räumt das Feld. Es sei eine Frechheit der Staatsanwaltschaft, dieses Bagatellverfahren in einer Pressemitteilung anzukündigen, kritisiert Giese.

Dann wird es sachlich: Die Notärztin soll am 28. Februar 2013 einen Angetrunkenen auf dem Bahnsteig in Bad Oldesloe ins Gesicht geschlagen und ihn in den Unterleib getreten haben. Fahrgäste auf dem Nachbarbahnsteig hatten diesbezüglich Anzeige gegen die Ärztin erstattet.

Der mutmaßlich Geschädigte war im Regionalexpress aus Lübeck eingeschlafen, den Zugbegleitern gelang es zunächst nicht, ihn aufzuwecken. In Bad Oldesloe wurde er zu einer Bank auf dem Bahnsteig gebracht. Er torkelte und musste gestützt werden. Dort soll ihn die Ärztin traktiert haben. „Er hat mich definitiv getreten“, sagt sie aus und: „Ich habe es nicht getan.“ Die Spuren seines Fußtritts seien auf ihrer Hose deutlich sichtbar gewesen. Sie habe ihm zunächst lediglich einen Klapps auf die Wange gegeben, damit er aufwache. „Er roch nach Alkohol und wusste nicht, wo er war.“ Dann sei sie als Schlampe beschimpft worden. Die Angeklagte habe lediglich ihr Bein angehoben, um sich vor weiteren Tritten in den Unterleib zu schützen, sagt der Anwalt der Ärztin.

Zwei Zeugen, die auf dem Nachbarbahnsteig auf den Zug nach Bad Segeberg warteten, schildern ihre Version. „Der junge Mann saß entspannt auf der Bank, da ging die Angeklagte plötzlich auf ihn los“, sagt eine Rechtsanwältin aus. Als er aufstand, habe die Angeklagte ihn zurück auf die Bank gezerrt, dann sei sie einen Schritt zurückgetreten, habe ihr Bein angezogen und mit einem Springerstiefel zugetreten. „Sie hat ihn dabei als asoziales Pack beschimpft, ich war fassungslos.“ Deshalb erstattete sie Anzeige. Fünf Männer hätten dabeigestanden, niemand griff ein.

Ebenso schildert es ein Sozialarbeiter: „Sie war richtig aggressiv und beschimpfte ihn lautstark und unflätig.“ Als der junge Mann aufstand, sei sie so ausgerastet. Den Tritt habe er genau gesehen, unklar sei nur, ob er gegen den Oberschenkel oder die Genitalien ausgeführt wurde. An der Körperreaktion habe er gesehen, dass der Tritt traf. „Wir waren uns einig: So was geht gar nicht.“

Der mutmaßlich Geschädigte will nicht als Zeuge erscheinen. „In der Vernehmung hat er ausgesagt, dass er kein Interesse an einer Strafverfolgung hat“, teilt Richter Paul Holtkamp mit. Auf diesen Zeugen könne er jedoch nicht verzichten.

Weitere Zeugen tragen nicht viel zur Erhellung bei. „Es war eine Kabbelei, beide haben sich gestoßen“, sagt ein Sicherheitsbegleiter der Bahn aus. Wer damit angefangen habe, könne er nicht sagen. Er habe keinen Grund zum Eingreifen gesehen. Der Fahrdienstleiter hat nichts gesehen: „Ich habe nur gehört, dass der Mann die Ärztin als Schätzchen tituliert hat.“

Der Richter regt eine Einstellung des Verfahrens gegen eine Geldauflage an. „Das Opfer hat kein Interesse daran, und am Ende werden wir auch nicht viel klarer sehen.“ Die beiden Hauptbelastungszeugen hätten sehr übereinstimmend ausgesagt und sich vermutlich darüber abgestimmt. Am Ende werde vermutlich ein Freispruch erster oder zweiter Klasse stehen.

Der Rechtsanwalt will aber nur eine Einstellung ohne Auflagen akzeptieren. Die Staatsanwältin widerspricht dem aber energisch. Deshalb wird das Verfahren am kommenden Mittwoch fortgesetzt. Und außerdem: Der Richter missbilligt zum Schluss ausdrücklich das Verhalten des Fotografen der Boulevard-Zeitung.

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