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Angebot der Oase : 50 – und kein bisschen weise ...

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Der Erzählsalon in Bad Oldesloe feiert Jubiläum und baut mit Lesestoff Brücken zwischen den Generationen.

Erzählen ist eine der ältesten und unmittelbarsten Kommunikationsformen zwischen Menschen. Dabei werden Erlebnisse, Wissen und Erfahrungen weitergegeben und ausgetauscht. So weit – so gut. Doch was ist eigentlich ein Erzählsalon?

Vor fünf Jahren rief die Oldesloerin Gudrun Scholze im Mehrgenerationenhaus Oase in der Ratzeburger Straße 20 einen Erzählsalon ins Leben, der jetzt bereits zum 50. Mal stattfand. Rund zehn Frauen treffen sich hier in der Regel einmal im Monat an einem Freitagnachmittag zum gemeinsamen Kaffeetrinken und Erzählen von Anekdoten und Geschichten aus ihrem eigenen Leben. Und so ist der Erzählsalon nicht nur ein besonderer Raum, sondern auch eine Veranstaltung, deren Idee auch auf eine Tradition des jüdischen Sabbat zurückgeht: Die Mitglieder der Familie versammeln sich am Freitagabend und jeder erzählt von seinen Erlebnissen der vergangenen Woche und hört die Geschichten der anderen. Auch im Oldesloer Erzählsalon trägt jeder Gast zu einem zuvor vereinbarten Thema seine ganz eigene Geschichte vor und auf diese Weise entwickelt sich eine große Vielfalt völlig unterschiedlicher Lebenserfahrungen. Die Themenbreite ist riesengroß: „Das ist Ehrensache“, „Ein Traum“, „Als ich ins kalte Wasser springen musste“ oder „Regengeschichten“ standen schon im Mittelpunkt.

„Ich bin hier die Salonnière“, sagt Gudrun Scholze und in dieser Eigenschaft begleitet sie die Beiträge der einzelnen Erzählerinnen, die um einen großen, schön gedeckten Tisch sitzen. Als „Moderatorin“ besuchte sie bereits Fortbildungen, denn auch ein Erzählsalon braucht gewisse Regeln und besondere Rituale. Zum „Warmlaufen“ hat die Dozentin eine Kaffeetafel vorbereitet. Und zum Jubiläum gibt es leckeren, selbst gebackenen Kuchen. Nach einer halben Stunde „Small Talk“ bittet Gudrun Scholze um Ruhe und zündet zwei Kerzen auf dem Tisch an. „Die eine Kerze steht fürs Bewahren, die andere fürs Erinnern“, erklärt die 51-Jährige. Früher habe man sich solche Geschichten am Lagerfeuer erzählt. Das heutige Thema dreht sich dem Anlass gemäß um die Zahl 50 mit dem Zusatz „und kein bisschen weise“. Nach einer Bedenkminute beginnt die erste Erzählerin. Helga Glenewinkel ist schon lange dabei und kommt immer wieder sehr gerne hier her. Mit 77 Jahren ist sie die Älteste in der Erzählrunde. Sie erinnert sich noch ganz genau an ihren 50. Geburtstag, den sie damals an ihrem Arbeitsplatz, der Kreisverwaltung, mit Kollegen und vielen Gläsern Sekt zum Anstoßen feierte. „Als mich meine Tochter abholte, hatte ich einen Zacken weg“, lacht die Oldesloerin. Die Zuhörerinnen schmunzeln, es wird aber nichts kommentiert oder bewertet und es finden auch keine Diskussionen statt. Ortrud Krenz hat sich über das Thema „Weisheit“ Gedanken gemacht und ein Gedicht von Heinz Kalau heraus gesucht, das sie den anderen vorliest. Einige kurze Verse, die nachdenklich stimmen und Beifall finden. „Mein Ziel ist es, dass man jeden Tag etwas Gutes tun sollte“, betont die 76-Jährige.

Luise Vollmer berichtet anschließend über eine recht gefährliche Bergtour zum Gipfel der Tiroler Wildspitze, die sie mit ihrer Familie anlässlich ihres 50. Geburtstags unternahm. „Später habe ich mir bei auftauchenden Problemen oft Mut gemacht: Du hast auch die Wildspitze geschafft!“, so die 76-Jährige, die sich fragt, ob das Erzählen oder das Zuhören schöner ist. Das „Küken“ in der Runde ist die 14-jährige Yana, die zusammen mit ihrer „Ersatzoma“ Ortrud Krenz gekommen ist. Selbstbewusst erzählt die Schülerin, dass sie im Jahr 2000 in Russland geboren wurde und im Alter von fünf Jahren nach Deutschland kam. Zum Entzücken der älteren Damen reicht Yana Fotos herum, die sie als Baby, Klein- und Schulkind zeigen. Und dann breitet Yana ihre Pläne für die Zukunft aus: „Ich möchte Ärztin werden, in Afrika arbeiten und mit 27 will ich heiraten. Und im Jahr 2050 möchte ich noch mal 50 Jahre schaffen“, erklärt das hübsche, rotblonde Mädchen unter dem Beifall der Runde.

Sehr ruhig wird es dann, als Hanna von ihrem Missgeschick bei der Gartenarbeit berichtet. Sie hat sich böse verletzt und zeigt ihre verbundene Hand. „So viel zum Thema weise“, sagt die 63-Jährige. Eine kleine Anekdote von Siegrun Stolle über eine Shoppingtour mit ihrer Tochter heitert die Damen wieder auf. Auch die kurzen Erzählungen von Asta Brüchmann und Marlies Voss gehen zurück in die eigene Vergangenheit.

Im Nu ist eine Stunde um. Es sind sehr persönliche Dinge, die in der Runde erzählt wurden – manchmal lustige, manchmal nachdenkliche. Und jede Erzählerin hat die vollkommene Aufmerksamkeit der anderen erfahren. „Auf diese Weise werden Brücken gebaut zwischen den Generationen und sozialen Gruppen. Es gibt keinen Maulkorb und Vertrauen ist hier sehr wichtig“, betont Gudrun Scholze.

Der nächste Erzählsalon in der Oase, Ratzeburger Straße 20, findet am 27. Juni statt und hat das Thema „Sommerzeit“. Neue Gäste sind willkommen, um eine Spende für die Kaffeetafel wird gebeten.



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