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Kriegsende : 24. April 1945, 10.36 Uhr – Bad Oldesloe im Bombenhagel

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Der Bombenangriff der Royal Air Force forderte mehr als 700 Todesopfer. Zum 70. Jahrestag sind Gedenkveranstaltungen geplant.

shz.de von
erstellt am 15.Apr.2015 | 11:31 Uhr

Noch gibt es sie, die Zeitzeugen, die vor 70 Jahren den verheerenden Bombenangriff auf Bad Oldesloe miterleben mussten. Doch sie werden naturgemäß immer weniger. Am 24. April 1945 begann um genau 10.36 Uhr der Bombenangriff der Royal Air Force, infolgedessen zahlreiche Gebäude der Stadt rund um den Bahnhof in Schutt und Asche versanken.

Die schreckliche Bilanz der tödlichen Flugzeugfracht: Mehr als 700 Tote, zahllose Verletzte und Traumatisierte, denen sich diese Katastrophe kurz vor Kriegsende tief ins Gedächtnis eingebrannt hat. Zum 70. Jahrestag dieser Katastrophe gibt es mehrere Veranstaltungen der Stadt, des Heimatmuseums, der Kirchengemeinden und des Bella Donna Hauses.

„Die Stadt, die damals rund 9200 Einwohner zählte, war voller Flüchtlinge, die hier hängen geblieben waren, denn Oldesloe war Eisenbahnknotenpunkt und am Bahnhof herrschte an diesem Tag Hochbetrieb. Um 10.30 Uhr gingen die Sirenen los und kündigten den schwersten Bombenangriff des Zweiten Weltkriegs auf Bad Oldesloe an. Er dauerte genau 18 Minuten lang“, erzählt Dr. Sylvina Zander. Die Stadtarchivarin schrieb anlässlich des 70. Jahrestages eine kleine Broschüre mit dem Titel „Mein Herz ist so von Schmerz zerwühlt“, in der die schrecklichen Ereignisse vom 24. April 1945 aus der Sicht von Zeitzeugen geschildert werden.

„Der Titel der Broschüre ist ein Zitat des Direktors des damaligen Diakonissenheims, das ebenfalls getroffen wurde. Viele junge Frauen, die als Kinderpflegerinnen arbeiteten, verloren ihr Leben“, sagt Sylvina Zander. Doch neben all dem unermesslichen Leid gab es auch Hilfe von Menschen. So mussten russische Kriegsgefangene drei Tage lang fast ohne Pause die Toten aus den Trümmern rund um den Bahnhof ausgraben, unterstützt wurden sie von Jungen der Hitler-Jugend, die die Leichen zum Teil mit bloßen Händen bergen mussten.

„Als Lohn bekamen sie Schnaps und Zigaretten“, weiß die Stadtarchivarin. Die letzten Toten konnten erst ein halbes Jahr später geborgen werden, einige gar nicht. Bestattet wurden die Toten zumeist in einer Art Massengrab auf dem neuen Friedhof an der Hamburger Straße.

„Die Beisetzung wurde von einem Pastor Burkhardt durchgeführt, der sich auf der Flucht befand und sich zufällig in Bad Oldesloe aufhielt. Dieser Pastor, den ich nie kennengelernt habe, ist mein kleiner, persönlicher Held“, erzählt Pastor Diethelm Schark, der sich intensiv mit der schrecklichen Bombardierung der Stadt beschäftigt hat. Für diesen Pastor Burkhardt solle jetzt bei einer Gedenkfeier am 24. April auf dem Friedhof eine kleine Gedenkecke eingerichtet werden. „Solche Menschen, die tatkräftig halfen, machten den Krieg etwas erträglicher“, so Pastor Schark.

Alle Oldesloer Kirchengemeinden werden am Freitag, 24. April, um 10.36 Uhr für fünf Minuten die Kirchenglocken läuten lassen. „Als trauerndes Bekenntnis werden nur die großen, tiefen Totenglocken läuten. Das hört sich schon etwas gruselig an“, so Diethelm Schark. Anschließend wird in der Friedhofskapelle, Lindenkamp 99, im Rahmen einer Andacht und einer Kranzniederlegung am Ehrenmal mit Bürgermeister Tassilo von Bary und Kreispräsident Werner Harmuth der mehr als 700 Opfer des Bombenangriffs gedacht. Hierzu sind auch alle Bürger eingeladen.

Ab 11.30 Uhr richtet das Bella Donna Haus in der Bahnhofstraße 12 einen „Raum für Erinnerungen“ ein. Bei Kaffee und Kuchen können sich vor allem auch Zeitzeugen austauschen und von ihren Erlebnissen am 24. April 1945 erzählen. Die Moderation übernimmt Dagmar Greiß vom Bella Donna Haus. Anschließend hält Dr. Sylvina Zander ab 12.30 Uhr einen Vortrag über den Bombenangriff und stellt ihre Broschüre mit Zeitzeugenberichten vor.

Außerdem wird eine Ausstellung gezeigt. „Das Haus, das damals hier in der Bahnhofstraße 12 stand, wurde ebenfalls zerstört. Der Besitzer der hier ansässigen BMW-Autowerkstatt, Herr Kickbusch, starb dabei ebenso, wie mehrere belgische Zwangsarbeiter“, erzählt Anke Kleesiek vom Bella Donna Haus.

Um 14 Uhr wird im Heimatmuseum eine Ausstellung rund um das beim Bombenangriff vollständig zerstörte Präparandeum eröffnet. Neben zahlreichem Bildmaterial wird auch eine zeitgemäße Wohnstube ausgestellt, in der Besucher die Atmosphäre der damaligen Zeit nachempfinden können. „Es gibt auch Tondokumente, wie etwa originale Bombenwarnungen aus dieser Zeit zu hören“, so Pastor Schark. Für uns sei es heute unvorstellbar, was die Menschen damals durchmachten. „Es gab keinerlei Hilfe, auch nicht für die Kinder, um die traumatischen Erlebnisse irgendwie verarbeiten zu können“, betont Historikerin Sylvina Zander. Viele Betroffene hätte der Bombenangriff deshalb tief geprägt und ein Leben lang begleitet. Die Sonderausstellung im Heimatmuseum ist etwa drei Monate lang jeweils freitags in der Zeit von 14 bis 16 Uhr und samstags von 10 bis 12 Uhr zu besichtigen.

Zum Abschluss des Gedenktages am Freitag, 24. April, lädt die katholische Kirchengemeinde ab 19.30 Uhr zu einem Friedensgebet in die Kapelle der St. Vicelin Kirche ein. Hier soll noch einmal besonders der Opfer der Bombardierung gedacht werden. Der Jahrestag wolle das Menetekel wieder hervor holen, denn lange Zeit hieß es „Nie wieder Krieg!“

„Heute werden an Stammtischen wieder deutsche Luftschläge in weltweiten Konflikten gefordert“, kritisiert der Bad Oldesloer Pastor Diethelm Schark.

 

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