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18 Monate für Oldesloer Computer-Kriminellen

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

21-Jähriger musste sich für 207 Straftaten verantworten und will in der Haft sein Fernabitur machen

von
erstellt am 20.Feb.2014 | 18:36 Uhr

Zu zwei Jahren und sechs Monaten verurteilte das Jugendschöffengericht Ahrensburg Pascal T. (Name geändert) aus Bad Oldesloe wegen Computer-Kriminalität. Das Gericht blieb damit knapp unter den drei Jahren Jugendstrafe, die der Staatsanwalt für den 21-Jährigen gefordert hatte.

Der Oldesloer hatte zunächst 71 Internetkäufer betrogen, indem er Waren gegen Vorkasse anbot, die nie geliefert wurden. Zugefaxte Ausweiskopien gaukelten den Kunden eine vermeintliche Sicherheit vor. Dann verlegte er sich auf das Ausspähen von Kunden-, Kreditkarten- und Kontodaten. Damit bestellte er Waren oder transferierte Geld auf fingierte eigene Konten. Zudem verschaffte er sich Zugang zu E-Mail-Konten und veröffentlichte intime Details im Internet. Eine Frau wurde deshalb später Opfer eines Erpressers. Insgesamt warf ihm die Anklage 207 Straftaten vor (wir berichteten).

„Erhebliche kriminelle Energie und schädliche Neigungen“, attestierte ihm Staatsanwalt Dr. Jens Buscher. Der bisher festgestellte Gesamtschaden beläuft sich auf mehr als 33 000 Euro, nicht gerechnet den Image- und Geschäftsschaden für die gehackten Betriebe, darunter Anwälte, Steuerberater und sogar eine IT-Sicherheitsfirma.

Auf die Spur war ihm das Landeskriminalamt erst durch einen Tippgeber gekommen. „Wir erhielten schon 2011 einen Hinweis vom Bundeskriminalamt, dass auffällige Zugriffe auf Server stattfanden“, sagte ein Beamter des LKA aus. Zunächst geriet der Stiefvater in Verdacht. Bei Durchsuchungen der Wohnung fand sich aber kein Beweismaterial. Erst bei einer weiteren Durchsuchung im August vergangenen Jahres hatte die Polizei Glück und wurde fündig.

Damals lebte der Oldesloer mit seiner damaligen Freundin in einer eigenen Wohnung. Durch einen überraschenden Zugriff konnten die Beamten den noch eingeschalteten, mit einem komplizierten Passwort geschützten Computer des Angeklagten sichern. Zehn Stunden brauchte ein Experte, um die Daten zu kopieren. Darunter waren fast 5000 Kontoverbindungen. Seitdem sitzt T. in Untersuchungshaft.

Gefunden wurden Ausweiskopien, mit denen T. fingierte Konten eröffnet hatte, verschiedene Handys und Sim-Karten. Auf dem PC waren Beweise gespeichert, wie die Betrügereien über das Internet abliefen. T. hackte sich in Firmen-Computer ein und kopierte die Kundendaten samt Passwörtern. Diese Kunden wurden dann per E-Mails auf fingierte Internet-Seiten gelockt – angeblich waren es Sicherheitsüberprüfungen von Paypal. Dort sollten sie die Daten ihrer Kontoverbindungen eingeben.

Phishing-Attacken nennen Experten dieses Vorgehen, das T. ausgesprochen professionell ausführte. Dabei halfen ihm einige Mittäter, die erst durch sein Geständnis ermittelt werden konnten. Die Helfer er über das Internet gefunden. Über seine Leidenschaft für PC-Spiele fand er Zugang zu kriminellen Internet-Foren, wo Betrüger erbeutete Daten und Ausweiskopien handeln. Durch seine Taten gelangte er zu Renommee in dieser Szene, was sein Selbstbewusstsein stärkte. Zwei Jahre bestritt er seinen Lebensunterhalt kriminell, T. sprach sogar von seiner „Arbeit“.

Erhebliche Reifeverzögerungen stellte die Jugendgerichtshilfe bei ihm fest. Er handle auch nach wie vor berechnend. Nur durch feste Tagesstrukturen könne er einen Weg aus der Kriminalität finden. Selbst nach der zweiten Hausdurchsuchung habe er sein kriminelles Tun bis zu seiner Verhaftung unverändert fortgeführt. Eine Therapie gegen seinen Drogenkonsum sei zurzeit noch nicht aussichtsreich, dafür sei noch mindestens ein Jahr Vorlauf nötig.

Ein Sachverständiger erklärte, dass es keinen Zusammenhang zwischen T.s Drogenkonsum und den Betrügereien gebe. „Seine Steuerungsfähigkeit ist in dieser Hinsicht allenfalls vermindert, aber nicht erheblich beeinträchtigt.“

In der Haft hat Pascal T. diese feste Struktur. Er möchte sein Fernabitur nachholen und später Wirtschaftsinformatik studieren. „Ich bereue meine Taten und hoffe auf therapeutische Unterstützung“, sagt er. Er wolle jetzt von der schwarzen auf die weiße Seite der Informationstechnologie wechseln.

Das Urteil fiel wegen gewerbsmäßigem Betrug und Computer-Kriminalität. Der Angeklagte habe Reue und Einsicht gezeigt und zugesagt, bei der weiteren Aufklärung zu helfen, so Richter Ulf Thiele. Die Haft sei aber notwendig, um T. sein Fehlverhalten zu verdeutlichen. Es sei bedenklich, dass in Foren Daten für kriminelle Straftaten ausgetauscht werden, und es sei erschreckend, dass professionell ausgebildete IT-Experten noch ganz andere Möglichkeiten für Computerbetrug hätten. Thiele: „Der sorgfältigen Verschlüsselung von Daten wird heute noch viel zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet.“

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