100 Tage Landrat - eine erste Bilanz

Bei schönem Wetter genießt er hier gerne ein paar freie Minuten: Landrat Torsten Wendt auf dem Balkon vor seinem Dienstzimmer. Foto: vm
Bei schönem Wetter genießt er hier gerne ein paar freie Minuten: Landrat Torsten Wendt auf dem Balkon vor seinem Dienstzimmer. Foto: vm

Torsten Wendt über Führungsqualitäten, die Zusammenarbeit mit der Politik, die Baustelle Bauamt, das Kreishaus-Projekt - und eine private Vorfreude

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13. Juli 2013, 03:59 Uhr

Kreis Steinburg | Die ersten 100 Arbeitstage hat er jetzt schon hinter sich. Noch immer beherrschen aber Kennenlern-Termine seinen Kalender. "Jetzt war ich in der Einsatzleitstelle in Elmshorn, nächste Woche besuche ich den Schlachthof in Kellinghusen", gibt Torsten Wendt Einblicke in den Tagesablauf des neuen Steinburger Landrats. Bei seiner Kreisverwaltung hat er seine Rundreise inzwischen aber schon weitgehend abgeschlossen. "Nur in der Straßenmeisterei und an der ja auch dem Kreis gehörenden Klappbrücke in Heiligenstedten war ich noch nicht." Immer wieder standen auch Gespräche mit Vertretern von Behörden, Verbänden und anderen Verwaltungen auf der Tagesordnung. "Auch einen Termin mit Dr. Rocke habe ich schon." Von seinem langjährigen Vor-Vor-Gänger will der 43-Jährige ein bisschen aus der Vergangenheit hören. "Das ist mir wichtig, um die Wurzeln der Verwaltung zu verstehen." Damit erschöpft sich aber auch schon der Blick zurück. Für Torsten Wendt ist die Zukunft dann doch wichtiger. Hier hat er nach eigenem Bekunden "schon erste Pflöcke" eingeschlagen. Zum Beispiel auf der Führungsebene im eigenen Haus. Bislang fand die Führung der Mitarbeiter in vielen Ämtern und Abteilungen eher beiläufig statt - wenn das Tagesgeschäft dafür noch ein paar Minuten übrig ließ. "Früher hat man gute Sachbearbeiter oft in Führungspositionen befördert - und sie dann im Regen stehen lassen." Hier verfolgt Torsten Wendt nun eine andere Philosophie: "Mitarbeiterführung kann man nicht nebenbei machen. Man muss sich um seine Leute kümmern." Dabei überlässt Wendt es allerdings nicht mehr dem Zufall. Für November kündigt er ein externes Coaching zu diesem Thema mit den Amtsleitern und Dezernenten an.

Eine weitere interne Baustelle ist das Kreisbauamt. Seit Jahren hagelt es hier Kritik von allen Seiten. Das weiß auch Torsten Wendt. Allerdings: "Die Zahl der Widersprüche oder gar der Klagen ist minimal. Und wenn es rechtliche Auseinandersetzungen gibt, dann gewinnen wir die zumeist." Der Landrat stellt sich vor seine Mitarbeiter: "Wenn die ständig Prügel kriegen, macht sich dort irgendwann natürlich Frust breit." Auch tritt er der aus politischen Kreisen geäußerten Vermutung entgegen, dass man im Nachbarkreis Dithmarschen sehr viel schneller zu einer Baugenehmigung komme. "Ich habe mit meinem Kollegen Jörn Klimant darüber gesprochen. Dort läuft das auch nicht viel anders als bei uns." Unabhängig davon will Wendt in seiner Verwaltung allerdings ein Beschwerde-Management einführen, damit etwaigen Problemen professionell begegnet werden kann.

Zum Thema Politik: Mit Freude hat Torsten Wendt die Wiederwahl seiner beiden ehrenamtlichen Stellvertreter Dr. Heinz Seppmann und Rainer Naudiet zur Kenntnis genommen. "Das schafft Kontinuität." Der Ablauf der konstituierenden Kreistagssitzung im Juni habe ihn ansonsten aber doch überrascht. Damals waren wenige Minuten vor Sitzungsbeginn zwei Frauen aus der SPD-Fraktion zu den Piraten übergelaufen. Die personelle Besetzung aller Ausschüsse wurde daraufhin auf eine Sondersitzung am 9. August vertagt. Weiter kommentieren mag Wendt die Vorgänge natürlich nicht. Er strebt als Verwaltungschef eine gute Zusammenarbeit mit allen politischen Akteuren an. Ganz wichtig bleibt für ihn "eine vernünftige Atmosphäre im Kreistag. Für die Abgeordneten will er in den nächsten Monaten Fortbildungen anbieten, damit diese die Abläufe innerhalb eine Verwaltung besser kennenlernen. Ansonsten werde er sich bei den Kreistagssitzungen "entspannt zurücklehnen" und den Akteuren der Selbstverwaltung das Feld überlassen.

Die Politik wird er - allein schon wegen der Kosten - aber in eine umfassende Modernisierung der Datenverarbeitung einbinden. "Mein Großvater war Dorfschmied. Dem reichten zur Arbeit noch Hammer und Amboss", macht Torsten Wendt deutlich, wie sehr sich die Arbeitswelt verändert hat. Sein erklärtes Ziel heute: das papierlose Büro. Auch soll es ein ausgeklügeltes Kreistags-Informationssystem geben, das zudem mit einer stark verbesserten Transparenz für die Bevölkerung ausgestattet sein soll. Letztlich, so Wendt weiter, müsse man auch mit allen Nachbarn im IT-Bereich optimal zusammenarbeiten können. Ganz besonders betont Wendt die Bedeutung eines funktionierenden Katastrophenschutzes. "Hier wird heute noch komplett nur mit Papier gearbeitet. Da sind sogar die Feuerwehren schon sehr viel weiter." Aber auch um die kleinen Unfälle will der Landrat sich - sogar persönlich - kümmern. Der gelernte Erste-Hilfe-Ausbilder will die Ersthelfer-Schulung für die Mitarbeiter der Kreisverwaltung intensivieren und dabei auch selbst Hand anlegen.

Bei einer anderen Baustelle muss Torsten Wendt erst einmal abwarten, wie sich das Thema in der Bevölkerung entwickelt. Eine Initiative zum Erhalt der Fassade des alten Bahnhofshotels will nach den Sommerferien ein Bürgerbegehren in Angriff nehmen. Nach den gesetzlichen Vorgaben ist nun zunächst einmal der Kreis gefordert. Hier muss ermittelt werden, was der Fassadenerhalt eventuell an Mehrkosten bedeutet. "Das Gutachten dafür wird einen fünfstelligen Betrag kosten", sagt Wendt. Er legt allerdings auch wert auf eine "solide Ermittlung aller notwendigen Daten". Wenn die endgültige Fragestellung vorliegt und der Kreis die möglichen finanziellen Auswirkungen darlegen kann, hat die Initiative sechs Monate Zeit die für ein Bürgerbegehren notwendigen Unterschriften zu sammeln. Landrat Wendt hofft, dass es sehr viel schneller geht. Müsste bei einer entsprechenden Resonanz nämlich tatsächlich die Bevölkerung über das Kreishaus-Projekt entscheiden, müsste dafür ein Aufwand wie bei einer Kommunalwahl getrieben werden. In allen Gemeinden müssten Wahllokale eingerichtet und Wahlhelfer rekrutiert werden. Gleichzeitig ist es völlig ungewiss, ob es eine nennenswerte Wahlbeteiligung geben würde. "Ideal wäre deshalb eine Abstimmung am 22. September", findet Landrat Wendt. Dann könnte über das Kreishaus nämlich parallel zur ohnehin stattfindenden Bundestagswahl entschieden werden.

Der Verwaltungschef denkt sogar noch weiter: Bei einem Erfolg des Bürgerbegehrens hält er es für eine "realistische Überlegung" nach einem anderen Bauplatz zu suchen. Auf Nachfrage präzisiert er: "Für einen Neubau der kompletten Kreisverwaltung an anderer Stelle." Vorsorglich hält sich der Kreis aber wohl alle Optionen hoffen. So bestätigt Torsten Wendt Gespräche über den Ankauf eines weiteren Gebäudes in der Bahnhofstraße gleich neben dem Kreishaus-Komplex. Das könnte die problematische Raumplanung erleichtern, sagt er. Details mochte er aber mit Hinweis auf vertrauliche Gespräche nicht nennen. Nur so viel: "Wenn möglich, wollen wir es erwerben. Dann könnten wir die Planung deutlich entspannter angehen."

Entspannung ist ein gutes Stichwort. Auch Landrat Wendt nutzt die Ruhe der Sommerferien, um sich intensiver Gedanken machen zu können, wie es mit dem Kreis Steinburg weitergeht. Sorge um die Zukunft hat er da nicht. Auch mit den Finanzen sei "soweit alles in Ordnung". Allerdings kündigt er für den Herbst Gespräche mit den Städten und Gemeinden über die Ausgestaltung der Kreisumlage an. Er weiß aber auch, dass die Kassen auf allen Ebenen leer sind: "Schließlich kann man eine Zitrone nur einmal ausquetschen."

Immer wieder bringt Torsten Wendt zum Ausdruck, dass er großen Wert auf ein gutes Image seiner Verwaltung lege. "Der Kreis darf nicht irgendwo ein anonymer Haufen sein", will er seine Mitarbeiter verstärkt in den Vordergrund rücken. Ganz groß kann die Verwaltung dann spätestens im Jahr 2017 rauskommen. Dann wird der Kreis Steinburg 150 Jahre alt. Und das soll groß gefeiert werden. Bis dahin dürfte Torsten Wendt sich auch endgültig in seinem neuen Zuhause in Hohenlockstedt fast wie ein Steinburger eingelebt haben. Zumal er auch seinen Beitrag gegen die schrumpfende Bevölkerungszahl leistet. Voraussichtlich im Oktober wird es bei Familie Wendt Nachwuchs geben. "Dann werde ich erst einmal ganz spontan in Urlaub gehen", lässt auch Torsten Wendt bei so einem freudigen Anlass zumindest für ein paar Tage Kreishaus Kreishaus sein.

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