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Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom : Sohn mit verseuchten Spritzen vergiftet – Prozessbeginn in Hamburg

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Eine Mutter vergiftet ihren eigenen Sohn und umsorgt ihn zugleich liebevoll – diese unfassbare Tat ist ein verzweifelter Schrei nach Aufmerksamkeit. Die Familie zerbricht daran.

shz.de von
erstellt am 21.Sep.2015 | 06:34 Uhr

Hamburg | Eine Mutter, die ihrem eigenen Kind giftige Bakterien spritzt. Und die auch dann nicht aufhört, als der Dreijährige in akute Lebensgefahr gerät, auf der Intensivstation liegt, die Ärzte eine Chemotherapie vornehmen und eine Knochenmarktransplantation vorbereiten. So einen Fall hatte es für  Justiz im Norden bisher noch nicht gegeben.

Am Montagvormittag nun beginnt vor dem Landgericht die rechtliche Aufarbeitung genau einer solchen Tragödie. Eine 30-Jährige aus Glückstadt wird auf der Anklagebank Platz nehmen, weil sie ihren Sohn über Monate mit verseuchten Infusionen behandelt haben soll. Doch Staatsanwaltschaft und Gutachter sind sicher: Die Frau wollte ihr Kind nicht töten. Sie leidet an einer extrem seltenen psychischen Krankheit: dem Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom.

Der schier unfassbare Fall beginnt vor zwei Jahren in der schleswig-holsteinischen Provinz. Die Mutter lebt mit ihrem Mann, einem selbstständigen Handwerker, ein scheinbar idyllisches Leben. Drei Kinder hat das Paar, Zwillingsmädchen und deren jüngeren Bruder. Allesamt entzückend anzuschauende Geschwister, nach außen deutet nichts auf schwere psychische Probleme der Mutter hin. Selbst nach Bekanntwerden des entsetzlichen Verdachts findet die Schwiegermutter nur gute Worte für ihre Schwiegertochter, wie sie früher war. „Sie war eine perfekte Mutter, nur für die Kinder da und dabei immer lieb.“

Doch 2013 erfährt das Leben der Familie eine dramatische Wendung. Der dreijährige Sohn erkrankt an einem rätselhaften Hüftleiden und kommt auf die Kinderstation des Klinikums Itzehoe. „Doch dort ging es ihm immer schlechter“, erinnert sich der Vater. Die Itzehoer Mediziner sind ratlos. Was sie damals nicht wussten: Die Mutter soll ihren Sohn krank gemacht haben, indem sie ihm verdünntes Brackwasser spritzte und eine Beininjektion mit Speichel verschmutzte. So jedenfalls besagt es die Anklage. Der Junge wird ins Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) verlegt. Auch im UKE finden die Ärzte nicht die Ursache der vielfältigen Symptome, immerhin verbessert sich der Zustand des Dreijährigen aber so weit, dass er vorübergehend nach Hause kann.

Dort allerdings, davon ist die Staatsanwaltschaft überzeugt, setzte die Mutter die Misshandlungen fort. So soll sie die Arznei ihres Sohnes mit Kot verseucht und ihm die lebensgefährliche Mischung gespritzt haben. Im Blut des Kindes wiesen Mediziner später einen im menschlichen Stuhl vorkommenden Keim nach. Der Dreijährige litt unter starken Schmerzen, hohem Fieber und einer erheblichen Verschlechterung des Allgemeinzustandes. Zurück im UKE wurde der Junge ins künstliche Koma versetzt, doch sein Zustand verschlimmerte sich weiter. Die Ärzte vermuteten eine Leukämie als Auslöser und unterzogen das Kind einer Chemotherapie. Auch ein Knochenmarkaustausch stand bevor. Doch das Krankenhauspersonal hatte inzwischen Verdacht gegen die Mutter geschöpft und stellte ihr eine Falle.

Die Mutter gab Teile der Vorwürfe zu, sie wurde vorübergehend in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen. Ihr Sohn erholte sich schnell. Inzwischen lebt er wieder zu Hause bei seinem Vater, der seine Ex-Frau seit deren Überführung nicht mehr gesehen hat. Auf seinen Antrag hin ist die Ehe mittlerweile geschieden. Das alleinige Sorgerecht mochte das Familiengericht dem Mann allerdings noch nicht zuerkennen. Die Richter wollen den Ausgang des Strafverfahrens abwarten. In diesem wird es vor allem um die Frage gehen, ob die 30-Jährige für ihr Tun die volle juristische Verantwortung tragen muss. Trotz des vermuteten Münchhausen-Stellvertreter-Syndroms hält die Staatsanwaltschaft die Mutter für schuldfähig. Allerdings lautet die Anklage nicht auf ein versuchtes Tötungsdelikt, sondern auf gefährliche Körperverletzung, Misshandlung von Schutzbefohlenen und Verletzung der Fürsorgepflicht. Im schlimmsten Fall droht der Mutter eine Haftstrafe von 15 Jahren.

Der Vater fürchtet derweil, dass seiner Ex-Frau nach dem Prozess wieder die Kontaktaufnahme zu ihren Kindern erlaubt wird. „Das werde ich nicht zulassen, solange die Kinder so klein sind“, sagte er „Spiegel Online“. Die Mutter hat die geschlossene Psychiatrie vor mehr als einem Jahr wieder verlassen. Weil von der 30-Jährigen laut psychologischem Gutachten keine Gefahr für die Allgemeinheit ausgeht, erließ das Gericht einen Verschonungsbeschluss.

Hintergrund: Das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom

Als Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom (auch Munchausen Syndrome by Proxy) – benannt nach dem „Lügenbaron“ Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen – bezeichnen Ärzte das Erfinden, Übersteigern oder Verursachen von Krankheiten oder deren Symptomen bei Dritten. Zumeist sind es Mütter, die bei ihren eigenen Kindern Krankheiten erfinden oder ihnen auch aktiv Schmerzen zufügen, sie verletzen oder vergiften. Ziel des Handelnden ist es dabei, sich der Umgebung als sorgende und pflegende Person darzustellen, womöglich um die vermisste Zuwendung für die eigene Person zu erreichen. Diese subtile Form der Kindesmisshandlung kann bis zum Tod des Opfers führen. Die seltene Störung wurde 1977 erstmals vom britischen Kinderarzt Roy Meadow beschrieben. Auffällig ist, dass dieses Verhalten seither fast ausschließlich bei Frauen (in der Regel Müttern) beobachtet wurde, die in ihrem sonstigen Erziehungsverhalten als fürsorgend beschrieben werden. Eine sichere Diagnostik oder klinisch erprobte Behandlung des Münchhausen-Stellvertreter-Syndroms gibt es angesichts der geringen Fallzahlen bisher nicht.
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