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Schleswiger Nachrichten

20. August 2017 | 08:25 Uhr

Zwischen Volkslied und Rammstein

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Viele Chöre leiden unter Überalterung und Mitgliederschwund / Ohne Weiterentwicklung droht das Aussterben

Es ist die Zeit der Jahresversammlungen. Feuerwehren, Sportvereine und Wasserbeschaffungsgverbände wählen Vorstände, berichten über ihre Kassenlage, ziehen Bilanz und wagen einen Blick in die Zukunft. Der fällt bei vielen Gesangvereinen zurzeit auffällig pessimistisch aus, wie auch aus den aktuellen Veröffentlichungen hervorgeht. In Groß Rheide ist der Männerchor überaltert und hat noch zehn Mitglieder. In Schuby liegt der Altersschnitt der Aktiven bei 71 Jahren und im Twedter Gesangverein „Treu im Wort“ werden dringend Männerstimmen gesucht.

Das sind keine Einzelfälle, wie Werner Carstensen bestätigt. Der Vorsitzende des Sängerkreises Schleswig-Flensburg ist Herr über 58 Chöre und Gesangsvereine, die im Deutschen Sängerbund organisiert sind. „Das Problem ist der Nachwuchs“, sagt Carstensen, „der Altersschnitt steigert, junge Sänger sind selten – damit haben wir häufig zu tun.“ Dass immer häufiger Chorgemeinschaften gebildet werden oder sich Männer und Frauen zu einem gemischten Chor zusammenschließen, wie es aktuell in Groß Rheide geplant ist, sieht der

Vorsitzende als pragmatische Lösung. „Das funktioniert“, sagt er, „es fragt sich nur, für wie lange“. Das eigentliche Problem wird dadurch nämlich nicht gelöst. „Die Chöre müssen auch mit der Zeit gehen und ihr Repertoire anpassen. Wer will schon noch ständig Am Brunnen vor dem Tore hören?“ Die Antwort schwingt in der rhetorischen Frage bereits mit. Die Pflege des deutschen Liedguts allein wird nicht ausreichen, um die Chöre überleben zu lassen, die sich nicht weiterentwickeln.

„Wir bieten Fortbildungen für die Chorleiter und die Sänger an, aber die Chöre müssen auch wollen“, sagt Carstensen. Wichtig sei es, ein Programm zu bieten, an dem die Sänger selbst, aber auch die Zuhörer Spaß haben. Denn ein begeistertes Publikum ist der beste Nachwuchs-Lieferant.

Das hat auch der Schaalbyer Männerchor erkannt. Er ist ein Beispiel dafür, dass in der Chorlandschaft ein Wandel möglich ist – auch wenn dieser nicht einfach und auch mit allerlei Gegenwind verbunden ist. Die Schaalbyer Sänger sind aus dem Sängerbund ausgetreten und haben sich den Namen „Wild Buffalos gegeben.“ Eine Anspielung auf die Selbstwahrnehmung. „Wir sind ein Bauernchor“, sagt der Vorsitzende Michael Kleinwort mit einem Augenzwinkern, „wir singen und haben unseren Spaß dabei. Und ich glaube, das gilt auch für unsere Zuhörer.“ Die „Wild Buffalos“ gehören zu den vielen Chören, die auf modernere Lieder setzen. Nicht ganz so extrem wie beispielsweise der „Chor Colores“ aus Langballig, der sich sogar an ein Lied der Metal-Band „Rammstein“ heranwagt – aber immerhin.

Ein Blick in den Probenabend im Saal des Gasthauses Petersen in Füsing zeigt, was gemeint ist. Mehr als 20 Sänger sind gekommen – und erst wird mal geschnackt. Regularien, der bevorstehende Ausflug, ein verloren gegangenes Notenheft. Dann bittet der musikalische Leiter Guido Helmentag, Kirchenmusiker für die Gemeinden St. Michaelis und Friedrichsberg sowie Leiter unter anderem des Michaelis-Chors und der Chören Crescendo und Cantate, zur Probe. In Füsing ist der Ton locker. „King of the road“ von Roger Miller mit deutschem Text, „Haus am See“ von Peter Fox, „Surfen auf’m Baggersee“ frei nach den Beach Boys, eine eingedeutschte Version von „Bad Moon Rising“ von Creedence Clearwater Revival – da kommt gute Laune auf.

Der Ton ist locker, aber die Sänger sind dennoch konzentriert. „He, das soll für menschliche Ohren sein“, raunzt Guido Helmentag und bekommt prompt einen flotten Spruch zurück. Seine Kritik aber wird angenommen. Bei aller Lockerheit ist auch eine Menge musikalischer Ehrgeiz spürbar. Und der kommt auch bei den Zuhörern an, wie Helmentag und Kleinwort berichten.

„Wir wollten uns von dem verstaubten Image lösen“, sagt Chef Michael Kleinwort. Das ging natürlich nicht ohne einige „blutige Nasen“ ab. Es gab auch Austritte, hämische Bemerkungen aus anderen Chören und sogar Ausladungen von Veranstaltungen, an denen man sonst immer teilgenommen hatte. „Jetzt aber haben wir unseren Weg gefunden“, ist Kleinwort überzeugt.

Ähnliches gilt für viele Chöre – ob im Sängerbund organisiert, in Kirchengemeinden, Schulen, Musikschulen, Feuerwehren oder frei. Und auch wenn noch das alte Liedgut im Mittelpunkt steht, sind die Vereine ein wichtiger Bestandteil des Gemeindelebens und haben auch eine wichtige soziale Funktion innerhalb der Gemeinschaft. Ob sie allerdings musikalisch überleben, wenn sie sich nicht weiterentwickeln, scheint angesichts der aktuellen Trends fraglich

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erstellt am 07.Feb.2014 | 00:33 Uhr

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