Komasaufen : Zwei Jahre fast ständig im Vollrausch

17  000 Plakate wurden im Jahr 2013 bundesweit von Schülern eingereicht. Das beste Exemplar aus Schleswig-Holstein mit der Botschaft „Schieß dich nicht ab – bleib klar“ stammt von Tami Santarossa (16) und Kevin Merten (16) von der Herderschule in Rendsburg.
17.000 Plakate wurden 2013 bundesweit von Schülern eingereicht. Das beste Exemplar aus Schleswig-Holstein mit der Botschaft „Schieß dich nicht ab – bleib klar“ stammt von Tami Santarossa (16) und Kevin Merten (16) von der Herderschule in Rendsburg.

Ein 26-Jähriger aus dem Kreis Schleswig-Flensburg berichtet von seinen Erfahrungen mit dem Komasaufen. Der Plakat-Wettbewerb „bunt statt blau“ der DAK soll über Alkoholmissbrauch aufklären.

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04. März 2014, 16:15 Uhr

Flensburg | „Meinen ersten Komplettabsturz hatte ich mit 16“, danach seien noch zahlreiche hinzugekommen, erzählt Rico W. (Name von der Redaktion geändert), der in einem Dorf nahe Flensburg lebt. Heute ist er 26 Jahre alt, und er erinnert sich noch allzu gut an jene Wochenenden, an denen es in seinem Freundeskreis eigentlich nur darum ging, feiern zu gehen und Unmengen von Alkohol in sich hineinzuschütten. Stichwort: Komatrinken.

„Das war bei uns eine Art Wettstreit, wer am schnellsten voll war – und das war meist schon beim Vorglühen der Fall.“ Zum „Vorglühen“ habe man sich bei einem Freund getroffen, um später weiter in die Stadt zu ziehen. „Davor hatte ich meist schon eine Flasche Bacardi intus“, sagt Rico W. „Wir waren immer um die zehn Leute – und alle haben mitgemacht.“ Warum es zu einem Ritual wurde, so viel zu trinken, erklärt er so: „Man hat es gemacht, um sich zu behaupten, es war ein Trend. Das haben extrem viele gemacht, die ich kenne, eigentlich jedes Wochenende.“ Er und sein Freund landeten eines Nachts sogar im Krankenhaus. Beiden musste der Magen ausgepumpt werden. Diagnose: Alkoholvergiftung.

Heute trinke er nur noch selten, „und wenn, dann auf keinen Fall so viel wie früher“. Seine Arbeit und sein Sport seien nun das, was zählt. „Wenn ich heute eine ganze Flasche Schnaps trinken würde, dann könnte man mit mir drei Wochen lang nichts anfangen.“ Mit dem Komatrinken sei Schluss gewesen, als er etwas über 18 Jahre alt war. „Mit 17 habe ich meine Lehre angefangen, und im ersten Jahr hab ich es noch weiter durchgezogen. Aber bei der Arbeit musste ich immer mehr Verantwortung übernehmen, da kann man das gar nicht mehr.“ Viele seiner Freunde hätten deshalb ebenfalls mit dem Komatrinken aufgehört, „nur einige machen das heute noch“.

Acht Jahre sind vergangen, seit Rico W. damit aufhörte. Die Frage, ob denn seiner Meinung nach der Trend zurückgegangen sei, beantwortet er aber mit einem klaren Nein: „Eher im Gegenteil. Mir kommt es so vor, als ob es jetzt bei den Jugendlichen noch mehr wird, auch wenn die Medien über das Thema nicht mehr so viel berichten. Es ist auf keinen Fall vorbei.“ Rückblickend sagt er: „Man hat an diesen Wochenenden schon coole Sachen erlebt, aber die genauen Erinnerungen sind schlecht oder weg, weil man so voll war. Und es ist vor allem schade ums Geld, weil an einem Wochenende zum Teil 250 bis 300 Euro weg waren. Man hätte in der Zeit auch Wichtigeres und Schöneres machen können als zu saufen.“

Diese Erkenntnis ist eines der Ziele der bundesweiten Kampagne „bunt statt blau“ der DAK-Gesundheit. Weil bei vielen Jugendlichen das „Komatrinken“ weiter angesagt ist, Alkohol noch immer dazu missbraucht wird, um cool und im Gespräch zu sein, will die Krankenkasse zur Aufklärung beitragen, dafür sorgen, dass das Thema im Alltag der Jugendlichen, vor allem in der Schule, angesprochen wird.

In den vergangenen sechs Jahren wurden in Deutschland immer mehr Kinder und Jugendliche mit der Diagnose Alkoholvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert, 2012 waren es laut der DAK 26.673 Kinder, ein neuer Höchstwert. Im Kreis Schleswig-Flensburg habe es im selben Jahr 95 Fälle von Alkoholvergiftung gegeben – ein Anstieg um 25 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. „Bundesweit landen Tag für Tag etwa 70 Kinder und Jugendliche betrunken in einer Klinik“, sagt Ralf Luchtenveld von der DAK Flensburg. Viele der jungen Patienten seien gerade einmal zehn bis 15 Jahre alt.

Um den Trend zu stoppen oder ihm zumindest etwas Nachhaltiges entgegenzusetzen, hat die DAK bereits 2010 die Kampagne ins Leben gerufen. Noch bis zum 31. März können zwölf- bis 17-jährige Schüler selbst gestaltete Plakate mit einer bestimmten Botschaft gegen Alkoholmissbrauch einreichen. Es können auch Teams und Schulklassen mit jeweils einem Plakat teilnehmen. Durch die Kunst soll bei „bunt statt blau“ aktiv Alkoholprävention betrieben werden, indem sich Schüler bei der Anfertigung der Plakate mit dem Komatrinken auseinandersetzen. Eine Jury wählt je Bundesland das beste Exemplar, das im Juni in die Endausscheidung kommt. Hier wählt die Bundesjury, in der auch die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler, und die Band „Luxuslärm“ sitzen, den Gesamtsieger.

Das Besondere und Wichtige an der DAK-Aktion ist laut Luchtenveld, „dass die Schüler mit ihren Bildern selbst zu glaubwürdigen Botschaftern gegen das Rauschtrinken werden“.

>Alle Informationen zur Teilnahme inklusive Kontaktdaten gibt es auf www.dak.de/dak/leistungen/bunt_statt_blau-1187104.html.

 

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