Zukunft der Hospizarbeit: „Jeder trägt Verantwortung“

Begeisterte seine Zuhörer: Franz Müntefering
Begeisterte seine Zuhörer: Franz Müntefering

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10. Mai 2018, 16:59 Uhr

Der Saal war voll, der Applaus lang und die Diskussion im Anschluss lebhaft: Zum Auftakt der Nordischen Hospiz- und Palliativtage im Akademiezentrum Sankelmark sprach Franz Müntefering zum Thema „Wir können was bewegen – wir wollen was bewegen“. Er tat dies nicht als Vizekanzler oder Minister a. D., das machte der 78-Jährige gleich zu Beginn klar. Müntefering war als Vorstandsvorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen, kurz BASGO, gekommen und zwar mit einer Botschaft: „2030 werden in Deutschland rund 70 000 Hundertjährige wohnen, ein Fußballstation voller Hundertjähriger, nur keiner steht mehr auf dem Platz.“ Höchste Zeit sei es Antworten zu finden auf Fragen wie: Wer wird dann die Pflege übernehmen, die Begleitung von Sterbenden? Wie werden Pflegeberufe wieder attraktiv? Wie wollen wir den Unterschieden in der begleitenden schmerzlindernden Medizin begegnen? Theoretisch habe jeder Anspruch auf eine gute, auch ambulante medizinische Versorgung in der letzten Lebensphase, doch tatsächlich stehe es schlecht um die Versorgung von Patienten in der Fläche. „Da, wo es kein Angebot gibt, ist das Recht eben verloren.“

Getreu seinem Thema „Wir können was bewegen“, blickte Müntefering nach vorn auf mögliche Wege aus dem Dilemma. Jeder könne zur Verbesserung der Situation beitragen, führt er aus: der Einzelne, die Gesellschaft, der Staat. Voraussetzung sei allerdings, „dass wir nicht vor der Erkenntnis weglaufen, dass wir alle sterben müssen, dass wir uns mit dem Tod aktiv auseinandersetzen, Sterbende begleiten und selbst das eigene Ende vorbereiten“. Er wolle den Menschen Mut machen, sich dafür Zeit zu nehmen. Und „Zeit ist das wichtigste, aber Zeit kostet Geld. Das ist die schlichte Wahrheit.“ So forderte Müntefering vom Staat mehr Wertschätzung für Pflegekräfte und pflegende Einrichtungen: Höhere Löhne, bessere wirtschaftliche Rahmenbedingungen. „Menschen zu betreuen, ist mindestens so viel wert, wie an Autos zu schrauben.“ Von der Gesellschaft forderte er organisierte Solidarität, ein gutes Miteinander von Haupt- und Ehrenamt. Jeder Einzelne trage für das menschliche Miteinander Verantwortung – insbesondere aber für sich selbst. Gute Ernährung, Bewegung, soziale Kontakte würden zwar Gesundheit nicht garantieren, aber die Wahrscheinlichkeit gesund und mit Spaß alt zu werden steigern. Auch hier mahnte der BASGO-Vorsitzende Realitätssinn an: Reichen die eigenen Fähigkeiten noch aus, um Auto zu fahren? Und wie soll es gehen, wenn nichts mehr geht? „Denken Sie an Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung.“

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