Totschlags-Prozess : Wut, Aggression und langes Schweigen

Solidarität mit dem Opfer: Eine Delegation des Technischen Hilfswerks verfolgte demonstrativ den ersten Verhandlungstag.
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Solidarität mit dem Opfer: Eine Delegation des Technischen Hilfswerks verfolgte demonstrativ den ersten Verhandlungstag.

Der Prozess um den Tod von Karen H. aus Lürschau wird fortgesetzt. Am zweiten Verhandlungstag sprechen der Sohn und die geschiedene Ehefrau des Angeklagten von ihrer täglichen Angst vor Wutausbrüchen, Alkoholkonsum und strafendem Schweigen.

shz.de von
19. November 2013, 07:45 Uhr

Im Prozess um den Tod der 37-jährigen Karen H. aus Lürschau beschäftigte sich das Flensburger Landgericht gestern mit dem Charakter des Angeklagten. „Wir wollen herausfinden, was für ein Mensch er war, wie er sich verhalten hat und wie er gestrickt war“, sagte der Vorsitzende Richter Michael Lembke. Als Zeugen waren die gesAm 29. April wurde die Verwaltungsangestellte Karen H. in ihrem Haus in Lürschau mit sieben Messerstichen brutal getötet. Das Verbrechen hat Entsetzen ausgelöst: in der Schleswiger Kreisverwaltung, wo das Opfer in der Führerscheinstelle arbeitet, beim Flensburger Ortsverband des Technischen Hilfswerks (THW), an dessen Spitze sie gut ein Jahr zuvor gewählt worden war – und vor allem in der Nachbarschaft und in der Familie.

chiedene Ehefrau und der Sohn des Verdächtigen geladen.

Die Staatsanwaltschaft hält einen 57-jährigen Mann aus Dannewerk für den Täter. Verdachtsmomente und Indizien gibt es ausreichend: Das Opfer war im Verfahren um den Führerscheinentzug des Verdächtigten beteiligt, es hatte ihn auch wegen Fahrens ohne Führerschein angezeigt. Seine DNA wurde unter einem Fingernagel der Frau gefunden, ebenso an einer Zigarettenkippe, die in der Nähe des Tatortes gefunden wurde. Zeitweise hatten die beiden sogar Tür an Tür in einem Doppelhaus in Lürschau gelebt.

Doch der Angeklagte schweigt. Zehn Tage rund um die Tat könne er sich an gar nichts erinnern, erklärte er am ersten Verhandlungstag. Und so macht sich das Gericht auf die mühsame Suche nach Details, Zusammenhängen und Motiven. Am zweiten Verhandlungstag ging es darum, sich ein Bild von dem ehemaligen Berufskraftfahrer zu machen. Der erschien in dunklem Anzug, mit hellbraunen Sportschuhen und unbewegter Mine. Als seine geschiedene Frau in den Zeugenstand trat, zeigte er keine Gefühlsregung, nahm keinen Blickkontakt auf. Die Frau bezeichnete ihn als aufbrausend und unbeherrscht. Selbst bei nichtigen Anlässen habe er herumgeschrien und mit den Türen geknallt. Er sei schon immer unfähig gewesen, eine Mitschuld an Streitigkeiten zuzugeben oder sich gar zu entschuldigen, berichtete die 52-Jährige. „Er hat die Schuld immer bei anderen gesucht.“ Seine Ausbrüche endeten meist mit langem Schweigen. Bis zu einen Monat hätten die Phasen gedauert. Die Kombination aus Wutausbrüchen und strafendem Schweigen gehörte fast während der gesamten 25 Ehejahre zum Alltag. Diskussionen, das Zulassen oder auch nur Anhören von anderen Meinungen gab es nicht. „Damit kam er nicht klar.“

Als Grund für die Trennung nannte sie den dauerhaften Alkoholkonsum und eine handgreifliche Attacke gegen den jüngeren ihrer beiden Söhne. Zu ihm hat der Angeklagte seitdem keinen Kontakt mehr. Gewalttätig sei er allerdings zuvor nicht gewesen. „Da hatte er sich im Griff“, sagte seine geschiedene Frau. Nach der Trennung habe er nicht loslassen können. „Er ist häufig bei mir zu Hause oder an meiner Arbeitsstelle vorbeigefahren. Ich hatte das Gefühl, er wollte mich kontrollieren.“

Noch konkreter und schonungsloser ging der ältere Sohn mit dem Angeklagten ins Gericht. Der 31-Jährige war bis wenige Tage vor der Tat die letzte verbliebene Verbindung zwischen dem Vater und der Familie. Sein Vater habe getrunken, sei ein Eigenbrötler und ein Stalker. Er selbst habe seine Mutter gedrängt, ihn endlich zu verlassen. „Wer weiß, was sonst noch passiert wäre.“ Auf die Frage, warum niemand den Vater auf seine Autofahrten angesprochen habe, nachdem der seinen Führerschein 2001 wegen Alkohols am Steuer verloren hatte, sagte er: „Man hatte doch selbst Angst.“ Er beschrieb damit nicht nur seine eigene Situation, sondern ausdrücklich auch die seiner Mutter.

Und die Angst vor dem Vater ist im Laufe der Jahre nicht gewichen. Im Gegenteil. „Nach dem, was jetzt passiert ist, habe ich Angst um meine Familie und mich, sollte er wieder auf freien Fuß gesetzt werden“, sagte der 31-Jährige. Blickkontakt zwischen Sohn und Vater gab es auch nach dieser Aussage nicht.

Den letzten Kontakt habe es am 27. April, zwei Tage vor der Tat gegeben. In einem Telefonat habe der 57-Jährige sich nach seinem anderen Sohn erkundigt. Als er zur Antwort bekam, er solle den doch selbst fragen, lautete die Antwort: „Ich wünsche Dir und Deiner Familie ein schönes Leben.“ Dann legte der Vater auf.

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