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China-Koch vor Gericht : Wirre Reden von Obama und einer Million in bar

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Im Prozess um eine Messer-Attacke in der Restaurant-Küche gibt der Angeklagte immer größere Rätsel auf.

Beinahe teilnahmslos, den Blick gesenkt – so saß der chinesische Koch gestern auf der Anklagebank im Schwurgerichtssaal des Flensburger Amtsgerichts, wo er sich wegen versuchten Totschlags verantworten muss. Der 32-Jährige, der am Gründonnerstag seinen Kollegen im China-Restaurant am Wikingturm mit einem Gemüsemesser schwer verletzt haben soll, gibt noch immer Rätsel auf – und die Rätsel werden eher größer als kleiner. Das Motiv soll ein Streit ums Personal-Essen gewesen sein, aber die Probleme des Angeklagten sind offenbar viel größer.

Gestern berichteten zwei Vollzugsbeamte aus dem Flensburger Gefängnis, wie es dazu kam, dass der Koch vor zwei zwei Wochen in die geschlossene Psychiatrie nach Neustadt in Holstein verlegt wurde. Der Mann habe wegen seiner mangelnden Deutschkenntnisse von Anfang an einen schweren Stand bei seinen Mitgefangenen gehabt, sei aber meist sehr fleißig und hilfsbereit gewesen. Es gab aber immer wieder Tage, an denen er plötzlich sehr erregt war, ohne dass genau zu verstehen war, warum. Am Montag der vorletzten Woche war es besonders schlimm: Erst sagte er, er könne nicht zur Arbeit gehen. Dann rief er in seiner Zelle nach einem Vollzugsbeamten und schrieb auf einen Zettel die Zahl 1  000  000 sowie ein chinesisches Schriftzeichen, von dem sich später herausstellte, dass es für „Bargeld“ steht. Dem Beamten zeigte er ein Foto in einer chinesischen Zeitschrift, auf dem der chinesische Staatspräsident Xi Jinping zusammen mit Barack Obama abgebildet war. Nachdem der Koch dem Beamten dann auch noch an den Hüften packte, wurde er in eine so genannte Beobachtungszelle gebracht. Einer herbeitelefonierten Dolmetscherin erklärte der Häftling dann, was er wollte: Er verlangte eine Million in bar vom chinesischen Staatspräsidenten – und zwar sofort.

Weil der Mann weiter um sich schlug, wurde er schließlich zunächst ins Flensburger Diako-Krankenhaus gebracht, wo er ans Bett gefesselt unter anderem mit Beruhigungsmitteln behandelt wurde. Zwei Tage später kam er in die Psychiatrie nach Neustadt.

Fragen der Vorsitzenden Richterin Birte Babener beantwortete er auf eine Weise, die Zweifel daran aufkommen ließen, ob er begreift, was vor sich geht. Psychische Probleme habe er nicht, versicherte er. Die Wirkung der Medikamente spüre er durchaus: „Ich habe keinen Drang mehr zu rauchen, und mein Urin ist nicht mehr so dunkel.“ Ähnlich ging es weiter, als Babener auf die Ereignisse am Tag der Tat im April zu sprechen kam. Seine Antwort: „Im April? Da habe ich noch viel geraucht. 20 oder 30 Zigaretten am Tag.“

Der Koch, der in Deutschland keine Angehörigen oder Freunde hat, wirkt nicht immer so desorientiert. Am ersten Verhandlungstag im September hatte er noch knapp, aber strukturiert von seinen persönlichen Umständen in China berichtet, wo er Frau und Kind hat. Auch gestern war die Frage nach seiner Familie eine der wenigen, die er klar beantwortete: „Meine Familie kennt meine jetzige Situation nicht genau. Ich möchte nicht, dass sie sich Sorgen macht.“ Er wünsche sich, möglichst bald zurückzukehren.

Das war in den Tagen nach der Tat offenbar anders. Die Polizei hatte ihn zunächst wieder auf freien Fuß gesetzt. Sein Chef aus dem Restaurant besorgte ihm einen chinesischstämmigen Anwalt aus Hamburg. Dieser soll ihm geraten haben, so schnell wie möglich nach China zurückzukehren. Anstatt diesem Rat zu folgen, stellte sich der Koch auf der Schleswiger Polizeiwache und erklärte, er wolle sich lieber in Deutschland für seine Tat verantworten. Erst danach kam er in Untersuchungshaft.

 

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erstellt am 18.Okt.2015 | 07:28 Uhr

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