Muslim aus Jagel : „Wir wollen geben, nicht nehmen“

Der 21-jährige Hamed Chaudhry, dessen Eltern aus Indien stammen, studiert Jura in Kiel.
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Der 21-jährige Hamed Chaudhry, dessen Eltern aus Indien stammen, studiert Jura in Kiel.

Hamed Chaudhry aus Jagel ist Muslim und setzt sich seit Jahren für Integration ein. Das Misstrauen gegenüber seinem Glauben ist stärker geworden – im Interview spricht er über Vorurteile und Wege zum Miteinander.

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31. Januar 2015, 07:45 Uhr

Hamed Salman Chaudhry ist Muslim, wurde vor 21 Jahren in Deutschland geboren. Seine Eltern kamen vor über 30 Jahren von Indien nach Jagel. Hamed, der am BBZ Schleswig Abitur machte, wurde für sein Engagement für Integration mehrfach mit Landes- und Bundespreisen ausgezeichnet. Jetzt studiert er Jura in Kiel und investiert nebenbei viel Zeit in sein aktuelles Projekt „Mein Vorbild“, eine Online-Sendereihe, in der Menschen mit Migrationshintergrund, auch Promis wie die Fußballer Gerald Asamoah oder Ilkay Gündogan, porträtiert werden – als Musterbeispiele für Integration. Wir haben mit Hamed über die aktuelle Flüchtlingsdebatte, „Pegida“-Demos und die Anschläge auf „Charlie Hebdo“ gesprochen, darüber, wie all dies seinen Alltag beeinflusst.

Hamed, Du sagst ja, dass Integration nur gelingen kann durch Teilnahme an der Gesellschaft, Sport, Ehrenämter und Bildung, bist selbst sehr gut integriert. Und Du hast immer betont, dass Du Dich wohl fühlst in Deutschland. Hat sich daran in letzter Zeit etwas geändert?
Ich fühle mich immer noch sehr wohl hier, aber ich spüre, dass sich durch die Ereignisse der letzten Zeit ein Misstrauen gegenüber Muslimen breitmacht. Ich kann nachvollziehen, dass sich manche Muslime wie Fremdkörper fühlen, wenn sie zehntausende Menschen auf den Straßen gegen Einwanderung und eine angebliche Islamisierung demonstrieren sehen. Es ist schwieriger geworden, Barrieren zwischen den Kulturen abzubauen, aber das ist kein Grund aufzugeben.

Was denkst Du über „Pegida“-Demos?
Natürlich verurteile ich nicht alle Menschen, die dort auf die Straßen gehen, denn sie haben dieselben Sorgen wie Muslime auch: Es geht um Arbeit, Rente, die Zukunft unserer Kinder. Darunter mischt sich aber viel Feindseligkeit gegenüber Muslimen und Ausländern. Ich denke, man muss mit diesen Menschen in den Dialog treten, darf nicht alle pauschal als Rassisten bezeichnen.

Würdest Du an einer Gegen-Demonstration teilnehmen?
Nein. In so einem hochemotionalen Klima halte ich es für keine gute Idee, wenn Muslime auf die Straße gehen, das wäre die falsche Strategie. Wir müssen uns anders sichtbar machen. Ich habe zum Beispiel an der bundesweiten Flyer-Aktion „Muslime für Frieden“ teilgenommen, mit Menschen auf der Straße Gespräche geführt. Mit solchen Aktionen zeigen wir: „Wir wollen nicht nehmen, sondern geben.“ Ich glaube, das ist jetzt das richtige Signal.

Was hast Du als Erstes gedacht, als Du vom Terroranschlag auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ gehört hast?
Ich war geschockt und habe gehofft, dass es kein Anschlag im Namen des Islam war. Als ich gehört habe, dass es zwei Spinner waren, die behauptet haben, dass sie den Propheten gerächt hätten, war ich traurig und entsetzt. Ich finde es aber schade, dass wir uns in Deutschland durch solche Ereignisse spalten lassen. Davon profitieren Rechtsradikale und Terroristen – beide leben, um zu hassen.

Die Attentäter haben den Anschlag ja mit ihrem Glauben, der Lehre des Koran gerechtfertigt…
Wenn ein Mensch aus 6000 Versen im Koran sechs herauszieht, um eine Sache zu rechtfertigen, dann muss man sich schon fragen, inwieweit sein Islamverständnis berechtigt ist. Der Koran muss als Gesamtwerk verstanden werden. Es gibt Verse, die von Gewalt sprechen, aber es heißt im Islam auch: Man darf sich nur verteidigen, unter keinen Umständen Zivilisten töten, weder Kinder noch Frauen, weder alte Menschen noch religiöse Prediger.

Wirst Du in letzter Zeit vermehrt auf Deine Religion angesprochen, wie Du zum Islam stehst?
Ich muss mich nach wie vor immer wieder mal rechtfertigen für etwas, was ich nicht getan habe, aber daran bin ich gewöhnt. Man muss gegen einen Berg von Vorurteilen kämpfen. Viele Muslime haben das Gefühl, dass egal, was sie tun, sie sich in den Augen der Deutschen niemals gut genug integrieren. Das muss sich ändern. Aber wir sollten auch aufhören zu glauben, dass Integrationsprobleme immer etwas mit Religion zu tun haben: Es geht eher um Bildung, Sprache, Arbeit und soziale Verhältnisse, die darüber entscheiden, wie viele Hürden existieren.

Wie lebst Du Deine Religion?
Am wichtigsten ist die Unterscheidung zwischen Islam und Islamismus: Der Islam ist der spirituelle Weg zum inneren und äußeren Frieden mit Gott, und der Islamismus macht aus dem Islam eine politische Theorie, in der es um Machtinteressen geht. Ich selbst gehöre der Ahmadiyya Muslim Jamaat in Schleswig an, einer rein religiösen Reformgemeinde, die die Liebe zum Heimatland als Teil ihres Glaubens ansieht und aktiv für Integration arbeitet. Mir ist meine Religion im Alltag wichtig, weil sie ihn erleichtert, ihm Sinn verleiht.

Würdest Du sagen, die Deutschen machen einen Unterschied, ob jemand Inder, Syrer oder Somalier ist?
Das merkt man ja an den Reaktionen. Wenn ich sage, dass ich ursprünglich aus Indien komme, stoße ich auf großes Interesse. Aber als Türke, Syrer oder Somalier – da haben die Menschen gleich ganz andere Bilder im Kopf. Ein Inder ist in ihren Augen gebildet, fleißig und friedlich. Das macht es mir einfacher, aber nur bis klar wird, dass ich Muslim bin: Dann muss ich wieder gegen Vorurteile ankämpfen.

Warum beschäftigst Du Dich seit vielen Jahren mit dem Thema Integration?
Es ist mir sehr wichtig, in einem Land zu leben, in dem ein gutes Miteinander zwischen den Kulturen herrscht. Ich finde es immer wieder spannend zu sehen, wie es funktionieren kann, wenn Menschen ihre Berührungsängste ablegen, aufeinander zugehen. Meine Geschwister und ich arbeiten aktiv im interreligiösen Dialog, und für mich ist vor allem Bildung ein wichtiger Schlüssel zur Integration. Wir alle studieren: meine Schwester Deutsch, ein Bruder VWL, der andere Philosophie und ich Jura.

Wie findest Du denn eigentlich Mohammed-Karikaturen?
Ich frage mich: Gibt es nicht zivilisierte Umgangsformen? Es schmerzt mich, wenn man mich im Namen der Kunst verletzt, den Islam aufs Übelste beschimpft. Das soll Meinungsfreiheit sein? Das ist absurd, hat mit Demokratie nichts zu tun. Unsere Demokratie ist nicht auf Beschimpfungen angewiesen, sondern auf Toleranz und Respekt.

> www.meinvorbild.tv; www.hamedc.de


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