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Kann ein Behinderter Wehrführer werden? : „Wir stehen hinter Helge Petersen“

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Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Feuerwehrspitzen aus Kreis und Amt geben künftigem Chef der Idstedter Brandschützer Rückendeckung.

„Er ist ein Denker, Lenker, Motivator.“ Wenn Kreisbrandmeister Mark Rücker über den neuen Idstedter Gemeindewehrführer Helge Petersen spricht, sind ausschließlich positive Worte zu hören. Doch die Tatsache, dass sich Rücker bemüßigt fühlt, die Wehrführerwahl in der 850-Einwohner-Gemeinde überhaupt zu kommentieren, hat einen wenig erfreulichen Grund. Idstedts Noch-Feuerwehrchef Volker Vahlendick hatte öffentlich bezweifelt, dass sein Nachfolger dem Amt gewachsen ist (wir berichteten).

Hintergrund ist Petersens körperliche Behinderung. Der 31-Jährige leidet von Geburt an an einem Hüftschaden, der seinen Gehapparat einschränkt. „Ich bin sicherlich nicht zum Marathonläufer geboren“, sagt Petersen mit einem Augenzwinkern. Gleichwohl weist er darauf hin, dass er seit 15 Jahren als ganz normaler Feuerwehrmann agiert und im vergangenen Jahr zum stellvertretenden Wehrführer aufgestiegen ist. Lediglich als Atemschutzgeräteträger sei er aufgrund seiner Behinderung nicht geeignet.

Vahlendicks Äußerungen – zuletzt während der Gemeindevertretersitzung, bei der Petersens Wahl von der Kommunalpolitik bestätigt wurde – haben jetzt Rücker sowie die Wehrführung des Amtes Südangeln auf den Plan gerufen. „Das Image der Feuerwehr darf nicht unter solchen Äußerungen leiden“, sagt Amtswehrführer Klaus Uck im Gespräch mit den SN. Er habe Angst, dass dadurch Leute mit Handicap aus der Feuerwehr vergrault werden könnten. Gleichzeitig stellt er klar: „Helge Petersen ist fachlich als Führungskraft sehr geeignet.“ Das betont auch der stellvertretende Amtswehrführer Björn Wilke, der darauf verweist, dass Petersen seine Kompetenz und Leistungsfähigkeit auch im Katastrophenschutz sowie als Rettungssanitäter bei den Johannitern unter Beweis gestellt habe. Unisono betonen Uck, Wilke und Rücker, dass Petersen ihre „volle Rückendeckung“ genieße.

Dass der 31-Jährige trotz seiner Behinderung als Wehrführer geeignet ist, hat auch die Hanseatische Feuerwehr-Unfallkasse Nord bestätigt. „Eine schiefe Körperhaltung und eine langsamere Gehgeschwindigkeit stellen keinen Ablehnungsgrund dar. Gerade in Führungsfunktionen steht die uneingeschränkte körperliche Eignung im Hintergrund“, heißt es in einer E-Mail an die Amtswehrführung.

Für das Verhalten von „VV“ haben die Kollegen im Amt Südangeln kein Verständnis. „Volker Vahlendick soll sich an die eigene Nase fassen. Er selbst ist nicht geeignet, eine Wehr zu führen“, urteilt Uck. Damit spricht er Vahlendicks autoritären Führungsstil an, der die Idstedter Wehr beinahe zerrissen hätte. Aus Unmut über ihren Hauptmann hatten vor einigen Wochen zehn der 35 Kameraden damit gedroht, aus der Wehr auszutreten, sollte der umstrittene Chef weiter im Amt bleiben. Mit Hilfe des Südangelner Amtsdirektors und der Amtswehrführung wurde daraufhin ein Kompromiss gefunden: Vahlendick (65), seit bald zwölf Jahren an der Spitze der Idstedter Wehr, darf bis zum offiziellen Ende seiner Amtsperiode im kommenden März im Amt bleiben. Er muss aber bis dahin seinen in einer außerordentlichen Mitgliederversammlung gewählten Nachfolger in alle wichtigen Entscheidungen mit einbeziehen. Oberster Dienstherr des Gemeindewehrführers ist der Bürgermeister, also Edgar Petersen. Er erklärte sich in diesem Fall jedoch für befangen, weil er der Vater des neuen Wehrführers ist.

Helge Petersen, der sich aktuell auf einem Führungslehrgang beim Landesfeuerwehrverband befindet, kündigt für die Zukunft andere Umgangsformen bei den Idstedter Brandschützern an. „Der Ton macht die Musik“, stellt er klar. Zugleich sehe er es als eine seiner Hauptaufgaben an, das durch Vahlendicks Stil vielfach zerrüttete Verhältnis zu den Nachbarwehren wieder zu kitten. Petersen: „Es gibt sehr viel aufzuarbeiten.“ Wegen der öffentlichen Diskussion um seine Person die Brocken hinzuschmeißen, das sei ihm nicht in den Sinn gekommen. „Ich bin von der großen Mehrzahl meiner Kameraden gewählt worden. Und ich weiß die Amtswehrführung und den Kreisfeuerwehrverband hinter mir.“

Der nunmehr stark in der Kritik stehende Vahlendick meinte auf SN-Nachfrage nur: „Ich sage dazu nichts mehr.“

Grundsätzlich gehe es darum, ein Zeichen zu setzen, wie Kreiswehrführer Rücker betont. Nämlich, dass man es sich nicht leisten könne, auf versierte Führungskräfte zu verzichten, nur weil sie vielleicht ein Handicap haben. „Es gibt mehrere Beispiele in Feuerwehren im Kreis, wo körperliche Behinderungen keine Probleme darstellen.“ Und selbst Menschen mit einer geistigen Behinderung könnten ihren Platz in der Feuerwehr finden, etwa im Bereich Logistik. Rücker: „Jeder hat seine Stärken, wenn man die Betroffenen richtig fordert.“ Zuletzt hatte ein Fall für Aufsehen gesorgt, bei dem ein Mann nicht Mitglied in der Schleswiger Wehr werden durfte, obwohl er zuvor Feuerwehrmann in Uelsby war.

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erstellt am 24.Nov.2015 | 19:06 Uhr

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