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Mehrgenerationenhaus im Lollfuss : „Wir sind keine Wohngemeinschaft“

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Das Schleswiger Mehrgenerationenhaus möchte sein Angebot ehrenamtlicher Arbeit bekannter machen – und Missverständnisse ausräumen.

Die Erfahrung, die Jörg Lucks gemacht hat, ist durchaus typisch: Der 55-Jährige war auf der Suche nach einem neuem Zuhause, und er hatte von innovativen Wohnprojekten gehört – von Mehrgenerationenhäusern, in denen junge und alte Menschen unter einem Dach leben. So klopfte er an die Tür des Mehrgenerationenhauses im Lollfuß 48 – und erfuhr, dass sich in diesem Fall etwas ganz anderes hinter dem Begriff verbirgt. Zwar begegnen sich auch hier Menschen jeden Alters, aber nicht, um gemeinsam zu wohnen, sondern um sich gegenseitig zu helfen – auf ehrenamtlicher Basis.

„Wir sind keine Wohngemeinschaft.“ Immer wieder muss die hauptamtliche Mitarbeiterin Helga Delfs das erklären. Der Name der Einrichtung sei etwas unglücklich, weil doppeldeutig, gibt sie zu. Aber ändern lässt sich das nicht. Jedenfalls nicht bis Ende 2016. Solange wird das Angebot, das aus der Selbsthilfe-Kontaktstelle Kibis hervorgegangen ist, vom Bundesfamilienministerium gefördert. Und die Berliner Beamten haben für dieses Modellprojekt nun einmal den Namen Mehrgenerationenhaus festgelegt.

Jörg Lucks ist trotzdem dageblieben. Wenn nicht zum Wohnen, dann eben zum Helfen. Der Zweiradmechaniker, der wegen einer Erkrankung nur noch in Teilzeit arbeiten kann, packt nun mit an im Repaircafé, einem Angebot an jedem ersten Sonnabend im Monat. Dort hilft er Besuchern, ihre Fahrräder zu reparieren. Andere Mitstreiter bringen Toaster, Kassettenrekorder oder auch mal eine alte Puppe wieder auf Vordermann.

Neun bis zwölf Hilfesuchende kommen an einem durchschnittlichen Nachmittag ins Repaircafé. Es könnten mehr sein, findet Helga Delfs. Deshalb startet sie nun eine Werbeoffensive. Sie hat rund 4000 Faltblätter drucken lassen. Verteilt werden sie in den kommenden Tagen in der ganzen Stadt – natürlich von Ehrenamtlern. Die Bürger können dann nachlesen, was das Mehrgenerationenhaus noch alles zu bieten hat. Viel Potenzial steckt zum Beispiel im „Café Zeitlos“. Geschulte Helfer wie Kristin Kröger kümmern sich hier einmal im Monat um Demenzkranke – so dass die pflegenden Angehörigen ein paar Stunden für sich selbst haben. „Das Angebot ist kostenlos – ich wundere mich, dass nicht hundert Leute kommen“, sagt Kröger. Tatsächlich sind es meist zwischen vier und sechs Teilnehmer. Platz wäre immerhin für acht.

Mehr Besucher hat das ganz normale Café für jedermann, das an jedem Werktag geöffnet hat. Hier engagiert sich Lioba Mumm (73). Sie freut sich, im Ruhestand eine Aufgabe gefunden zu haben – durch eine Bekannte, die ihr davon erzählte. Die 70-jährige Gisela Zerth macht etwas anderes: Sie ist Leih-Oma. „Dass wir sie hier gefunden haben, ist ein großes Glück“, sagt Oliver Kopp, der vor drei Jahren mit Frau und Kind von Köln nach Schleswig zog. Der Rest der Familie ist weit weg. Dank der Vermittlung durch das Mehrgenerationenhaus bekommt Kopps fünfjährige Tochter Mara nun ein oder zwei Mal in der Woche Besuch von Gisela Zerth – sofern sie Zeit hat. Sie kümmert sich liebend gern um die Kleine, aber manchmal hat sie eben auch etwas anderes vor – wie eine richtige Oma.

Weitere Informationen: www.kibis-sl.de

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erstellt am 19.Nov.2014 | 07:02 Uhr

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