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Familie Kli aus dem Irak : „Wir sind in Kropp angekommen“

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Bericht von einer Flucht: Verfolgt von der Terrormiliz IS mussten Khidir Kli und seine Familie ihre Heimat im Irak Hals über Kopf verlassen

Eine lange, lebensgefährliche Odyssee liegt hinter Khidir Kli (41) und seiner jesidischen Familie. Vor über zwei Jahren begann ihre Flucht aus dem Irak, ihrer Heimat. Da eine friedliche Rückkehr unvorstellbar erschien, trat Khidir Kli zunächst alleine den Weg nach Deutschland an – erfolgreich. Aber erst Ende August dieses Jahres – nach mehr als anderthalb Jahren Trennung – konnten seine Frau und seine fünf Kinder im Rahmen der Familienzusammenführung ebenfalls nach Deutschland kommen. In Kropp lebt die wiedervereinte Familie nun mit einer Aufenthaltserlaubnis bis 2018. Wie lang und beschwerlich der Weg bis zur Wiedervereinigung war, berichtet Khidir Klie hier:

„Am 3. August 2014 um 3 Uhr nachts überfielen IS-Kämpfer unsere jesidische Stadt Sibai nahe der Metropole Sinjarin in meiner Heimat. Sie begannen, ohne lange zu fackeln, auf ihrer Fahrt durch unsere Stadt sofort mit der Ermordung der Einwohner, um so brutal ihre Macht zu demonstrieren. Wir wachten von den Schüssen auf, sahen sie an unserem Haus vorbeifahren und ließen noch in der Nacht alles stehen und liegen und flohen zu Fuß ins nahe Sinjargebirge. Unsere älteren Familienmitglieder schickten wir mit Autos zu einem vereinbarten Treffpunkt in den Bergen. Mehr als das, was wir am Leibe tragen konnten, hatten wir nicht dabei. Viele unserer jesidischen Freunde und Bekannten hatten es leider nicht geschafft, aus der Heimatstadt zu fliehen. Sie wurden ermordet, denn für die ISIS waren wir Ungläubige, die es aus ihrer Sicht zu vernichten galt.

Mit meiner Frau, unseren vier Kindern (damals 2, 3, 6 und 8 Jahre) und den Familien meiner Brüder machten wir uns auf den Weg ins nahe Gebirge – fast ohne Verpflegung, nur mit ein bisschen Wasser. Dort versteckten wir uns acht Tage lang. Dann bemerkten wir, dass die ISIS uns auch bis dorthin verfolgte.

Erneut machten wir uns zu Fuß auf den Weg über die Grenze nach Syrien zu den dortigen Kurden. Es gab für uns aber keine Unterkunft und kein Essen, so dass wir uns nach wenigen Tagen mit Hilfe der kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPK) über einen sicheren Fluchtkorridor ins irakische Kurdistan, in die Stadt Sharia westlich von Dohuk, aufmachten.

Dort brachte man uns alle in kleinen Zelten unter. Zum Glück konnten alle Mitglieder meiner Familie bis dorthin zusammen bleiben. Wir bekamen ganz unregelmäßig Verpflegung von UN-Mitarbeitern. Unsere Kinder waren oft krank und konnten nicht wirklich verstehen, weshalb wir nie mehr in unser Haus nach Sibai zurückkehren wollten.

Wir unterstützen uns gegenseitig, teilten alles, was uns gegeben wurde. Nachts war es sehr, sehr kalt. Die zwei großen Kinder Maeda und Majida bekamen manchmal Schulunterricht im Lager. Für uns Erwachsene gab es nichts zu tun, und uns wurde schnell klar, dass wir in unsere Heimat nie wieder zurückgehen könnten.

Die Familie beschloss gemeinsam, den Irak für immer zu verlassen und in Deutschland ein neues Leben zu beginnen. Es war eine schwierige Entscheidung: Unsere eigenen Häuser würden wir nie wiedersehen, und die Wurzeln unserer Religion mussten wir aufgeben.

Dazu einige Anmerkungen: Für Jesiden ist es sehr schwer, sich von den heiligen Stätten im Irak trennen zu müssen. In Lalish, zirka 70 Kilometer nördlich von Mossul, ist die Grabstätte unseres bedeutendsten Heiligen, Scheich Adi Ibn Musafir (1073-1163). Wir Jesiden, ob jung oder alt, trafen uns dort jedes Jahr vom 6. bis 13. Oktober zum „Fest des Zusammenkommens“ auf dem Markt der Erkenntnis. Dort sind die Grabstätten aller Heiligen unserer Religion. Wann immer möglich, fuhren wir auch anlässlich unseres Neujahrsfestes, am ersten Mittwoch im April, nach Lalish. Für alle wurden Eier verteilt, und rote Blumen schmücken die heilige Stadt. Der Mittwoch ist übrigens unser jesidischer Feiertag.

Ich wurde von der Familie ausgewählt, mit vier anderen Jesiden aus dem Lager die Flucht nach Deutschland zu versuchen. Dafür mussten wir einem kurdischen Türken viel, viel Geld bezahlen, der uns genaue Fluchtanweisungen gab: Obwohl meine Frau schwanger war, stimmte sie meiner Flucht zu. Was sollten wir denn sonst machen? Am 1.  Dezember 2014 ging es los: Zuerst für zwei Tage zu Fuß über die türkische Grenze. Danach sammelte uns ein Lkw auf, der uns und weitere 14 Flüchtlinge, die meisten aus Afghanistan, bis an die bulgarische Grenze brachte. Von dort ging es zu Fuß über die Grenze nach Ungarn und dann ohne Unterbrechung bis zu einem bayrischen Bahnhof. Ich habe die ganze Zeit nicht gewusst, wohin die Fahrt ging oder wo wir waren. Am Bahnhof löste ich eine Fahrkarte nach Dortmund, wo ich Asyl beantragte. Dorthin waren schon Familienmitglieder gereist. Für mich hieß es aber: Weiterreise über Unna in die Erstaufnahme nach Neumünster, von wo aus ich Mitte Januar 2015 nach Kropp gesandt wurde.

Fast ein Jahr dauerte es, bis zur Aushändigung meiner Aufenthaltsgestattung, die ich Ende Dezember 2015 erhielt. Nach der Aushändigung meines blauen Passes ging ich mit Unterstützung meines Lotsens daran, Visaanträge für meine Frau und meine fünf Kinder zu erstellen. Dreimal musste die Reise mit dem Bus über Erbil zur deutschen Botschaft nach Ankara verschoben werden. Im Juli 2016 kam die frohe Mitteilung, dass die Visaanträge genehmigt worden waren. Welch eine Erleichterung!

Jetzt hieß es, eine Wohnung zu finden – für eine siebenköpfige Familie ein riesengroßes Problem. Es klappte nur, weil mich mein Lotse und viele Leute in Kropp bei der Suche, Anmietung und Einrichtung der Wohnung unterstützten. Endlich, im August 2016, landeten meine Frau und die nun fünf Kinder in Düsseldorf. Meine ganze Familie in Deutschland fand sich zu ihrer Begrüßung ein. Ich sah zum ersten Mal meinen Sohn Beoar (sein Name bedeutet „Junge ohne Heimat“) – welch eine Freude.

Insbesondere für unsere vier älteren Kinder begann nun eine spannende, aufregende Zeit. Unsere zwei großen Töchter besuchen seit September eine DaZ-Klasse (Deutsch als Zweitsprache) in der Kropper Schule, und die beiden jüngeren Kinder gehen seit einem Monat in eine Kindertagesstätte. Dabei hilft uns Familie Gohlke aus Kropp, die jeweils ein Kind in der gleichen Schulklasse von meiner ältesten Tochter und eines in der Kindergartengruppe der beiden jüngeren Kinder haben – und die sich alle prima verstehen. Wir sind in Kropp angekommen!“

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erstellt am 30.Dez.2016 | 17:45 Uhr

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