Flüchtlingsdorf in Eggebek : „Wir können das!“

Das Interesse an der Informationsveranstaltung war groß: Der große Saal in Thomsens Gasthof platzte aus allen Nähten.
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Das Interesse an der Informationsveranstaltung war groß: Der große Saal in Thomsens Gasthof platzte aus allen Nähten.

Schon in den 90er Jahren hat Eggebek hunderte Flüchtlinge beherbergt, jetzt soll der eine provisorische Flüchtlings-Erstaufnahme bekommen. 300 Bürger kamen zur Info-Veranstaltung.

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29. Mai 2015, 10:24 Uhr

Bis zu 500 neue Nachbarn auf Zeit – darauf stellt sich Eggebek ein. Ab Herbst wird das Land auf dem ehemaligen Militärflugplatz eine provisorische Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge betreiben, bis die dauerhaften Unterkünfte auf dem Flensburger Campus, in Kiel und Lübeck fertiggestellt sind (wir berichteten). Wie sich das Land die Umsetzung der Pläne vorstellt, erläuterte Innenstaatssekretärin Manuela Söller-Winkler am Mittwochabend bei einer Einwohnerversammlung vor rund 300 Bürgern. Bürgermeister Willy Toft zeigte sich überzeugt, dass die 2300-Einwohner-Gemeinde die Herausforderung meistern wird. Zugleich nutzten Bürger, Gemeindevertretung und Amtsverwaltung die Versammlung, um eine stärkere Polizeipräsenz zu fordern – ein Reflex auf die Schließung der Polizeistation in Eggebek vor zwei Jahren.

275 Schlafcontainer, 40 Duschcontainer, 26 für die Kantine, 24 für Büros, fünf für die Polizei, zwei für die medizinische Versorgung, zwei fürs Lager und zwei für die Pförtner – so sehen die Eckdaten aus für das Containerdorf, das ab 1. September im Bereich des ehemaligen Tanklagers auf dem Flugplatzgelände bezogen werden soll. Betrieben wird es durch das Landesamt für Ausländerangelegenheiten (LfA), das bereits Ausschreibungen für die Versorgung der Menschen und den Sicherheitsdienst auf den Weg gebracht hat. Umgerechnet zehn Vollzeitstellen sollen besetzt werden durch Sozialbetreuer, Erzieher und medizinisches Personal. Notfalls können über die Behörde Dolmetscher engagiert werden. Zudem sei man bereits mit den Schulbehörden über schulische Angebote für die Flüchtlingskinder im Gespräch, betonte LfA-Leiter Ulf Döring. Die Polizei werde montags bis freitags mit fünf Kräften in dem Flüchtlingsdorf Präsenz zeigen, erklärte Staatssekretärin Söller-Winkler.

Warum ausgerechnet in einer 2300-Einwohnergemeinde wie Eggebek?, fragte ein Besucher. Die Staatssekretärin erläuterte die Beweggründe mit den Argumenten, die für die Stadt Flensburg sprechen. Denn dort herrsche durch die Grenzlage und die internationale Studentenschaft ein Klima der Weltoffenheit. Außerdem sei geplant, das zunächst für Eggebek eingestellte Personal voraussichtlich im Herbst 2016 mit nach Flensburg zu nehmen, die Verträge mit den Betreuungsdiensten würden entsprechend formuliert, sagte sie.

Bürgermeister Willy Toft bekannte, zunächst ein wenig erschrocken gewesen zu sein, als er von den Plänen des Landes gehört habe. Inzwischen, sagt er, sei er sicher: „Eggebek kann das!“ Er erinnerte daran, dass sich die Einwohnerzahl des Dorfes nach dem Zweiten Weltkrieg durch den Zuzug von Flüchtlingen verdreifacht habe und Eggebek bereits während des Balkan-Konfliktes in den 90er Jahren eine Unterkunft mit 200 Plätzen beherbergt habe.

In dieser Zeit habe sich ein enger Draht zwischen Ministerium und Gemeindevertretung bewährt, erklärte der damalige Sozialausschussvorsitzende Gerhard Flottmann. Für einen solchen werde das Landesamt vor Ort auch in diesem Fall sorgen, versprach Söller-Winkler. Sie nahm auch die Bedenken auf, dass in Eggebek seit dem Abzug der Polizeistation vor zwei Jahren das subjektive Sicherheitsempfinden deutlich gelitten habe. Diese Kritik an der Strukturreform der Landespolizei, die nur mittelbar mit dem Anlass der Veranstaltung zu tun hatte, nahm breiten Raum ein. „Wenn wir nachts die Polizei rufen, hören wir, wir müssten allein klar kommen. Das ist eine Frechheit!“, ärgerte sich eine Eggebekerin. Und auch der Moderator des Abends, der leitende Verwaltungsbeamte des Amtes Eggebek, Klaus-Dieter Rauhut, hob mehrfach hervor, das Innenministerium müsse auf dieses selbst geschaffene Problem eine Antwort finden.

Die Staatssekretärin zeigte sich in diesem Punkt gesprächsbereit, hob jedoch mit Blick auf die provisorische Flüchtlingsunterkunft hervor, dass es keinerlei Anlass gebe, sich Sorgen zu machen. Von den Flüchtlingen gehe keinerlei Gefahr aus, das bestätigten die Erfahrungen an allen anderen Standorten von Flüchtlingsunterkünften. „Die fünf Polizeibeamten sind nicht da, um die Eggebeker zu schützen, sondern die Einrichtung.“ Allerdings könne sie sich auch vorstellen, dass die Beamten „im Ort Präsenz zeigen“, so Söller-Winkler.

Eine Flüchtlingsbetreuerin berichtete aus Tarp, wo sie sich seit fünf Jahren engagiert. „Nie ist einer der Flüchtlinge straffällig geworden, die sind dankbar und hilfsbereit. Wenn es Übergriffe gibt, dann von Deutschen auf die Flüchtlinge.“

Ein flammendes Plädoyer für die Menschlichkeit hielt Gemeinderatsmitglied Helmut Werth. Er forderte vom Land einen vernünftigen Standard für die Unterkünfte und hygienische Bedingungen sowie eine zusätzliche Betreuung für Kinder und Jugendliche im Dorf, damit diese mit der Situation umzugehen lernen. Seine Mitbürger rief er auf: „Geben wir unserer Gemeinde ein humanitäre Gesicht!“  

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