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DRK-Flüchtlingsberater Rüdiger Tietz im Gespräch : „Wir haben eine unglaubliche Chance“

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Der Schleswiger DRK-Flüchtlingsberater Rüdiger Tietz über die große Welle der Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung und die Integration der Asylsuchenden.

von
erstellt am 28.Dez.2015 | 17:34 Uhr

Herr Tietz, „Flüchtlinge“ ist zum Wort des Jahres gekürt worden. Ist es für Sie persönlich auch das Wort des Jahres?

(lacht) Das ist der Inhalt meines Tages. Insofern: ja.

Ist 2015 auch das Jahr der Mitmenschlichkeit?

Das finde ich schon. Ich habe kürzlich in Kiel mit Soziologen gesprochen. Die können sich das Ausmaß der Hilfsbereitschaft auch nicht erklären. 1995 hat es in Eggebek ja schon mal eine Erstaufnahmeeinrichtung mit ein paar hundert Flüchtlingen gegeben. Ich habe damals in Langstedt gewohnt, das ist drei Kilometer Luftlinie entfernt. Kein Mensch hat sich damals um diese Flüchtlinge gekümmert. Was hat sich in den vergangenen 20 Jahren in unseren Seelen und Köpfen getan, dass wir heute ein so anderes Deutschland erleben?

Was treibt Sie als Pensionär an, sich so stark zu engagieren?

Alle Helfer berichten, dass sie unheimlich viel Positives zurückkriegen. Und das ist auch für mich die Motivation. Mein Schlüsselerlebnis war, als ich im vergangenen Jahr gebeten wurde, den auf der Schleswiger Freiheit untergebrachten Syrern Deutsch-Unterricht zu geben. Ich hatte Angst davor – 22 fremde junge Männer! Aber die kamen mir so freundlich und offenherzig entgegen, das prägt.

Die Flüchtlingskrise wäre ohne die vielen Ehrenamtler nicht zu bewältigen. Wälzt die Politik das Problem auf das Ehrenamt ab?

Das sagen viele. Aber da habe ich ein anderes Staatsverständnis. Ich halte es mit Kennedy, der sagte: „Frage nicht, was dein Land für dich tun kann, sondern was du für dein Land tun kannst!“ Mein Staatsverständnis ist so, dass es unsere Bürgeraufgabe ist, den Flüchtlingen zu helfen.

Manch einen Helfer überfordert die Arbeit. Es gibt mittlerweile viele Fälle von Burnout. Muten sich die Leute zu viel zu?

Ich denke schon. Man muss auch rechtzeitig „nein“ sagen können, wenn es zu viel wird. Ganz wichtig ist ein Austausch in den einzelnen Helfergruppen. Wir sind dabei, im DRK-Landesverband eine Zertifizierung für Lotsen zu entwickeln. Diese ausgebildeten Lotsen können dann ihr Wissen weitergeben.

Sie selbst werden bei Ihrer Arbeit auch mit vielen persönlichen Schicksalen konfrontiert. Wie dicht lassen Sie sowas an sich heran?

Einiges geht einem schon näher. Aber die Flüchtlinge selbst stellen ihr Schicksal meistens gar nicht in den Vordergrund. Sie wollen ihre Erlebnisse verdrängen, wollen hier erstmal nur ankommen. Das ist ganz natürlich, sagen Psychologen – denken Sie an die Kriegsgeneration.

Haben Sie sich vor einem Jahr das Ausmaß dieser Flüchtlingswelle vorstellen können?

Nein. Stellen Sie sich vor, Sie gehen am Strand spazieren, und es ist leichter Wellenschlag. Da können Sie mit einem Schritt ausweichen. Aber wenn eine riesige Welle kommt, dann kriegen Sie nasse Füße. Und das ist die Situation. Aber: Wir ertrinken nicht!

Also können wir den Ansturm bewältigen?

1945 gab es in Schleswig-Holstein 1,6 Millionen Einwohner – und 1,5 Millionen Flüchtlinge. Jetzt haben wir 2,8 Millionen Einwohner – da sind wir mit 33  000 Flüchtlingen in diesem Jahr doch nicht überfordert!

Auch die Verwaltung nicht?

Wir sind in Deutschland ja alle geübt im Behörden-Bashing. Auch ich bin davon nicht frei. Aber ich muss sagen, die Leute, die ich bisher kennen gelernt habe, die arbeiten wirklich bis „Wasser Oberkante Unterlippe“. Also was zum Beispiel Olli Frieß in der Schleswiger Stadtverwaltung leistet – das ist wirklich grandios. Auch in anderen Ämtern finden Sie viele hilfsbereite und engagierte Mitarbeiter.

Wie kann die Integration der Flüchtlinge gelingen? Das Erlernen der deutschen Sprache allein wird kaum ausreichen.

Die deutsche Sprache ist natürlich der Schlüssel in unsere Kultur. Es sind bei uns in der Region viele Lehrer aktiv, die in kleinen Gruppen mit den Flüchtlingen Deutsch lernen – und die Erfolge sind wirklich beeindruckend. Aber natürlich müssen die Flüchtlinge in unsere Gesellschaft hineinwachsen – und sie müssen die Regeln und Gesetze des Landes respektieren, in dem sie aufgenommen wurden, sagt die Genfer Flüchtlingskonvention. Ich nenne Ihnen ein Beispiel: Ein Syrer, mit dem ich mich sehr gut verstehe, hat seine Frau und sein Kind nachgeholt. Als ich die Familie irgendwann auf der Straße sehe, gehe ich auf sie zu, nehme ihn in den Arm und will seiner Frau die Hand geben. Tellergroße Augen! Sie guckt ihren Mann an, und der nickt dann zustimmend, ich durfte ihr die Hand schütteln. In ihrem Heimatland ist es nicht Sitte, einem fremden Mann die Hand zu geben. Inzwischen ist das bei der Familie kein Problem mehr. Wir müssen den Menschen ein bisschen Zeit geben, in unsere Kultur hineinzuwachsen.

Also ist speziell die Rolle der Frau ein großes Problem bei der Integration?

Das ist mit Sicherheit ein großes Problem. Es ist Aufgabe der Helfer, den Flüchtlingen diese Schritte nach und nach beizubringen. Grundsätzlich identifiziere ich bei der Integration drei wesentliche Bereiche.

Welche sind das?

Der erste Bereich sind die Erstaufnahmeeinrichtungen, in denen die Flüchtlinge registriert werden. Es soll 140 verschiedene Status-Formen geben. Das heißt, in diese Einrichtungen können Sie nicht jemanden aus der Straßenverkehrsbehörde schicken. Die Beamten müssen in diesen Problematiken erstmal geschult werden, und das dauert natürlich. Die Flüchtlinge leiden darunter, dass es nicht schneller geht.

Aber registriert werden müssen die Flüchtlinge schon ...

Natürlich ist es nötig. Und nach den Terroranschlägen von Paris haben wir auch ein berechtigtes Interesse, die Flüchtlinge genauer zu kontrollieren. Vor allem ist es erforderlich, dass sie ärztlich untersucht werden. Ich habe ein paar Tage in der Erstaufnahmeeinrichtung in Seeth mitgearbeitet. Dort hatten wir einen Fall von TBC. Der musste natürlich sofort isoliert werden, und auch die Kontaktpersonen mussten identifiziert werden.

Was ist der zweite Bereich?

Der zweite Bereich sind die Unterbringung und Betreuung durch Lotsen vor Ort. Dieser Bereich funktioniert am besten. Wie viele Helfer sich da zur Verfügung stellen! Es ist in der Bevölkerung auch eine riesige Bereitschaft da, Wohnungen zur Verfügung zu stellen. Herr Frieß erzählte mir, dass die Leute zu ihm kommen und Wohnungen von sich aus anbieten. Es muss einen ungeheuren Leerstand in der Stadt gegeben haben. Und er ist hoffnungsvoll, dass er das auch im nächsten Jahr noch bewerkstelligt bekommt. Denn die Zahlen werden in 2016 in etwa die gleichen sein. Auch der Deutschunterricht läuft gut. Immer wichtiger werden die Freizeitangebote, die wir im Schleswiger Kirchenbezirk St.Michaelis-Süd machen – da beginnt Integration.

Bleibt der dritte Bereich bei der Integration.

Das ist der wichtigste Punkt – die Integration der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt. Das kann eine Win-win-Situation werden. Deutschland ist das Land mit der niedrigsten Geburtenrate in Europa und nach Japan die zweitälteste Nation der Erde. Das heißt: Entweder müssen alle bis 70 arbeiten oder die Renten müssen radikal gekürzt werden oder die zukünftige Generation muss wer weiß wie viel für die Rente einzahlen. Keine dieser drei Sachen will irgend jemand. Von daher ist es unabdingbar, dass wir Menschen brauchen, die unser demografisches Tal auffüllen. Wir haben jetzt schon 600  000 offene Stellen in Deutschland. In 15 Jahren sind 40 Prozent der Bundesbürger über 65. Wer soll dann die Arbeit machen? Wir brauchen diese Menschen!

Wie kann eine schnelle Integration in den Arbeitsmarkt praktisch gelingen?

Ich denke, die Hürden müssen gesenkt werden. Schließlich wollen die Menschen ja arbeiten. Es gibt zum Beispiel die Idee einer Qualifizierungsgesellschaft. In der Politik gibt es dafür schon den Begriff „Profiling“. Das heißt, dass die Flüchtlinge zeigen, was sie können – und dann bekommt zum Beispiel ein syrischer Schneider seinen Schein, obwohl er hier keine Berufsschule besucht hat.

Es kommen aber viele ungelernte Flüchtlinge, die quasi bei Null anfangen.

In unseren Sprachkursen gibt es nur wenige, die völlige Analphabeten sind. Aber für diese Menschen haben wir Spezialisten, die tolles Unterrichtsmaterial haben.

Sie sind viel im Kreisgebiet unterwegs und nehmen auch kritische Stimmen wahr. Verändert sich die Stimmung allmählich?

Es ist in der Tat so, dass seit dem Sommer die Irritationen zunehmen, ganz einfach, weil so viele Flüchtlinge kommen. Ich kann schon verstehen, dass die Bilder von langen Flüchtlingstrecks auf dem Balkan Ängste auslösen. Aber richtig offene Ablehnung oder sogar Hass, wie man es im Fernsehen bei Pegida-Veranstaltungen sieht, das habe ich noch nicht erlebt. Darüber bin ich sehr froh. Und es ist ja auch so, dass die Angst etwa vor steigender Kriminalität unbegründet ist. Sowohl das Bundes- als auch das Landeskriminalamt haben dazu Zahlen veröffentlicht: Danach ist die Kriminalitätsrate bei den Flüchtlingen niedriger als in unserer Bevölkerung. Wir müssen die Probleme rational angehen und lösen. Angst ist jedenfalls kein guter Ratgeber.

Aber Ängste sind nun einmal vorhanden, zum Beispiel bei den Schwächeren in unserer Gesellschaft.

Ja, das ist ein Problem. Diese Menschen, die aus welchen Gründen auch immer in prekären Verhältnissen leben, haben Angst, dass durch die vielen Flüchtlinge die Mieten steigen. Sie haben Angst, dass ihnen auf dem einfachen Arbeitsmarkt Konkurrenz erwächst. Und sie haben Angst, dass sie etwa bei der Tafel wegen der Flüchtlinge weniger Lebensmittel bekommen.

Wie können Sie diesen Menschen die Ängste nehmen?

Sie kriegen ja bei der Tafel nicht weniger, es ist genug da. Meine Frau arbeitet bei der Tafel. Und wenn die Mieten steigen, steigt auch das Wohngeld. Es muss aber ein deutlicheres Signal an diese bedürftigen Menschen ausgesendet werden nach dem Motto: Ihr seid uns auch wichtig. Sonst treiben wir sie in Richtung Pegida.

Wird eigentlich die Erstaufnahmeeinrichtung in Eggebek Auswirkungen auf Ihre Arbeit haben?

Ja. Es gibt dort zwar eine hauptamtliche Mannschaft. Wichtig ist aber, dass sie durch das Ehrenamt unterstützt wird. Was ein bisschen frustrierend für die Helfer sein wird, ist die Tatsache, dass die Menschen dort nur zwischen zwei und vier Wochen bleiben werden. Es wird ein ständiger Wechsel stattfinden. Man rechnet damit, dass pro Jahr 10  000 Menschen durchwandern werden. Das heißt: Zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen ist da gar nicht angesagt.

Was wird aktuell besonders gebraucht, um die Asylbewerber zu versorgen?

Was immer gebraucht wird, ist Kleidung. Jetzt im Winter vor allem warme Kinderkleidung. Und besonders gebraucht werden kleine Erwachsenen-Größen. Die Kleiderkammern sind froh, wenn gespendet wird. Die Awo braucht zudem dringend Möbel, denn sie stattet die Flüchtlingswohnungen entsprechend aus. Auch Fahrräder sind ganz wichtig.

Kanzlerin Merkel sagt: „Wir schaffen das.“ Ist das auch Ihre Einschätzung?

Ja. Wenn es uns gelingt, den Zustrom an Flüchtlingen in einem vernünftigen Maß einzuschränken, dann wird das eine Erfolgsgeschichte werden. Wir dürfen uns nur nicht so blöd anstellen wie in den 60er Jahren mit den Gastarbeitern, die wir eigentlich gar nicht haben wollten und die wir in Parallelgesellschaften weggedrückt haben. Wenn wir das diesmal besser hinkriegen, dann haben wir eine unglaubliche Chance – zumal jetzt so viele junge Menschen zu uns kommen. Aber die Mühen der Ebene, die liegen noch vor uns.

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