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Kulturkonferenz in Schleswig : „Wir fragen uns, was ein Töb ist“

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Auf der Kulturkonferenz im Stadtmuseum redeten Kommunalbeamte und Künstler ausführlich aneinander vorbei.

von
erstellt am 24.Jun.2015 | 07:36 Uhr

Zwei Welten prallten aufeinander am Dienstagabend in der Ausstellungshalle des Stadtmuseums. Die Welt der Kommunalverwaltung und die Welt der Kunst. Die Verwaltung hatte eingeladen zur ersten städtischen Kulturkonferenz, und nachdem Julia Pfannkuch, die im Rathaus den Fachbereichs 2 (Bürgerservice) leitet, den rund 60 geladenen Gästen erklärt hatte, was der Zweck dieser Konferenz ist, fasst sich die Malerin Heide Klencke ein Herz, stand auf und sagte: „Wir fragen uns, was ein Töb ist.“

Die Kulturkonferenz, das hatte die Fachbereichsleiterin zuvor dargelegt, könne nämlich als Töb für die Kultur kommen. Pfannkuch ist im Rathaus für so ziemlich alles zuständig: für Schulen und Kindergärten, für den Sport, für die Bußgeldstelle, den Wochenmarkt, das Standesamt – und eben auch für die Kultur. Und bei ihrer Arbeit ist ihr aufgefallen, dass es im kulturellen Bereich schwieriger als in anderen Bereichen ist, einen Töb zu finden.

Töb ist die Abkürzung für „Träger öffentlicher Belange“. Paragraph 4 des Baugesetzbuches schreibt vor, dass Töbs einzubeziehen sind, wenn zum Beispiel ein Bebauungsplan aufgestellt wird. Das Töb-Thema spielte im Verlauf der dreistündigen Konferenz keine Rolle mehr. Julia Pfannkuch sprach es zwar noch einmal an, aber niemand ging darauf ein. Welche Probleme den Kulturschaffenden stattdessen auf den Nägeln brennen, wurde auch nur ansatzweise erkennbar. Domkantor Rainer Selle klagte, dass der Dom in der Öffentlichkeit zu wenig wahrgenommen würde. Auch andere fühlten sich zu wenig beachtet, sagten das aber nur hinter vorgehaltener Hand. Wulf Schady, der ehemalige Vorsitzende des Musikclubs, regte an, die Stadt könne mit der Gema einen Sammelvertrag für Veranstaltungen in Schleswig aushandeln, was den Vereinen Geld sparen würde.

Der Einzige, der mit einem greifbaren Ergebnis nach Hause ging, war der Saxofonist Jonny Möller. Er war begeistert von der Ausstellungshalle mit ihren dunklen Holzbalken und fragte, ob er hier nicht einmal ein Konzert veranstalten könne. Räume dieser Größenordnung seien in Schleswig nämlich rar, insbesondere wenn man für die Miete nur ein begrenztes Budget habe. Museumsdirektor Holger Rüdel zeigte sich sofort gesprächsbereit.

Rüdel ist auch Leiter des Fachdienstes Kultur und Tourismus, einer Unterabteilung von Pfannkuchs Fachbereich 2, und in dieser Eigenschaft hatte er zuvor praktische Tipps zur Vermeidung von Terminüberschneidungen gegeben. Wer eine Veranstaltung plane, riet er, solle zuvor die Terminkalender auf den Internetseiten der Stadt Schleswig, der Ostseefjord Schlei GmbH, von Schloss Gottorf und anderen wichtigen Einrichtungen anschauen. Es lag wohl auch daran, dass Rüdel dabei namentlich das Landesarchiv und die Gesellschaft Justiz und Kultur nannte, nicht aber Großveranstalter wie die Heimat auf der Freiheit, dass sich Wulf Schady noch einmal zu Wort meldete. Er beklagte, in der Stadt würden publikumswirksame Veranstaltungen zu wenig gewürdigt, obwohl doch gerade diese auch auswärtige Besucher anzögen und damit Werbung für Schleswig machten.

Vorsichtig formulierte kritische Worte gab es auch von Dorothea Kolland, die bis zu ihrer Pensionierung vor drei Jahren das Kulturamt im Berliner Bezirk Neukölln leitete und seither als Expertin für kommunale Kulturpolitik durch die Republik reist. Sie warb für die Idee, eine dauerhafte Kulturkonferenz einzurichten. Andere Städte jeder Größenordnung hätten damit gute Erfahrungen gemacht. Beim Blick ins Publikum fragte sie jedoch: „Gibt es in Schleswig wirklich keine jüngeren Menschen als die hier Anwesenden?“ Die Antwort kam von Anke Carstens-Richter: „Wir sind leider keine Universitätsstadt. Die jungen Leute verlassen Schleswig nach dem Abitur. Wenn sie wiederkommen, sind sie mit Familie und Beruf ausgelastet, und erst nach der Pensionierung können sie sich endlich mit Kultur beschäftigen.“ Die 73-jährige frühere Bürgervorsteherin war von der Stadtverwaltung als Moderatorin für diesen Abend engagiert worden. Mit dieser Aufgabe begann sie, als Julia Pfannkuch ihr das Wort erteilte. Da war die Konferenz schon mehr als eine Stunde im Gange. Pfannkuch hatte zuvor außer von der bislang oft vergeblichen Suche nach einem kulturellen Töb auch von den Erfolgen der städtischen Kulturarbeit berichtet. Da ging es vor allem um Jugend-Förderprojekte mit Namen wie „Kultur macht stark“ oder „Kultur Stundenplan Klasse Aktion“.

Aufmerksam wurden viele der Gäste wieder, als Holger Rüdel das mehrstufige Verfahren erläuterte, in dem Vereine bei der Stadt Zuschüsse für Veranstaltungen beantragen können. Dafür hat die Ratsversammlung in diesem Jahr 13  000 Euro zur Verfügung gestellt. Die Summe reicht nicht annähernd aus. Der Topf sei „dreifach überzeichnet“, sagte Rüdel und merkte an, dass er schon 1990 kritisiert habe, dass die Stadt lediglich 0,5 Prozent ihres Kulturetats für freie Kulturförderung ausgebe. Heute, 25 Jahre später, liege die Quote bei 0,47 Prozent. Mehr als 60 Prozent flössen hingegen in das Theater.

Eine Gruppe von Freiwilligen aus der Kulturkonferenz soll nun die Stadtverwaltung dabei begleiten, ein „Strukturmodell“ zu entwickeln. Das ändert zwar nichts an der 0,47-Prozent-Quote für die freie Kultur, könnte der Stadtverwaltung aber endlich ihren ersehnten Töb bescheren.

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