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Flüchtlinge aus Syrien : Willkommen in Schleswig

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Die Stadt Schleswig erwartet bis Ende des Jahres 170 Flüchtlinge. Das Ordnungsamt und ehrenamtliche Lotsen setzen auf individuelle Betreuung.

  So richtig ins Detail kann und will Omar nicht gehen. Aber auch nur die wenigen Sätze, die er über seine Flucht aus Syrien erzählt, reichen aus, um einen Eindruck davon zu bekommen, was er mit seinen gerade erst 21 Jahren bereits erlebt hat: Über Ägypten ging es für ihn und unzählige andere Flüchtlinge mit einem kleinen Boot übers Mittelmeer nach Italien. Acht Tage und Nächte lang. „Es war schrecklich. Am Ende haben wir Gott gedankt, dass wir heile angekommen sind.“

Heute lebt Omar in Schleswig . Er ist einer von 44 Asylbewerbern, die zurzeit in der Stadt wohnen. Inzwischen ist auch sein Bruder Essam (27) bei ihm. Und es werden immer mehr Menschen, die hier ein sicheres Zuhause und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft finden. Zum Vergleich: Waren es 2012 nur zwölf Flüchtlinge, die in Schleswig aufgenommen wurden, erwartet die Stadt, dass es bis zum Ende des laufenden Jahres etwa 170 sein werden. „Das ist mit einer Menge Aufwand verbunden, denn es muss sehr viel organisiert und bedacht werden“, sagt Oliver Frieß. Der Mitarbeiter des Ordnungsamtes ist bislang noch auf sich alleine gestellt, wenn es um die Unterbringung von Flüchtlingen und die Ausstattungen ihrer Wohnungen geht. „Aber sämtliche Behörden im Land rüsten zurzeit personell auf. Wenn die Entwicklung bei den Flüchtlingszahlen so weiter geht, werden auch wir uns neu positionieren müssen“, sagt Julia Pfannkuch, Leiterin des Fachbereichs II (Bürgerservice) im Rathaus.

Unabhängig davon setzt man bei der Stadt (in Kooperation mit der Kirchengemeinde Haddeby) auch auf sogenannte Lotsen bei der Betreuung der Flüchtlinge. Die ehrenamtlichen Helfer kümmern sich individuell um die Belange der Menschen, gehen mit ihnen zu Behörden, unterstützen sie beim Ausfüllen von Formularen oder bei der Suche nach Jobs oder Praktikumsplätzen. Omar und sein Bruder Essam werden dabei von Joyce Bartens-Hartrich und ihrem Mann Otto Hartrich begleitet. Gemeinsam mit drei weiteren Syrern – Abdulhamid (18), Houssein (25) und Alyoussef (27) – haben sie in den beiden aber nicht nur wertvolle Helfer gefunden, sondern auch eine Ersatz-Familie, wie sie betonen. Dabei geht es auch darum Trost zu spenden – etwa als Alyoussef kürzlich Fotos von erschossenen Verwandten auf sein Handy zugeschickt bekam. „Wir sind den beiden sehr dankbar für das, was sie alles für uns tun“, sagt Omar.

Dankbarkeit wiederum verspürt das Lotsen-Paar für die „verantwortungsvolle Aufgabe“, die es vor gut einem Jahr übernommen hat, auch. „Man bekommt von den Jungs unheimlich viel zurück. Wir hoffen, wir können sie noch ein gutes Stück in ihrem Leben begleiten“, sagt Otto Hartrich. Mindestens einmal im Monat kommen die fünf jungen Syrer zu ihren „Lotsen-Eltern“ zum Essen und „Uno“-Spielen in den Friedrichsberg. Viel öfter sehen sie sich aber, wenn es darum geht, Dinge zu organisieren, die ihr Leben in der Fremde leichter machen.

„Für mich ist es unvorstellbar, wie die Flüchtlinge früher ohne Lotsen klargekommen sind“, sagt Oliver Frieß und betont dabei die sogenannte „Willkommenskultur“, die sich die Stadt Schleswig im vergangenen Herbst auch offiziell auf die Fahnen geschrieben hat. Denn eigentlich ist die Behörde nur dafür zuständig, die Menschen, die aus dem Erstaufnahmelager in Neumünster entlassen werden, unterzubringen. Alles, was darüber hinaus geht, ist eine freiwillige Leistung. Früher, so erzählt Frieß, habe man den Asylbewerbern nach Ankunft in den Ausländerbehörden einen Schlüssel samt Stadtplan mit der Adresse, wo sie künftig wohnen, in die Hand gedrückt – „und das war es dann“. Heute stehen Frieß, mindestens ein Lotse und ein Dolmetscher parat, sobald ein neuer Flüchtling im Schleswiger Kreishaus ankommt und auf seine Unterbringung wartet. „Das nimmt viel Zeit in Anspruch. Aber die Menschen kommen mit großen Befürchtungen hierher. Wenn wir ihnen diese nehmen können, ist es eine wunderbare Aufgabe, die wir da übernehmen“, sagt Frieß und Julia Pfannkuch fügt an: „Wir wollen es für jeden einzelnen möglichst menschlich machen.“

Das scheint auch im Interesse der meisten Schleswiger zu sein. So berichtet Frieß von täglichen Anrufen von Bürgern, die den Flüchtlingen helfen wollen. Ablehnung oder gar Hass habe er bislang hingegen nicht erlebt. Auch Omar und seine Freunde fühlen sich in Schleswig willkommen. „Aber wir wollen auch arbeiten. Wir haben alle studiert“, betont der junge Mann, der hofft, dass bald auch seine Eltern aus Syrien nach Schleswig kommen können. 

> Wer Interesse an einer Lotsen-Tätigkeit hat, kann sich melden unter Tel. 814  321 (Oliver Frieß)

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erstellt am 30.Apr.2015 | 07:15 Uhr

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