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Seniorchef in der Bollingstedter Spedition : Willi Wohlert (90): „Ick kann doch nich eenfach ophörn“

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Willi Wohlert wird am Mittwoch 90 Jahre alt. Der Seniorchef der Bollingstedter Spedition schaut noch immer jeden Tag nach dem Rechten im Familienunternehmen.

Bei der Spedition Wohlert in Bollingstedt wird heute mit der Familie, Freunden und Geschäftskunden Geburtstag gefeiert: Seniorchef Willi Wohlert wird 90. Geboren wurde der Jubilar auf dem elterlichen landwirtschaftlichen Betrieb in Bollingstedt, Süderende. Hier wuchs er mit drei weiteren Geschwistern auf und besuchte die Volksschule. „Wie weern över 60 Kinner in een Klass“, erinnert sich der rüstige Senior. 1939 wurde er aus der Schule entlassen und begann eine landwirtschaftliche Ausbildung auf dem elterlichen Betrieb. „1941 wurr mien öldeste Broder Ernst intrucken und sien Arbeit musse ick mitmoken“, erinnert sich der 90-Jährige. Mit 17 wurde er selbst zur Wehrmacht eingezogen und erhielt seine militärische Ausbildung in Dänemark. Im Oktober 1944 gelangte der Bollingsteder an die Ostfront nach Tschechien. „Am 8. Mai 45 kreeg ick as Kradmelder een Fohrbefehl no Bayern und keem bi de Amerikoner in Gefangenschaft“, berichtet er. Jedoch nur einen Tag später wurde seine Truppeneinheit den Sowjets ausgeliefert. In Pirna wurde sie interniert und es sollte nach Sibirien gehen. „Dat harr ick nich överleevt, ick woog nur noch 102 Pund“, erzählt er weiter. Durch Wagemut, Glück und Hilfe anderer konnte er sich in der Nähe von Dresden „dorvun moken“. Am 7. September 1945 war er wieder auf dem elterlichen Hof in Bollingstedt. „Allns weer vull Flüchtlinge und ick musse mi een Bed deelen“, weiß er. 1948 kam auch Bruder Ernst aus amerikanischer Gefangenschaft zurück.

Wieder waren es Wagemut, Glück und Zufall, die Willi Wohlerts Leben bestimmten: „Vun de ehemolige Wehrmacht weer een 20 PS Normag-Trecker to övers.“ Mit diesem Trecker und einem Anhänger begann 1948 die Speditionskarriere. Kies, Sand und Baumaterialien aus Idstedt wurden zum Wiederaufbau gebraucht. Alles wurde mit der Hand auf- und wieder abgeladen. „No 15 Stünn Arbeit kunn ick jümmer furts inschloopen“, sagt er heute und schmunzelt. 1950 gab es den ersten Borgward-Lkw mit drei Tonnen Zuladung. Dieser wurde mit einem Anhänger eingesetzt, um Steine und Schotter von Sieverstedt zum Küstenschutz nach Nordstrand zu transportieren. „Pro Tour kreeg ick 50 Mark“ – und diese wurden wieder investiert, zum Beispiel 1952 in einen modernen Mercedes-Lkw.

Am 30. Mai 1953 heiratete Willi Wohlert seine drei Jahre jüngere Ehefrau Christa. Ihre Eltern hatten den Gasthof in Bollingstedt. Hier zog man auch ein und es wurden die Kinder Hans-Joachim (heute 62), Margret (60) und Karin (57) geboren.

Zu Beginn der 50er Jahre wurde mehr und mehr Vieh nach Hamburg transportiert: „För een Tour bruuke ick veereenhalf Stünnen – und musse jümmer lang in Rendsburg an de Dreihbrüch töven.“ Wenn das Vieh an den Schlachthöfen abgeliefert worden war, gab es das Bargeld mit und man nahm auf der Rück-Tour Schrot, Getreide und Zement mit in den Norden. „De Palmkooken-Schrotsäcke weern 200 Pund schwor und de wurn op de Nack utloodt“, so der Jubilar. Der Strukturwandel in der Landwirtschaft in den 60er Jahren führte zum Bau von großen Versandschlachtereien. Willi Wohlert spezialisierte sich vermehrt auf den Viehhandel und es wurden die beiden ersten Kühllastwagen angeschafft. Diese fuhren fast ausschließlich für eine Schlachterei in Fahrdorf. „Op de Rüchtour nehmen de Köhllaster Stückgut mit und dat wor nachts op de annern Lastwogen per Hand umloodt“, merkt er an. Der Arbeitstag dauerte für das Geburtstagskind von morgens 5 Uhr bis spät in die Nacht hinein.

Weil für die sich ständig vergrößernde Lkw-Flotte mehr Platz benötigt wurde, siedelte die Firma 1977 in das Gewerbegebiet in den Ortsteil Gammellund über. „Ick bin dörch und dörch Bollingstedter und much uck, dat de Gemeende god dorvun hett“, sagt Wohlert. Nebenan wurde 2011 das moderne Kühllogistikzentrum errichtet. Heute hat das Unternehmen 140 Lkw und beschäftigt 258 Mitarbeiter. „Dat sünd all Lüüd, de in de Neegde wohnen doht“, so Wohlert.

Besonders stolz ist der Jubilar darauf, dass Sohn Hans-Joachim, Enkelin Julia (28) und Enkel Peer (24) den Betrieb weiterführen. „Ohne mien Familie weer dat allns nich loopen“, sagt der 90-Jährige. Sohn Hans-Joachim kommentiert: „Vater kommt jeden Tag noch vorbei und guckt, ob hier kein Blödsinn gemacht wird.“

Das frühe Aufstehen ist für den Senior-Chef täglich angesagt. Er handelt noch mit Vieh und kauft es für eine Schlachterei in Erfde auf. „Ick kann doch nich eenfach ophörn, ick handel doch mit eenige Familien schon in de dritte Generation“, sagt er.

Für Ausgleich in seinem arbeitsreichen Leben sorgt die Jagd. Auch Jagdreisen ins Ausland und andere Bundesländer gehören dazu. „So richtig uutspannen kann ick, wenn ick mit Enkel Jan op Jagd bin“, freut er sich.

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erstellt am 30.Dez.2015 | 12:56 Uhr

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