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Segel-Legende aus Goltoft : Wilfried Erdmann sticht wieder in See

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Heute feiert Wilfried Erdmann seinen 75. Geburtstag – und er plant bereits seinen nächsten Törn. Wohin es geht, verrät er noch nicht.

Er hat ihn nie erhalten, obwohl er ihn eigentlich mehrfach verdient hätte, den Schlimbachpreis, die höchste Auszeichnung für deutsche Hochseesegler. Nachdem Wilfried Erdmann als erster deutscher Einhandsegler in den Jahren 1967 und 1968 die Welt umrundet hatte, glaubten ihm die Herren des Kieler Yacht-Clubs seine Geschichte nicht so recht. Wie konnte ein 27-Jähriger, zudem ohne Befähigungsnachweise des Seglerverbandes, in einem nur 7,62 Meter langen Holzboot den Globus umrunden? – Unmöglich.

Als Erdmann, der heute 75 Jahre alt wird, in den 1980er Jahren dann nonstop um die Welt segelte, erwartete die Fachwelt die Verleihung des renommierten Preises, doch er wollte nicht alle persönlichen Logbucheintragungen herausrücken, die Auszeichnung wurde anderweitig vergeben. Angetragen wurde ihm schließlich der Preis für seine Nonstop-Erdumseglung gegen die vorherrschenden Winde, doch da lehnte der in Goltorf an der Schlei lebende Segler ab. Jetzt ist es ohnehin zu spät, seit 2004 wird der Schlimbachpreis nämlich nicht mehr verliehen. Traurig darüber ist Wilfried Erdmann eigentlich nicht, obwohl es ihn scheinbar doch ein wenig wurmt, obwohl er dreimal den Trans-Ocean-Preis erhalten hat.

„Das Segeln“, sagt er, „hat in Deutschland nicht den Stellenwert wie in vielen anderen Ländern.“ Deutlich wird dies im Vergleich mit dem britischen Weltumsegler Francis Chichester. Der Brite wurde 1967 mit seinem 16-Meter-Boot nach 226 Tagen, in denen er den Globus umrundet hatte, von rund 400  000 Zuschauern begeistert empfangen. Es gab den Adelstitel, den Ritterschlag, eine Staatspension sowie den Orden des Britischen Empires. Der Goltofter wurde 1968 nach 420 Tagen mit seinem 7,62 Meter langen Boot von 90 Zuschauern begrüßt. Ein Buch der Gemeinde Helgoland, ein Sessel, eine Uhr, eine 1000-Mark-Spende und eine Zehn-Kilo-Mettwurst der Stadt Schwarzenbek waren sein Lohn.

Doch nicht für Preise und Anerkennung ist die deutsche Segel-Legende immer wieder aufgebrochen. Nach einer Tischlerlehre in Mecklenburg kam er nach Westdeutschland und erfüllte sich einen lang gehegten Traum. Mit einem Fahrrad fuhr er über Frankreich, Nordafrika und den vorderen Orient nach Indien, dort wurde er auch zu seinem ersten Segeltörn eingeladen. „Vorwärtskommen ohne viel tun zu müssen, ideal, das fand ich klasse“, sagt er rückblickend, denn die Fahrradtour hatte sehr geschlaucht.

Nach seiner Rückkehr stand für ihn fest, „ich muss ein Segelboot haben“. Das Geld verdiente er sich als Matrose der Handelsschifffahrt. „Bei den Norwegern wurde man eigentlich immer gut behandelt, nur ich bin gegen Fisch allergisch. Und an Bord gab es bei den Skandinaviern mindestens einmal täglich Fisch. Morgens schon fetten Sild, das war hart.“

Nicht immer war er allein auf See, schon 1969 brach er mit seiner Frau Astrid zur Hochzeitsreise mit der Yacht „Kathena 2“ zu einer Weltumseglung auf. Nach 1101 Tagen endete der Törn in Cuxhaven, der Sohn Kym wurde geboren.

„Ich war manchmal unbedarft, ja naiv“, gesteht der agile Erdmann ein. Heute würde er manches viel besser organisieren und vorsichtiger angehen. „Aber damals, man war jung und das ganze Leben lag vor einem.“ Die schönsten Reisen waren die in die Südsee, stellt er fest. Doch vor 32 Jahren war es dann soweit, der Seemann wurde landfest, zumindest mit Wasserblick, die Schlei ist vom Haus in Goltorf zu sehen. Doch wer die Ozeane kennt, in die komplizierte Astro-Navigation von der französischen Seglerlegende Bernhard Moitessier persönlich eingewiesen worden ist, der wird unruhig, wenn er an Land lebt und immer das Wasser sieht. Wilfried Erdmann bestellte sich eine 10,6 Meter lange Aluminiumyacht auf der Insel Norderney, die nach seinen Wünschen gebaut und ausgerüstet wurde. Die „Kathena nui“ hielt was sich der Eigner von ihr versprochen hatte. 1984 startete er Einhand nonstop in West-Richtung um die Welt. Nach 271 Tagen war die Reise beendet. Im Jahr 2000 ging es dann, immerhin schon 60-jährig, zu einer Weltumsegelung in die deutlich schwierigere Ost-Richtung, nämlich gegen die vorherrschenden Winde. Das bewerkstelligte er in 343 Tagen als weltweit fünfter Segler.

Nicht nur die Ozeane, auch die Ost- und Nordsee sind Ziele seiner Reisen geworden. So segelte er mit Frau Astrid mehrere Monate mit einem Acht-Meter-Boot rund um die Ostsee, nahm auch nochmals das harte Jollensegln mit beengter Kajüte auf sich. 15 Bücher hat Wilfried Erdmann mittlerweile über seine Segelabenteuer veröffentlicht, einige wurden Bestseller in der Rubrik Wassersport.

„Das Segeln hat sich verändert. Heute gibt es so viele technische Hilfsmittel, es ist kaum mit meinen seglerischen Anfängen zu vergleichen“, sagt Erdmann und bedauert gleichzeitig, dass immer weniger junge Menschen den Schritt auf das Wasser wagen. „Da fehlt dann das Geld.“ Und viele mit Kapital träumen von der großen Reise, doch sie verlassen mit ihren Schiffen nicht das heimische Revier.

Seit einigen Jahren steht „Kathena nui“ mit dem Bug nach Süden aufgebockt neben dem Haus der Erdmanns in Goltorf – doch nicht mehr lange. „Wohl Ende April will ich sie langsam wieder seefertig machen, das Schiff ist eigentlich in einem guten Zustand, nur etwas Farbe fehlt“, sagt der Jubilar. Trotz seiner 75 Jahre sind Tages- oder Wochentripps nichts für ihn. „Segeln bedeutet für mich mindestens einige Wochen oder Monate weg zu sein.“ Daher könnte der Wunsch seiner Frau Astrid in Erfüllung gehen, Irland und Schottland seglerisch zu bereisen. Aber verraten will Wilfried Erdmann seine Pläne noch nicht.

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erstellt am 15.Apr.2015 | 12:55 Uhr

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