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Schleswiger Innenstadt : Wieder schließt ein Traditionsgeschäft

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Im 30. Jahr ihres Bestehens gibt die Buchhandlung „Eule“ auf. Der Schwarze Weg wird für Geschäftsinhaber immer unattraktiver.

„Eigentlich“ – dieses Wort kommt Tanja Richter gleich mehrfach über die Lippen. Denn eigentlich wollte sie doch im November den 30. Geburtstag ihres Ladens feiern. Und eigentlich dachte sie ja auch, dass sie diesen Job bis zur Rente machen würde. Aber daraus wird – so oder so – nichts mehr. Denn ihren Laden, die Buchhandlung „Eule“, musste sie jetzt schließen. „Es ging wirtschaftlich nicht mehr. Ich habe es bis zuletzt versucht, aber irgendwann musste ich die Notbremse ziehen“, sagt sie, und man merkt ihr an – trotz eines Lächelns –, wie schwer es für sie ist, darüber zu reden. Die Tränen sagt sie, seien zwar inzwischen getrocknet, „aber leicht fällt mir das hier ganz bestimmt nicht. Dafür steckt viel zu viel Herzblut von mir in diesem Geschäft“.

Genau diese persönliche Note war es immer, die die „Eule“ ausgezeichnet hat, und der Grund dafür, warum ihr viele Stammkunden bis zuletzt die Treue hielten. „Aber es wurden immer weniger. Manche sind gestorben, andere weggezogen“, sagt Tanja Richter. Der Hauptgrund, warum es mit ihrem Geschäft in den vergangenen Jahren immer weiter bergab ging, liege aber ganz woanders. Klar, die Konkurrenz durch das Internet spiele dabei eine wichtige Rolle. Vielmehr aber noch die Lage des Ladens im Schwarzen Weg. „Wir sind hier abgehängt. Es gibt kaum Laufkundschaft, und die wenigen Parkplätze, die wir haben, wurden ständig blockiert – aber leider nicht von Kunden.“ Angefangen habe der schleichende Niedergang, als der benachbarte Bioladen an die Königstraße umzog und der Marktkauf im Schleicenter dicht machte. Zuletzt machte dort auch noch Strauss zu.

Das Sterben der Nachbarn konnte die „Eule“, die vor zehn Jahren an den Schwarzen Weg zog (zuvor war sie am Kornmarkt und am Gallberg), nicht verkraften. „Hinzu kommt, dass die Ladenstraße ja auch Probleme hat. Auch da gibt es viele Leerstände“, sagt Richter und spricht damit aus, was immer mehr Schleswiger Geschäftsleute denken.

Einer von ihnen ist ihr bisheriger Nachbar, Florian Albertsen von „Capitano Sports“. Natürlich bedauere er das Aus der „Eule“. Am liebsten würde er selbst mit seinem Laden an einen anderen Standort wechseln, ist aber noch an einen Mietvertrag gebunden. In Schleswig ein Geschäft zu betreiben, sei ohnehin schon ein Drahtseilakt, sagt er. Einerseits, weil viele Kunden zwar darüber meckerten, dass die Stadt zu unattraktiv sei, gleichzeitig aber lieber im Internet shoppten. Andererseits fordert er aber auch ein kollektives Umdenken bei den Besitzern der Immobilien. „Die Mieten sind einfach viel zu hoch“, sagt er. Bestes Beispiel: Direkt neben seinem Laden hat kürzlich die Videothek geschlossen. Deren Räume werden zurzeit im Internet angeboten – für eine Kaltmiete von 2490 Euro im Monat. „Wer kann sich das in Schleswig schon leisten und gleichzeitig noch genug verdienen?“ Dass zudem das Sanitätshaus Holger Otto, ebenfalls ein direkter Nachbar, ins neue Ärztehaus auf der Freiheit umziehen wird und sich das Schleicenter weiterhin durch Leerstände auszeichnet, mache die Lage nicht besser. „Die Schleswiger Kaufmannschaft muss sich dringend mal zusammensetzen und ein Konzept erarbeiten. Denn so geht es doch offensichtlich nicht weiter“, meint Albertsen.

Für Tanja Richter ist dieser Punkt bereits erreicht. Seit 29 Jahren hat sie in der „Eule“ gearbeitet, 2004 hat sie sie von ihren Chefs, dem Ehepaar Tank, übernommen. „Das war mein Leben“, sagt sie. Gleiches gilt für ihren Angestellten Niels Ole Klint. Er hat bei Richter gelernt und sieben Jahre für sie gearbeitet. „Das ist auch für mich traurig“, sagt er, zumindest weiß er aber, wie es für ihn weitergeht: Am 1. September fängt er in der Husumer Niederlassung der Buchhandlung Liesegang an.

Davor aber wird gefeiert. „Ja, wir haben uns für eine Abschiedsparty statt für einen Leichenschmaus entschieden“, sagt Tanja Richter, die selbst noch nicht weiß, wie es für sie weitergeht. Im April habe sie die Entscheidung für die Schließung ihrer Buchhandlung getroffen. In der kommenden Woche macht sie ihren Laden nun zum letzten Mal auf. „Die Trauerarbeit ist vorbei“, sagt sie und hofft, dass viele Kunden kommen (Montag bis Sonnabend ab 10 Uhr). Dann wird zu günstigen Preisen alles verkauft, was nicht niet- und nagelfest ist: Von Büchern bis zum Bücherregel. „Bis nichts mehr da ist. Dann ist Ende.“

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erstellt am 29.Jul.2017 | 08:00 Uhr

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