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Schleswig : Wieder ein Schaf gerissen: Warum ein Schäfer seine Herde nicht schützen kann

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Kurt Wiese weiß nicht, ob es ein Hund oder ein Wolf war. Es gibt jedoch einige Anhaltspunkte.

von
erstellt am 03.Mai.2016 | 07:47 Uhr

Schleswig | „Sehen Sie“, sagt Kurt Wiese, „die Schafe sind völlig verängstigt.“ Seine Herde auf der Obstwiese am Haferteich nimmt sofort Reißaus, als sich der Schäfer mit seiner Border-Collie-Dame „Bora“ ihr nähert. „Sonst bleiben sie ganz ruhig, wenn ich mit dem Hund komme.“ Doch vor wenigen Tagen mussten die Schafe miterleben, wie ein Muttertier gefressen wurde – samt Fell und Knochen. Nichts ist mehr übrig.

Seit Monaten gibt es immer wieder Fälle von gerissenen Schafen im Land - und Streit, ob der Wolf nach SH passt. Noch treten Wölfe im Norden nur vereinzelt auf, doch ihre Population wächst.

War es ein Wolf? Das wird Kurt Wiese nicht mehr herausfinden können. Es sind ja keine Spuren mehr übrig, die Fachleute untersuchen könnten. Aus seiner Sicht gibt es aber zumindest Hinweise darauf. Am Sonnabend bekam der Schäfer einen Anruf von Hans-Jürgen Boeck vom Naturschutzbund, der die Wiese betreut, auf dem die Schafe grasen. Er hatte das tote Schaf entdeckt – oder das, was von ihm übrig war: Kopf und Beine. Innereien und Wolle waren nicht mehr da. Sein erst viereinhalb Wochen altes Lamm lebte noch. Zuerst vermuteten Wiese wie auch Boeck, dass wieder einmal ein Hund zugebissen hatte. Das ist in den vergangenen Jahren häufiger vorgekommen. „Viele Hundebesitzer unterschätzen den Jagdtrieb ihrer Tiere“, sagt Boeck. Als Kurt Wiese am Sonntag noch einmal zurückkam, um die Überreste des zerfleischten Schafes einzusammeln – da waren auch diese verschwunden.

„Das ist charakteristisch für Wölfe, dass sie zurückkommen und fressen, was sie beim ersten Mal übrig gelassen haben“, meint Kurt Wiese. Für jeden Schäfer ist es von Vorteil, wenn sich herausstellt, dass es ein Wolf war, der sich an der Herde zu schaffen gemacht hat. War es ein Hund, gibt es nur dann einen Schadensersatz, wenn sich der Halter ermitteln lässt. Bei Wölfen zahlt das Land Schleswig-Holstein Entschädigungen. Dafür reicht es schon aus, dass ein Wolf als Verursacher zumindest nicht ausgeschlossen werden kann. Pro Tier gibt es zwischen 100 und 150 Euro. Im vergangenen Jahr zahlte das Land rund 32.000 Euro. Im Jahr zuvor waren es noch lediglich 2600 Euro. Schwerpunkt war der Kreis Herzogtum Lauenburg. Aber dass der Wolf inzwischen auch in den nördlichen Landesteil vorgedrungen ist, daran besteht kein Zweifel mehr. Vor drei Jahren tappte ein Wolf in eine Kamerafalle bei Hollingstedt. Der jüngste Nachweis kam in diesem März aus St. Peter-Ording.

Kurt Wiese hat bislang noch keine Entschädigung aus dem Landesfonds erhalten. Bisher hat sich stets herausgestellt, dass Hunde seine Schafe angefallen hatten. Auf einer anderen Koppel ganz in der Nähe verlor Wiese erst vor zwei Wochen ein Tier. In den letzten Jahren gab es auch auf einer Koppel am Brautsee immer wieder Probleme mit streunenden oder ihren Besitzern entwischten Hunden. „Seitdem die Jäger vermehrt darauf achten, ist es besser geworden“, sagt der Schäfer. Jedes Jahr verliert er ein oder mehrere Schafe.

Was kann man tun, um Schafsherden besser zu schützen? Kurt Wiese ist ratlos. In den Zeiten von Grimms Märchen war es noch selbstverständlich, dass der Schäfer und sein Hund Tag und Nacht bei seiner Herde wachte. So etwas ist heute nicht mehr vorstellbar. Normale Weidezäune seien weder für Hunde noch für Wölfe ein ernst zu nehmendes Hindernis, sagt Kurt Wiese – und wie zum Beweis springt sein Border Collie in einem großen Satz über den Draht, der die Streuobstwiese am Haferteich umgibt. Höhere Zäune, meint er, wären zu teuer, zu aufwendig. Das junge Lamm des getöteten Mutterschafs ist bisher noch quicklebendig. „Ob es durchkommt, wird man aber erst in den nächsten acht Wochen sehen“, sagt Wiese.

Immerhin wird in Zukunft die Antwort auf die Frage, ob es ein Hund war oder ein Wolf, etwas einfacher: Kurz nach dem Vorfall vom Wochenende hat Hans-Jürgen Boeck eine Wildkamera installiert, die auslöst, wenn ein verdächtiges Tier vorbeihuscht.

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