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Aus dem Schleswiger Amtsgericht : Wie transportiere ich ein Schaf?

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Eine Schäferin wird vom Vorwurf der Tierquälerei freigesprochen. Sie sagt: „Dieser ständige Rechtfertigungsdruck macht mich fertig.“

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erstellt am 10.Okt.2017 | 17:22 Uhr

Vordergründig ging es am Schleswiger Amtsgericht gestern nur um die Frage, ob eine Schäferin einem Lammbock unnötige Schmerzen zugefügt und damit gegen das Tierschutzgesetz verstoßen hatte. Im Laufe der Verhandlung und nach dessen Ende aber wurde ein sehr viel weiter reichender Konflikt deutlich: Schon seit vielen Jahren gibt es Streit zwischen professionellen Tierhaltern und besorgten Tierfreunden. Ein Streit, der auf beiden Seiten immer neue Nahrung findet – durch Bilder von gequälten Tieren, durch Verklärung der landwirtschaftlichen Berufe, durch Unkenntnis und Vorurteile.

Die 45-jährige Schäferin und Tierärztin aus der Nähe von Schleswig hatte am 23. Juni vergangenen Jahres einen Anruf vom Recyclinghof in Schleswig erhalten: Auf dem Gelände hatte sich ein Lammbock verlaufen. Von seiner Herde getrennt, war das Tier in Panik geraten, und gefährdete auf dem viel befahrenen Platz sich selbst und die Kundschaft. Es musste eingefangen werden, was sich als nicht ganz einfach herausstellte.

In der Darstellung der Ereignisse gab es drei unterschiedliche Versionen: Einig waren sich Schäferin und zwei Zeugen, dass die Expertin zunächst versucht habe, den Bock auf dem Rücken aus der Gefahrenzone zu transportieren. Das sei allerdings misslungen, weil das Tier zu schwer war und sich in Panik heftig wehrte.

Die Schäferin erklärte, sie habe den Bock daraufhin abgelegt, zwischen ihre Beine geklemmt und schließlich mithilfe ihres Schäferstabs und ihres Hundes in Richtung des Transporters bugsiert. Als Zeugen waren zwei Eheleute geladen, die auf dem Recyclinghof Grünschnitt entsorgen wollten und später Anzeige erstattet hatten. Der Mann gab zu Protokoll, die Schäferin habe das Tier an einem Lauf über die Schulter geworfen und auf dem Rücken weggeschleppt. Dabei sei ein Lauf über den Beton geschleift worden und der Kopf des Tieres immer wieder auf den harten Untergrund geprallt. Diese Version, die der Richter anschaulich als Weihnachtsmann-Version bezeichnete, wurde im Anschluss an die Aussage als „sehr unwahrscheinlich“ auch vom Staatsanwalt ausgeschlossen – das Tier sei nicht groß genug gewesen, als dass sein Kopf den Boden hätte erreichen können. Die Frau des Mannes erklärte dem Gericht, die Schäferin habe den Bock an einem Hinterlauf über den Beton zum Fahrzeug geschleift – dabei sei der Kopf mehrfach auf den Boden geschlagen. Sie habe sich sehr darüber aufgeregt, habe die Schäferin mehrfach angesprochen, aber keine richtige Antwort erhalten.

Es entspann sich schließlich eine kleine Diskussionsrunde mit einer geladenen Veterinärin über die Frage, wann ein Schaf Schmerzen empfindet, wie es diese äußert – und was in der speziellen Situation angemessen sei. Der Richter, der sich als Jäger zu erkennen gab, teilte sogar eine persönliche Einschätzung mit, ein kleiner Vorgriff auf das Urteil, wie sich später zeigte: „Ich glaube, wenn ich zu solch einer Situation gerufen würde, würde ich das Schaf tatsächlich packen und hinter mir herziehen.“

Die Schäferin hatte die Verhandlung mit zunehmender Fassungslosigkeit verfolgt, wie sie später erläuterte. „Gibt es nicht eine Vorschrift, die mich bei meiner Arbeit vor Anzeigen schützt“, fragte sie die Veterinärin, „etwas Schriftliches, an das ich mich halten kann und verhindert, dass ich der Tierquälerei bezichtigt werde?“ Dass der Staatsanwalt diese Frage als eine Art Teilgeständnis wertete, entrüstete die Frau zusätzlich.

Das Urteil kam schnell: Freispruch. Und das nicht nur, weil der Hergang nicht mehr zweifelsfrei zu rekonstruieren sei, wie der Richter klarmachte.

Nach dem Urteil brach die Schäferin in Tränen aus – eher aus Frust als aus Erleichterung. „Ich weiß nicht, wie ich damit klarkommen soll“, sagte sie anschließend, „ich habe 1000 Schafe, mit denen ich ständig in der Öffentlichkeit stehe – ob auf der Geltinger Birk, auf Sylt oder in anderen Touristengebieten. Da ist doch die nächste Anzeige programmiert, weil den meisten Menschen die Sachkenntnis fehlt und sie einfach nur emotional reagieren.“ So sei sie vor zwei Jahren angezeigt worden, weil sie ein Lamm an den Vorderläufen getragen habe. „So macht man das, aber die Leute wissen es nicht und vermuten Böses.“ Sie habe bei ihrer Arbeit natürlich immer das Wohl der Tiere im Blick, aber die Schafhaltung sei eben kein Streichelzoo – auch wenn dieses Bild immer wieder verbreitet werde.

„Dieser ständige Rechtfertigungsdruck macht mich fertig“, sagt die Frau. „Ich bin zwar wieder freigesprochen worden – aber irgendetwas bleibt doch immer hängen.“

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