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Auschwitz-Kommandant im Zweiten Weltkrieg : Wie Rudolf Höss in SH verhaftet wurde

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der britische Journalist Thomas Harding erzählt in einer Doppelbiografie von einem Versteckspiel, Nazi-Jägern und einem verräterischen Ehering.

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erstellt am 05.Okt.2014 | 11:57 Uhr

Handewitt | Ein ausgeschilderter Radwanderweg führt durch den idyllischen, ländlich-bäuerlich anmutenden Ort Gottrupel. Eine Info-Tafel am Wegesrand berichtet über „Sagenhafte und wahre Geschichten“ in dem Dorf an der Meynau. Nicht erwähnt wird in diesem Dorfporträt eine zwar unglaubliche, aber wahre Geschichte, die sich gut hundert Meter weiter östlich in dieser Straße vor 68 Jahren zugetragen und bald darauf weltweit für Schlagzeilen gesorgt hatte.

Sie handelt von einem fleißigen landwirtschaftlichen Helfer namens Franz Lang, der auf dem Hof von Peter Hansen wertvolle Dienste leistete und von Nachbarn und der Gemeinde, für die er Aufgaben als Protokollant von Ratssitzungen übernahm, hoch geschätzt wurde. Dieser nette, stets hilfsbereite Landarbeiter war in Wahrheit einer der meistgesuchten Kriegsverbrecher des Zweiten Weltkrieges: Rudolf Höss, Kommandant des NS-Vernichtungslagers Auschwitz und damit verantwortlich für millionenfachen Mord.

Unter der Leitung von Rudolf Höss wurde das KZ Auschwitz in Südpolen zum größten Vernichtungslager der Nationalsozialisten, in dem weit über eine Million Menschen ermordet wurden, die meisten davon Juden. Er rühmte sich, in der Tötungsmaschinerie als erster das Gas Zyklon B „erfolgreich“ eingesetzt zu haben: „Nun hatten wir das Gas und auch den Vorgang entdeckt. (...) Mir graute immer vor den Erschießungen, wenn ich an die Massen, an die Frauen und Kinder dachte. (...) Nun war ich doch beruhigt, dass uns allen diese Blutbäder erspart bleiben sollten, dass auch die Opfer bis zum letzten Moment geschont werden konnten.“

Flensburger Maler half beim Untertauchen

Zusammen mit seiner Familie bewohnte er eine Villa auf dem KZ-Gelände. Als der Krieg nach Deutschland kam und sich das Ende des nationalsozialistischen Regimes abzeichnete, bereitete sich Höss vor, sich wie zahlreiche weitere Nazi-Größen über die so genannte „Rattenlinie Nord“ nach Flensburg abzusetzen, dem letzten Sitz der NS-Reichsregierung. Seine Frau und seine fünf Kinder quartierte er in St. Michaelisdonn in Dithmarschen ein, er selbst wechselte in Flensburg seine Identität und beschaffte sich bei der Marine neue Papiere: Bootsmaat Franz Lang.

Beschaulicher Ort mit bewegter Geschichte: Gottrupel (Handewitt).
Beschaulicher Ort mit bewegter Geschichte: Gottrupel (Handewitt). Foto: Philipsen
 

Das Arbeitsamt vermittelte ihn auf den Hansen-Hof in Gottrupel. Dort war eine Hilfskraft hochwillkommen, denn der Hofbesitzer befand sich noch in amerikanischer Kriegsgefangenschaft. Die Arbeit auf dem landwirtschaftlichen Anwesen gefiel Höss alias Lang, wie er später in seiner Autobiografie schrieb; er konnte auf dem Hof weitgehend selbstständig agieren. Die bisher auf sich allein gestellte Bäuerin und die Nachbarn waren beeindruckt von dem Fleiß, dem Organisationstalent und der Hilfsbereitschaft des Landarbeiters, der über den Zeitraum von etwa acht Monaten zu den Mahlzeiten mit am Tisch der Bauersfamilie saß. Wer er in Wirklichkeit war, wusste in dem kleinen Dorf niemand.

Der Maler und spätere Kunsterzieher Gerhard Fritz Hensel aber wusste genau, wer sich hinter dem falschen Namen verbarg. Denn er war der Schwager von Rudolf Höss, der mit Hensels Schwester Hedwig verheiratet war. Hensel hatte den Lagerkommandanten in Auschwitz wiederholt besucht und fungierte nun, nach der Flucht zum Kriegsende nach Schleswig-Holstein, als familiärer Kontaktmann. Hensel war es, der die Verbindung zwischen Höss in Gottrupel und dessen Familie in Dithmarschen aufrecht hielt.

Briten überwachten den Postverkehr

Die britische Besatzungsmacht, die eine Spezialeinheit gegründet hatte, um Nazi-Größen und NS-Kriegsverbrecher aufzuspüren, überwachte zu diesem Zweck auch den Postverkehr. So erfuhren die Ermittler, dass Höss im Flensburger Raum untergetaucht war und die Ehefrau dessen genauen Aufenthaltsort kannte. Auf welche Weise Höss schließlich in seinem Versteck entdeckt und festgenommen wurde, darüber gibt ein soeben in deutscher Sprache erschienenes Buch des britischen Journalisten und Publizisten Thomas Harding Auskunft („Hanns und Rudolf – Der deutsche Jude und die Jagd nach dem Kommandanten von Auschwitz“.

Foto: dtv

Darin erzählt er die Geschichte seines Großonkels Hanns Alexander, der – 1917 in Berlin als Sohn einer angesehenen jüdischen Arztfamilie geboren und nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten nach England geflüchtet – 1945 als britischer Offizier für kurze Zeit nach Deutschland zurückkehrte und Mitglied des Number 1 War Crimes Investigation Teams (= Kriegsverbrechen-Untersuchungsgruppe Nummer 1, kurz WCIT) wurde. Der nette, unauffällige Großonkel Hanns, der in London ein bürgerliches Leben als Bankangestellter führte, ein unerbittlicher Nazi-Jäger? Diese Seite seiner Biografie war den meisten Mitgliedern der Familie Alexander bis zu seinem Tode nicht bekannt. Erst als Hanns Alexander Ende 2006 verstorben war, klang in den Grabreden seine besondere Mission an, die er in den Jahren 1945 und 1946 in Deutschland wahrnahm.

Dieser Fall elektrisierte den Journalisten Harding, der auf der Grundlage von amtlichen Quellen, persönlichen Briefen, alten Tonbandaufnahmen, Interviews mit Überlebenden, Biografien und historischen Abhandlungen den bemerkenswerten Sondereinsatz von Hanns Alexander im Nachkriegsdeutschland rekonstruiert und niedergeschrieben hat. Im Fokus stand Auschwitz-Kommandant Höss. „Ihn wollte Alexander unbedingt finden“, unterstreicht Buchautor Thomas Harding, der in Form einer spannenden Doppelbiografie (Hanns Alexander / Rudolf Höss) schildert, wie es seinem Großonkel tatsächlich gelang, den Mann, der für die Mordmaschinerie in Auschwitz verantwortlich war, zu fassen und vor Gericht zu bringen.

„Mein Mann ist tot“, hatte Hedwig Höss immer wieder behauptet – bis die britischen Fahnder ihr gegenüber damit drohten, ihren ältesten Sohn in ein Arbeitslager nach Sibirien zu schicken. Angesichts dieser von Hanns Alexander aufgebauten Drohkulisse gab sie ihren Widerstand auf und Adresse und Decknamen ihres Mannes preis: Der Kommandant von Auschwitz lebte auf dem Bauernhof von Peter Hansen in Gottrupel bei Flensburg und trug den Aliasnamen Franz Lang. Daraufhin wurden die Männer der Field Security Section 92 mit Sitz in Heide/Holstein über das weitere Vorgehen in Sachen Höss/Lang detailliert ins Bild gesetzt. Sie bildeten ein Eingreifkommando und rasten unter der Leitung von Captain Alexander mit einem kleinen Konvoi aus Lastwagen und Jeeps durch die schmalen Straßen gen Gottrupel.

Folgen wir jetzt der Darstellung von Thomas Harding, die sich im Wesentlichen auf Berichte von Hanns Alexander stützt: Es war stockdunkel und völlig still, als die Kolonne um 23 Uhr des 11. März 1946 auf den Bauernhof in Gottrupel rollte. Alexander stieg aus, mit ihm der Sanitätsoffizier und der Fahrer. Er befahl den anderen, zurückzubleiben. Er ging zur Scheune und klopfte laut an das Tor. Höss wachte von dem Lärm „mit einem Schlag auf“ und öffnete nach kurzem Zögern die Tür.

Der Ehering verriet Höss

Vor ihm standen zwei Männer in britischer Uniform, hinter ihnen mindestens 20 weitere Männer, die Waffen auf ihn gerichtet. „Schau nach, ob er sauber ist“, sagte Alexander zu dem Arzt und hielt Höss den Mund auf, während dieser nach Giftkapseln durchsucht wurde. Der Gesuchte war „sauber“. Doch er bestritt, Höss zu sein und verwies auf einen Personalausweis, ausgestellt auf den Namen Franz Lang mit der Nummer B22595. Doch der Ehering, den er trug, verriet ihn. Dort waren die Namen „Rudolf“ und „Hedwig“ eingraviert. Der nun identifizierte Höss wurde von Alexanders Männern heftig verprügelt. Sie rissen ihm den Schlafanzug vom Leib und schlugen mit Axtstielen auf ihn ein. Nach kurzer Zeit sprach der Arzt Captain Alexander an: „Sage ihnen, sie sollen aufhören, sonst müsst ihr eine Leiche mitnehmen.“

Gegen Mitternacht war der Einsatz des Greiftrupps beendet. Höss, der weiter Handschellen trug, wurde auf einen Lastwagen geladen, und der Konvoi kehrte nach Heide zurück. Schon unterwegs konfrontierte Alexander den Gefangenen mit einer Reihe von Fragen. Schließlich räumte Höss ein, dass er Kommandant von Auschwitz gewesen und „persönlich für den Tod von 10.000 Menschen verantwortlich war“. Am 15. März 1946 lieferte Hanns Alexander den einstigen KZ-Chef im britischen Gefängnis „Camp Tomato“ bei Minden zur weiteren „intensiven Befragung“ ab.

Das Flensburger Nachrichten-Blatt berichtete am 21. März 1946 über die Verhaftung von Rudolf Höss.
Das Flensburger Nachrichten-Blatt berichtete über die Verhaftung von Rudolf Höss. Foto: Philipsen

„Kommandant von Auschwitz legt ein Geständnis ab“ überschrieb das von den britischen Militärbehörden herausgegebene „Flensburger Nachrichten-Blatt“ am 21. März 1946 den Bericht über die Verhaftung von Höss. „Er sieht als Kriegsverbrecher seinem Prozeß entgegen.“ Sein Geständnis stelle eines der „erschütterndsten Dokumente der Weltgeschichte“ dar. Darin gab er zu, die Tötung von zwei Millionen Menschen beaufsichtigt zu haben.

Am 25. Mai 1946 wurde Höss nach Polen ausgeliefert, wo die Staatsanwaltschaft Anklage gegen ihn erhob. Am 2. April 1947 fällte das Oberste Volksgericht in Warschau das Urteil: Tod durch den Strang. Vollstreckt wurde das Urteil 14 Tage später auf dem Lagergelände des KZ Auschwitz.

Hanns Alexander, der Rudolf Höss enttarnt und festgenommen hatte, verfolgte von London aus Prozess und Verurteilung. Er hatte sich schon bald nach seiner erfolgreichen Jagd nach dem berüchtigten Kommandanten vom Militärdienst verabschiedet und war nach England zurückgekehrt. Als er auf dem Heimweg via Brüssel die deutsche Grenze überquerte, schwor er sich, „nie wieder das Land seiner Geburt zu betreten“. Zuvor aber hatte er noch in Deutschland Berichte über seine Einsätze als Nazi-Fahnder niedergeschrieben.

Im Falle Höss dienten sie seinem Großneffen Thomas Harding als wertvolle Basis für das Buch über „Hanns und Rudolf“, zwei Biografien von deutschen Zeitgenossen, wie sie kaum unterschiedlicher sein könnten.

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