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Schleswiger Nachrichten

20. August 2017 | 10:32 Uhr

Schleswig : Wie Raumschiffe am Stadthafen

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Hafenmeister Harald Eschen befördert in diesen Wochen mit seinem Kran die letzten von rund 250 Booten ins Trockene.

Sonnabend, 8.30 Uhr in Schleswig: Die Temperaturen liegen knapp über zehn Grad und die Schlei liegt unter einer grauen Nebeldecke. Während die Stadt gerade erwacht, hat Hafenmeister Harald Eschen bereits alle Hände voll zu tun. Schließlich steht der Winter vor der Tür – Zeit, die letzten Boote aus dem Wasser zu holen.

Doch im Moment ist sein Arbeitsplatz verwaist, nur einige Tauben haben es sich auf dem Kran gemütlich gemacht. Der nächste Termin ist erst in einer halben Stunde. Walter Krüger hat ihn vereinbart – sein zehn Meter langes Boot „Sabrina II“ soll ins Winterlager. Mit ihren 40 Jahren ist sie ein Oldtimer, „so wie ich“, schmunzelt er. Anhänger samt Traktor stehen schon bereit, doch zunächst muss er zusammen mit seinem Helfer Peter Gimm „Sabrina II“ in die Reichweite des Krans ziehen. „Einfach nur führen, der Wind schiebt uns sowieso“, ruft ihm Krüger zu. Neugierige Zuschauer sind nicht nur vier Kinder, die das Boot fasziniert bestaunen – „da ist ein Klo drauf“ – sondern auch einige Enten, die vorbeischwimmen.

Da nähert sich Hafenmeister Harald Eschen in blauer Arbeitsmontur. Als er sieht, wie Walter Krüger das dünne Seil, an dem später der Krangurt um den Rumpf gezogen werden soll, mit einem Besenstiel unter dem Boot durchzieht und herausfischt, meint er nur: „Das ist eine Spezialtechnik – das macht sonst keiner so.“
Danach schmeißt er den Kran an, es ist Zeit, die Tauben zu vertreiben. Fix sind die Gurte am Boot angebracht. Die richtigen Stellen – die sogenannten Kranpunkte – würden die Bootseigner kennen, meint Eschen und ergänzt dann schnell: „Oder sollten es zumindest.“ Von seinem Führerhaus in 14 Metern Höhe behält er bei geöffnetem Fenster den Überblick – bei gutem Wetter kommt der Weitblick dazu. Doch heute taucht selbst die Möweninsel nur langsam aus dem Nebel auf.

So kann er sich ganz auf seine Arbeit konzentrieren. Langsam zieht er das Boot mit dem Kran in die Höhe, dann macht er einen 180-Grad-Schwenker zum Traktorgespann. Mithilfe zweier Seile an Bug und Heck helfen Walter Krüger und Peter Gimm dabei, das Boot in die richtige Richtung zu lotsen. Hafenmeister Eschen übernimmt das Kommando: „Jetzt geh‘ mal ans Ruder!“, ruft er Krüger zu. Wenig später steht „Sabrina II“ auf ihrem Trailer, das letzte Schleiwasser tropft langsam ab. Walter Krüger klettert mit einer Leiter auf das Boot, zieht die Fender ein und entdeckt dabei einen blinden Passagier. „Man fährt das ganze Jahr Spinnen spazieren“, lacht er. Dann wirft er Peter Gimm zwei Spanngurte zu, die festgezurrt werden. „Sabrina II“ steht sicher. Zeit für einen wärmenden Kaffee. Danach geht es mit sechs Kilometern in der Stunde zum Winterlager.

Harald Eschen hat keine Zeit für eine Pause. „Hector“ wartet – das acht Meter lange Segelboot von Hans-Dieter Schopper. „Der Vorbesitzer hat die deutsche und neuseeländische Staatsangehörigkeit und hat das Boot nach dem Hector-Delfin benannt“, erklärt er. Dieser lebt nur in den Gewässern um Neuseeland – passend dazu ist ein Delfin neben den Bootsnamen gemalt. Gurte ziehen ist hier überflüssig, der Kran wird an einem zentralen Punkt eingehakt und das Boot aus dem Wasser gehoben. „Das hätte europäische Bauvorschrift werden müssen. Wurde es aber leider nicht“, bedauert Harald Eschen.

Schon schwebt auch „Hector“ wie ein Raumschiff in Richtung Anhänger. Hans-Dieter Schopper wirft einen prüfenden Blick auf den Rumpf und freut sich: „Diesmal gibt es nicht viel Arbeit.“ Im letzten Jahr dagegen hätte er ganz schön zu tun gehabt, die Muscheln loszuwerden. „Es sind generell wenige dieses Jahr“, meint auch Harald Eschen.

Er freut sich, Delfin-Boot „Hector“ ohne große Mühe verladen zu haben und vom Kran herunterklettern zu können. Denn bei manchen Privatleuten dauere es gerne mal länger. „Die vergessen zwischen Frühjahr und Herbst, wie es geht“, schmunzelt er. Wenn ihre Boote aus dem Wasser geholt werden, würden die Eigner nicht nur an den Sachwert denken, „für sie ist das auch ein emotionaler Wert, der da am Kran hängt“. Daher sei er nicht nur Kranführer, „sondern auch ein bisschen Psychologe.“

Dabei lautet sein Motto: In der Ruhe liegt die Kraft. Das dürfte mit ein Grund dafür sein, dass in seinen zwölf Jahren als Kranführer nie ein Mensch zu Schaden gekommen ist. „Alles andere lässt sich mit Geld regeln“, betont er – denn klar ist auch: „Wo gehobelt wird, fallen Späne.“

 

 

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erstellt am 20.Okt.2014 | 15:05 Uhr

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