„Letzte-Hilfe-Kurs“ : Wie man Sterbenden beisteht

Schaumstoff-Lollis für die Mundpflege: Hannelore Nicolaisen-Wohlert (links) und Karen Mau probieren sie aus.
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Schaumstoff-Lollis für die Mundpflege: Hannelore Nicolaisen-Wohlert (links) und Karen Mau probieren sie aus.

Ein Schleswiger Palliativmediziner bietet Kurse an, in denen Angehörige lernen, geliebte Menschen bis zum Tod zu begleiten.

shz.de von
26. Januar 2015, 12:00 Uhr

Dass man nach Verkehrsunfällen Erste Hilfe leistet, ist selbstverständlich. Doch wie kann man einem Menschen helfen, der sich auf seinem letzten Weg befindet und im Sterben liegt? Mit dieser Frage hat sich der Palliativmediziner Dr. Georg Bollig vom Schleswiger Helios-Klinikum auseinandergesetzt und bietet in Anlehnung an die Erste Hilfe neuerdings „Letzte-Hilfe-Kurse“ an. Nach einem ersten Kurs bei Kooperationspartnern in Norwegen fand am Wochenende die „Deutschland-Premiere“ in Schleswig statt.

Dafür reisten der Hospizkoordinator Dirk Münch und Stefan Meyer, Leiter der Akademie für Hospizarbeit, als Verstärkung aus Nürnberg an. Die 15 Teilnehmer des Kurses kamen vom Ladies Circle und hatten oft sehr persönliche Gründe – so wie Kirsten Bahr, die den Kontakt zu Georg Bollig hergestellt hatte: „Mein Mann und ich haben meine Schwägerin gepflegt, und nun ist mein Vater dement. Diese Fälle in meiner Familie haben mich motiviert, mich mit dem Sterben auseinanderzusetzen, bevor es zu spät ist.“

Die Veranstaltung stand unter dem Motto „Begleiten statt töten“ und war in vier Module unterteilt: Sterben als Teil des Lebens; Vorsorgen und Entscheiden; körperliche, psychische, soziale und existenzielle Nöte sowie Abschied nehmen vom Leben.

Zu Beginn erinnerte Georg Bollig an den Schweizer Henry Dunant (1828-1910), der als Begründer der Internationalen Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung Ideengeber für den Kurs ist. Er hat auf dem Schlachtfeld von Solferino 1859 schwer verwundeten Soldaten beigestanden, „die ihn anflehten an ihrer Seite zu bleiben, damit sie nicht alleine sterben mussten“. So habe er „gleichzeitig Erste Hilfe und Letze Hilfe geleistet – dies zeigt, dass es keinen Gegensatz gibt“, so Bollig. „Dafür stehe ich auch als Person. Seit ich 17 bin, habe ich mich mit Erster Hilfe beschäftigt. Später war ich Notfallmediziner, jetzt bin ich in der Palliativmedizin.“ Als Oberarzt am Helios-Klinikum betreut und begleitet er schwerkranke Menschen mit dem Ziel, ihre Lebensqualität zu verbessern. Dabei geht er nicht nur auf ihre körperlichen Beschwerden ein, sondern auch auf die seelischen Nöte.

Wenn ein geliebter Mensch im Sterben liegt – was sich durch viele Symptome wie gesunkenem Interesse an Essen und Trinken, extremer Schwäche oder veränderter Bewusstseinslage ankündigen kann – sei es sehr wichtig, dass einfach ein nahe stehender Mensch da ist. Oft beinhalte das auch, „zu bleiben und auszuhalten, wenn die besten Medikamente nicht mehr wirken“. Mitunter „ist Wegsein auch wichtig“, sagte da ein Teilnehmer, und der Arzt stimmte zu: „Manche können sich erst aus dem Leben zurückziehen, wenn sie alleine sind.“ Möchte der Sterbende jedoch Hilfe, könne man ihm zuhören oder durch Bewegung oder Massagen Linderung verschaffen. Eine Letzte Hilfe kann auch die richtige Mundpflege sein, führte Stefan Meyer aus und ließ blaue Schaumstoff-Lollis herumgehen: Einmal ins Lieblingsgetränk getaucht, könne man so den Mund des Patienten befeuchten – die Teilnehmer versuchten dies im Selbsttest. Der Kurs schloss ab mit der Zeit nach dem Tod und dem Umgang mit der Trauer.

„Jeder muss Letzte Hilfe so wie Erste Hilfe können und einen Kurs machen“, meint Bollig. Daher wolle er das Wissen nicht nur an Krankenhauspersonal weitergeben, sondern zum Beispiel auch an Schüler. Vorher erfolge eine Bewertung. Die fiel in Schleswig positiv aus: „Ganz toll“, urteilen die Teilnehmer einstimmig.

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