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SN-Mitarbeiterin im Selbstversuch : „Wie ich lernte, in der Reihe zu tanzen“

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Claudia Kleimann-Balke wurde zum Cowgirl für einen Abend.

Es sieht gar nicht so kompliziert aus, geht es mir durch den Kopf. Eigentlich sieht es sogar ziemlich einfach aus. Die Schrittfolgen lassen sich leicht einprägen, sind rhythmisch, beinahe logisch aufeinander folgend. Mein Fazit nach zwei Minuten Beobachtung ist eindeutig und unumstößlich: Das bekäme ich auch hin – locker! Dass man bekanntermaßen den Tag nicht vor dem Abend loben sollte, noch kein Meister vom Himmel gefallen ist und man hinterher immer schlauer ist, ignoriere ich konsequent – das wird sich noch rächen, aber dazu später.

Ich sitze auf einem Stuhl und beobachte Loretta Malü und ihre Line-Dance Gruppe. Jeden Donnerstagabend treffen sie sich in der Turnhalle der Dänischen Grundschule in Treia und tanzen gemeinsam zu rhythmischen Songs aus Country und Pop. Für den heutigen Abend haben sie mich eingeladen und während sich die Tänzer mit einer bekannten Choreografie aufwärmen, mache ich mir schon mal ein paar Notizen in mein rotes Buch. Es dauert nicht lange und mein rechter Fuß wippt im Rhythmus der Musik mit.

Tanzen gemeinsam: Die Treianer Line Dance Gruppe kann noch Verstärkung gebrauchen.
Tanzen gemeinsam: Die Treianer Line Dance Gruppe kann noch Verstärkung gebrauchen. Foto: ckb (2)
 

„Na dann los“, fordert mich Loretta Malü auf, „mach mit“. Das lasse ich mir nicht zweimal sagen, denn das, was sie und ihre Gruppe gerade vorgelegt haben, sah nach Spaß aus. Entspannte Gesichter, lockere Schritte, Lachen. Ich sortiere mich mitten in die Tänzer ein. Ziemlich schlau, denn so habe ich zu allen Seiten jemanden vor mir stehen, dem ich auf die Füße gucken kann. Meine Hände vergrabe ich in den Taschen meiner Jeans. Ich will ja schließlich cool aussehen.


Jetzt heißt es Schritte zählen


„Die Schrittfolgen beim Line-Dance sind in Sektionen eingeteilt, die je acht Counts, also Schritte zählen“, erklärt mir Loretta. „Je nach Choreografie sind es dann eben 32, 48 oder 64 Schritte.“ Ausnahmen und Zwischenschritte gibt es auch, aber das ist für den Anfang nicht so wichtig. Getanzt wird entweder in eine Richtung, oder auch in zwei beziehungsweise vier Richtungen. Doch grau ist alle Theorie und es geht gleich los mit einer Choreografie, die sich „Electric Slide“ nennt. Er ist wie der Walzer im Standardtanz, lerne ich. Ich schaue mir die Schritte an, mache sie mit und ich finde, es klappt gut. Mit Musik geht es gleich noch mal besser. Die Grundlage sitzt und ich fühle mich gerüstet für mehr. Hätte ich gewusst, was nun folgt, hätte ich wohl über den Tanz mit dem Namen „Lord help me“ nicht geschmunzelt – stattdessen hätte ich die Mahnung verstanden.

Die ersten Counts gehen mir noch leicht von der Hand, also ja eigentlich leicht von den Füßen. Dann geht es rund und ich höre Lorettas Kommandos: Rechts, links und wischen. Ehe ich ganz verstehe warum, bin ich aus dem Takt. Mist. Noch mal. In der nächsten Richtung geht es ja wieder von vorne los: Rechts, links, wischen – höre ich mich mitdenken. Ich bin hoch konzentriert, den Blick fest auf die Fersen meines Vordermanns geheftet. Dennoch wollen meine Füße nicht so wie ich. Ich verzettele mich, bin schon wieder raus. Lord help me! Wo ist mein Rhythmusgefühl?

Meine Mittänzer muntern mich auf: „Das haben wir schon viel schlechter gesehen“, höre ich. Na, das macht ja Mut! Langsam wird die Sache anstrengend. Das, was anfangs als lässige Tanzeinlage gedacht war, wird zum Sportevent. Mein Koordinationszentrum läuft auf Hochtouren – und versagt kläglich. „Die ersten fünf Tänze sind die schwersten“, tröstet mich Loretta Malü, die nicht müde wird, mir die Schritte noch einmal langsam zu erklären. Sie ist ein alter Hase und hat ihre Leidenschaft für den Line-Dance bereits vor 18 Jahren durch das Westernreiten entdeckt: „Irgendwann hat jeder Westernreiter mal Berührungspunkte zum Line-Dance. Daran kommt man nicht vorbei.“

Und das ist auch gut, denn mit ihrem Wissen und einer sehr großen Portion Geduld hat Loretta Malü schon viele Tänzer zum Line-Dance gebracht. Zum Beispiel Regine und Uwe Andresen, beide knapp an die 65 Jahre alt, die beim Tanzen den Alltag vergessen. „Hier sind alle gut drauf“, erzählt Uwe Andresen, „und wer es nicht ist, ist es spätestens nach dem ersten Tanz.“ Das kann ich unterschreiben: Der Fun-Faktor ist da. Auch wenn sich meine Beine kein bisschen daran halten, was mein Gehirn ihnen sagt – Spaß habe ich.


Über Grenzen hinweg tanzen


Das liegt sicher auch an der Gruppe, die mich trotz meiner Ungeübtheit sofort aufgenommen hat und mir hilft, wo sie kann. Denn obwohl jeder für sich tanzt, bewegen wir uns doch gemeinsam. Eine tolle Sache, denn die Choreografien, die speziell für bestimmte Lieder geschrieben werden, besitzen internationale Gültigkeit: „Man kann gemeinsam tanzen, ohne miteinander geübt zu haben“, weiß Dörte Borgemien, „die Tänze werden von Gruppe zu Gruppe weitergegeben.“ Das funktioniert über Ländergrenzen und Kontinente hinweg, von China bis Kalifornien, vom Nordkap bis Kapstadt.

Auch beim Alter gibt es keine Grenze. Regina und Uwe Andresen sind ebenso dabei, wie Finja Diercks, das 17-jährige Küken der Gruppe. Sie hat übrigens gleich ihre Mutter angesteckt. Nun tanzen sie gemeinsam. Line-Dance verbindet eben – und das gilt nicht nur für die Menschen, sondern auch für unsere neuronalen Synapsen. Wer tanzt, reduziert das Risiko an Demenz zu erkranken um 76 Prozent. Das hat die medizinische Fakultät der Universität Stanford mit einer Langzeitstudie belegt. Gut zu wissen und ein guter Grund mehr, das Tanzbein zu schwingen. Ganz oben auf der Liste steht aber auch der Spaß an der Sache – und beim Spaßfaktor ist Line-Dance, zumindest für mich, ganz oben angekommen.










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