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„Tunnel 57“ : Wie ein Mann aus Nübel 1964 einen Tunnel unter der Berliner Mauer grub

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Hans-Jörg Bühler verhalf 57 DDR-Bürgern zur Flucht in den Westen. Jetzt wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt.

shz.de von
erstellt am 29.Mär.2016 | 12:00 Uhr

Nübel/Berlin | Er hat Geschichte geschrieben, auch wenn er selbst schon längst damit abgeschlossen hat. Seine Vergangenheit holt ihn doch immer wieder ein: Mal als Anklage wegen Beihilfe zum Mord. Mal in Form des Bundesverdienstkreuzes. Dieses wurde Hans-Jörg Bühler aus Nübel (Kreis Schleswig-Flensburg) jetzt im Auftrag des Bundespräsidenten in Berlin verliehen. Dafür, dass er vor mehr als 50 Jahren „das eigene Leben aufs Spiel setzte, um gänzlich Unbekannten ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen“, heißt es in der Laudatio. Bühler gehörte zu den etwa 20 Fluchthelfern, die 1964 den sogenannten „Tunnel 57“ unter der Berliner Mauer gruben und damit 57 Menschen die Flucht in den Westen ermöglichten.

Mit einer Art Flaschenzug wurden die Flüchtenden – insgesamt 57 Menschen – aus dem zwölf Meter tiefen Tunnel unterhalb der Berliner Mauer nach oben gezogen.
Mit einer Art Flaschenzug wurden die Flüchtenden – insgesamt 57 Menschen – aus dem zwölf Meter tiefen Tunnel unterhalb der Berliner Mauer nach oben gezogen. Foto: Picture Alliance
 

Heute, ein halbes Jahrhundert später, blättert der pensionierte Berufsschullehrer, der bis 2007 am Schleswiger BBZ Physik und Kfz-Technik lehrte, in seinem Zuhause in Nübel in einem Buch, das die Geschichte des Tunnelbaus erzählt, ein Buch, in dem er selbst auf einem Foto abgebildet ist: Da sitzt er, gerade mal 20 Jahre alt, auf einer Art Schaukel mit Flaschenzug und wird aus dem zwölf Meter tiefen Tunnelschacht hochgezogen. Entstanden ist das Bild, vermutet der heute 72-Jährige, am 3. oder 4. Oktober, den beiden Tagen der Flucht. Eigene Bilder von damals hat er nicht. Nur seine Erinnerungen.

„In so einem Tunnel, wenn man da drin ist, hört man unheimlich viel, zum Beispiel wenn einer direkt über einem im Keller Holz hackt“, sagt Hans-Jörg Bühler, und beschreibt, wie der Aushub damals voranschritt – ohne dass irgendjemand davon etwas bemerkte. Gearbeitet wurde nur am Tag mit einem speziellen Hammer. Das Tunnelloch war eng. Im Liegen wurde der Hammer mit den Füßen in den harten Boden getreten. „Wir haben in eine Richtung gebuddelt, aber selbst mit Ingenieurwissen ist das nicht so genau zu planen, wo man rauskommt“, sagt Bühler. Und so endete der gut 140 Meter lange Tunnel nicht wie gehofft in einem Ost-Keller, sondern in einem stillgelegten Toilettenhäuschen in einem Hinterhof kurz hinter der Berliner Mauer.

Über einen Freund hatte Bühler, damals Maschinenbau-Student an der Technischen Universität Berlin, von dem Tunnelbau von West nach Ost erfahren. Unter dem Decknamen „Oskar“ gesellte er sich zu dem „Kreis der Maulwürfe“, die von den Kellerräumen einer verlassenen Bäckerei in der Bernauer Straße auf der Westseite der Berliner Mauer angefangen hatten, wieder zu graben. Ein anderer Tunnel der Gruppe war da bereits entdeckt und gesprengt worden. Doch das hielt weder ihn noch die anderen ab. Die nächsten drei, vier Monate verbrachte der Berliner Student unter Tage, meistens ein bis zwei Wochen am Stück – ohne die Räume der früheren Bäckerei in dieser Zeit zu verlassen. „Da wurde gearbeitet und gelebt.“

Bühler war nach dem Abitur im baden-württembergischen Ettenheim zur heißen Phase des Kalten Krieges, zwei Jahre nach dem Bau der Mauer, zum Studium nach Westberlin gekommen. Seine Vermieterin hatte Verwandtschaft im Osten, und da sie als Westberlinerin nicht zu ihnen rüber durfte, schickte sie ihren jungen Untermieter. „Die Mauer, das war ein Bollwerk. Wenn man rüber kam, war das eine ganz andere Welt“, erinnert sich Bühler heute. Auch die Begegnung mit den Angehörigen seiner Vermieterin ist ihm noch präsent: „Bei allem, was man heute weiß, war das ein sehr offenes Gespräch. Die Leute waren sehr ehrlich und neugierig.“ Weitere persönliche Kontakte in die DDR hatte der Student damals nicht.

Und so spricht er heute auffallend unaufgeregt über den Tunnelbau, an dem er sich scheinbar mehr zufällig als aus konkreten politischen oder persönlichen Motiven beteiligte. Was aus den Menschen geworden ist, denen er durch den Tunnel den Weg in die Freiheit gewiesen hatte, weiß er nicht. „Ich hatte kein persönliches Interessen daran. Es war mehr ein Gefühl als ein konkreter Grund. Ich fand einfach, dass es eine gute Sache war und natürlich eine technische Herausforderung“, sagt er. Adrenalin und Nervenkitzel, die nur einen 20-Jährigen locken können, kamen dazu.

Dann kam der 4. Oktober 1964. Bühler wartete zu später Stunde in einigen Metern Tiefe im Tunnel auf DDR-Gebiet darauf, weitere Menschen in Empfang zu nehmen, zu beruhigen und zu ermutigen, durch das enge, feuchte Erdloch zu kriechen. 57 DDR-Bürger waren an diesem und dem Vortag mit seiner Hilfe bereits durch den Tunnel in den Westen geflüchtet – nicht ohne Komplikationen. Einmal blieb eine korpulente Frau stecken. Per Grubentelefon hatte Bühler Kontakt zur Basis, die von Aussichtstürmen im Westen aus den Hinterhof und das Klohäuschen auf der Ostseite observierte. Plötzlich fielen Schüsse und durch das Grubentelefon schrie es: „Zurück!“

Die Fluchthelfer aus dem Westen waren aufgeflogen. Unter die Flüchtlinge hatten sich Stasi-Spitzel gemischt. Es kam kurz nach Mitternacht zum Schusswechsel vor dem Toilettenhäuschen in der Strelitzer Straße. Der 21-jährige Grenzsoldat Egon Schultz wurde getroffen und starb – in der Stasi-Interpretation von Westberlinern Agenten meuchlings ermordet. Schultz avancierte in der DDR zum Märtyrer und Nationalhelden. Schulen und Straßen wurden nach ihm benannt. Erst Jahre nach dem Mauerfall stellte sich heraus, dass sein Tod versehentlich durch Kugeln aus der Waffe eines Kameraden verursacht worden war, was die Stasi jahrzehntelang vertuscht hatte.

Bühler und der Kern der Fluchthelfer stellten sich am nächsten Tag im Westen der Staatsanwaltschaft. Im ostdeutschen Rundfunk wurde er als Mörder bezeichnet. Ein Jahr später erhielt er Post, dass die Ermittlungen gegen ihn wegen Verdacht des versuchten Totschlags eingestellt worden seien. Bühler widmete sich wieder seinem Studium, wechselte vom Maschinenbau in die Berufspädagogik und machte sein Referendariat an der Kreisberufsschule in Schleswig, dem heutigen Berufsbildungszentrum. Der Tunnelbau spielte keine Rolle mehr in seinem Leben, bis 1996 erneut Ermittlungen gegen ihn – jetzt wegen Beihilfe zu Mord – aufgenommen wurden. Zu einer Verhandlung kam es jedoch nie. Das Verfahren wurde eingestellt. Insofern, sagt Bühler, bedeute das Verdienstkreuz für ihn jetzt doch einen positiven Abschluss dieser Geschichte. „Ich habe ja auch immer mal wieder im Zwielicht gestanden.“

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