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SN-Serie: „So kocht die Welt“ : Wie ein Feiertag in Herat

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Die afghanische Flüchtlingsfamilie Ahmadi hofft in Schleswig auf eine Zukunft in Frieden – und serviert ihren Gästen das heimische Nationalgericht.

von
erstellt am 12.Nov.2015 | 07:20 Uhr

Menschen aus allen Ecken der Welt bereichern seit vielen Jahren das Leben in Schleswig und der Region. Wie sie hierher gekommen sind und welche Geschichten hinter ihnen stehen, bleibt jedoch oft im Verborgenen. Deshalb stellen die SN in einer Serie Frauen, Männer oder auch ganze Familien vor, die ihre Wurzeln in anderen Ländern und Kulturkreisen haben und inzwischen hier eine neue Heimat gefunden haben. Wie kann das besser funktionieren als bei einem guten – und jeweils landestypischen – Essen? Heute: Familie Ahmadi, die aus Afghanistan geflüchtet ist.

Nasima Ahmadi ist zunächst etwas schüchtern, traut sich nicht, auf Deutsch zu antworten. Doch dann kann die 17-Jährige dem Reporter sehr wohl erklären, was sie da gerade in der kleinen Küche zubereitet. „Das ist Shami Kabab“, sagt sie und lächelt, als sie die Masse aus Hackfleisch, Kartoffeln, Zwiebeln und Gewürzen zu einer Art Frikadellen formt und in die mit reichlich Fett gefüllte Pfanne legt. Nasima beherrscht schon eine ganze Menge deutscher Wörter, obwohl sie noch gar nicht lange zum Unterricht im Berufsbildungszentrum geht.

Vor elf Monaten ist sie aus ihrer westafghanischen Heimatstadt Herat gemeinsam mit ihrer Mutter und einer Schwester nach Deutschland gekommen. Ihre andere Schwester und die beiden Brüder folgten vor einem guten halben Jahr. Im Friedrichsberg hat die Familie, dessen Oberhaupt bereits vor sieben Jahren an einer Krankheit verstarb, eine helle, freundliche Wohnung gefunden. „In Herat war es nicht mehr möglich, sicher zu leben“, erklärt Najib Ahmadi, warum sich die Familie vom Volksstamm der Tadschiken entschlossen hatte, alles zu verkaufen und die Flucht nach Deutschland anzutreten. Der 25-Jährige hat in Afghanistan englische Literatur studiert. Jetzt lernt er in Schleswig in einem Sprachkurs Deutsch und hofft, irgendwann eine Ausbildung machen zu können.

„Leute wie Najib, die vier, fünf Jahre studiert haben, können Deutschland richtig helfen“, ist Farid Ahmadzai überzeugt. Der 46-Jährige kehrte seinem Heimatland bereits 2000, noch vor dem Sturz der Taliban, den Rücken und ist in Schleswig längst integriert. Ahmadzai arbeitet im städtischen Jugendzentrum . In seiner Freizeit kümmert er sich um Landsleute wie Familie Ahmadi und leistet an diesem Tag zudem als Dolmetscher wertvolle Dienste. Farid Ahmadzai unterhält sich mit den Ahmadis auf Dari, neben Paschto die meistgesprochene Sprache in Afghanistan.

In der Küche bereiten die Frauen unterdessen ein Potpourri afghanischer Spezialitäten zu, darunter das Nationalgericht Qabili Palau, das zumeist an Feiertagen serviert wird. Dazu kocht Mutter Nafisa Ahmadi (54) einen großen Topf voller Langkornreis. Später werden gekochtes Lammfleisch, gebratene Karotten und Rosinen zugegeben. In Afghanistan werde viel Lamm gegessen, erklärt Tochter Nasima, die selbst allerdings Vegetarierin ist. Ihre Schwester Fariba (30) schiebt derweil marinierte Hähnchenkeulen in den Backofen.

In der Zwischenzeit ist der älteste Bruder Reza vom Fitnesstraining heimgekehrt. Der 27-Jährige wirkt frustriert, die Ungewissheit nagt an ihm. Früher in Afghanistan hat er unter anderem Schuhe hergestellt, jetzt ist er zum Warten verdammt. „Ich war immer beschäftigt. Jetzt habe ich so viel Zeit. Ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll“, sagt er. Arbeiten darf er nicht, solange nicht über den Asylantrag der Familie entschieden ist. Mittlerweile, so hat Reza Ahmadi gehört, würden bei den Sprachkursen die Flüchtlinge aus Syrien und Eritrea bevorzugt behandelt. Und was ist, wenn die Familie zurück nach Afghanistan muss? „Dann müssten wir dort bei Null anfangen“, sagt Najib Ahmadi. „Wir haben ja alles verkauft.“ Und die Furcht, Opfer der Taliban zu werden, würde von Neuem beginnen.

Farid Ahmadzai ist 2012 erstmals wieder in seiner Heimat im Norden Afghanistans gewesen. Dort ist die Lage vergleichsweise stabil, doch Ahmadzai ist überzeugt: „Ich werde es wohl nicht mehr erleben, dass es in Afghanistan ruhig ist.“ Umso dankbarer ist er, in Schleswig leben und trotzdem die afghanische Küche genießen zu können. Denn das, was die Ahmadis aufgetischt haben, lässt sich mit einem einzigen deutschen Wort beschreiben: köstlich.

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