Zeitzeuge an der Bruno-Lorenzen-Schule : Wie ein Arzt aus Schleswig-Holstein 1989 in die Prager Botschaft kam

Ankunft im bayerischen Hof: Bundesbürger empfangen ihre geflüchteten „Brüder und Schwestern“.
Ankunft im bayerischen Hof: Bundesbürger empfangen ihre geflüchteten „Brüder und Schwestern“.

Dr. Eckhardt Kibbel spielte ganz unerwartet eine wichtige Rolle bei der Ausreise von 4500 DDR-Bürgern am 1. Oktober 1989.

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30. Juni 2015, 12:31 Uhr

„Der einzige, der im Zug saß und wusste, mir passiert nichts, war ich“, erinnert sich Dr. Eckhardt Kibbel. Der Arzt aus Ostholstein war dabei, als am 1. Oktober 1989 tausende DDR-Bürger, die in die Prager Botschaft der Bundesrepublik geflüchtet waren, in Sonderzügen in den Westen ausreisen durften.

Kibbel erzählte jetzt vor Zehntklässlern der Bruno-Lorenzen-Schule und aus dem Landesförderzentrum Hören von seinen Erlebnissen vor 26 Jahren. „Das ist plötzlich ganz nah, Geschichte bekommt eine Bedeutung für mich“, sagt Sina Mia Enkhardt (16). Organisiert hatte diese ungewöhnliche Unterrichtsstunde die „Deutsche Gesellschaft“. Ihr Anliegen ist es, Schüler bundesweit an das Thema Wiedervereinigung heranzuführen.

Daten und Fakten zum Niedergang der DDR kannten die Jugendlichen aus dem Weltkundeunterricht, doch nun lernten sie dieses Ereignis aus einer ganz anderen Sicht kennen. Anschaulich schilderte der Arzt, wie er in die Prager Botschaft kam, in der sich rund 4500 DDR-Bürger aufhielten, die alle in den Westen wollten. „Ich bekam einen Anruf, man brauchte einen Arzt, um eine Seuchengefahr auf dem völlig überfüllten Gelände abzuwenden“, schildert der Allgemeinmediziner, der damals Chefarzt der DRK-Klinik Ostholstein war. Dass der Bundesverband des Deutschen Roten Kreuzes ausgerechnet bei ihm anrief, war Zufall.

Als Kibbel ankam, hatte Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher vom Botschaftsbalkon aus gerade seinen berühmten Halbsatz ausgesprochen, in dem er den Menschen mitteilte, dass sie nun in die Bundesrepublik ausreisen durften. Kibbel: „Da kam ein gut gekleideter Herr auf mich zu und fragte: Sind Sie der Doktor vom Roten Kreuz? Ich bin der Botschafter, das ist ja fein, dass Sie da sind, können Sie mal organisieren, dass die Leute alle gut in die Busse und in die Züge kommen?“

Was damals bei Kibbel für großes Erstaunen sorgte, ließ auch die Schüler ungläubig schauen: „Wie sollten Sie das denn machen?“ Über solche Fragen dachte Kibbel damals nicht lange nach. Er kümmerte sich darum, dass die Menschen geordnet die kurze Strecke durch kleine Gässchen zum Bushalteplatz gehen. Doch als die ersten DDR-Bürger die Busse sahen, gab es ein neues Problem. „Die Menschen erstarrten, weigerten sich, auch nur einen Schritt weiterzugehen.“ Der Grund: Anhand der Kennzeichen war erkennbar, dass die Fahrzeuge von der Stasi bereitgestellt worden waren. Kibbel lehnte sich weit aus dem Fenster und garantierte persönlich, dass die Busse nicht zurück in die DDR fahren würden. Die Leute vertrauten dem Arzt aus Schleswig-Holstein und stiegen ein.

Die Sache sprach sich herum in Prag. „Einige Stunden später merkte ich, wie Leute, die überhaupt nicht aus der Botschaft kamen, auch in die Busse reingesprungen sind. Es waren Touristen aus der DDR, Mädchen, die im Minirock aus der Disco kamen, mit ihren Handtäschchen und sonst gar nichts.“ Es wurde nachverhandelt, um noch mehr Sonderzüge zu organisieren.

In einem dieser Züge ist Kibbel dann als „diplomatischer Mitarbeiter“, legitimiert durch einen handgeschriebenen Zettel, mitgefahren. Es ist das einzige Schriftstück, das beweist, dass der Arzt tatsächlich in Prag war. Denn offiziell war er nur als Tourist eingereist. Eine Ehrung hat er auch nie erhalten. „Das macht nichts, das hat für mich keine Bedeutung.“

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