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Fünf Minuten Blind : „Wie durch einen Eisblock“

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Im Erlebnismobil auf dem Schleswiger Capitolplatz konnten die Besucher gestern erfahren, wie es ist, blind zu sein.

von
erstellt am 15.Jun.2017 | 07:43 Uhr

„Schlimm.“ Das ist das erste Wort, das Timo Tempel einfällt, als er beschreiben will, wie es sich anfühlte, durch das Erlebnismobil zu gehen. Erlebnismobil – diesen Namen hat die Christoffel-Blindenmission ihrem kleinen Lastwagen gegeben, in dessen Innerem Besucher nachempfinden können, wie es ist, blind zu sein.

Mit Unterstützung des Schleswiger Lions Clubs macht das Erlebnismobil gestern auf dem Capitolplatz Station. Timo Tempel ist einer von 300 Passanten, die sich hineintrauten. Der 18-jährige Schleswiger lässt sich von Lions-Mitglied Friedrich Stoll erklären, wie man den Taststock richtig einsetzt („Immer hin und her schwenken!“), dann bekommt er eine Brille auf die Nase, durch die er fast nichts mehr sehen kann. „Als würde man durch einen Eisblock blicken“, sagte er.

Mit Taststock und Brille: Der 18-jährige Timo Temple wagte sich durch den Hindernisparcour der Christoffel-Blindenmission.
Mit Taststock und Brille: Der 18-jährige Timo Temple wagte sich durch den Hindernisparcour der Christoffel-Blindenmission. Foto: oje
 

Blind zu sein bedeutet nicht, dass alles dunkel ist. Das ist eine der ersten Erkenntnisse für die Besucher des Erlebnismobils. Der Parcours in dem Lastwagen ist taghell. Durch die Brille hat Timo Tempel immerhin noch fünf Prozent Sehkraft. Schemenhaft kann er Farben erkennen. Dass es echte Umrisse sind, die er sieht, wäre übertrieben. Einmal sieht er rechts vor sich eine große gelbe Fläche. Er ahnt, dass es sich um ein Hindernis handelt. Dass es eine Wertstoff-Mülltonne ist, weiß er nicht. Langsam tastet er sich voran. Der Taststock verrät ihm, wo eine Stufe ist.

Überall lauern Stolperfallen. Aber den ganzen Tag über fällt keiner der Besucher hin. „Nein, das passiert praktisch nie“, sagt Daniel Köhler, der mit dem Fahrzeug durch die ganze Republik tourt. Viel häufiger kommt es vor, dass jemand schon nach wenigen Schritten wieder umkehrt. Weil er die Orientierung verloren hat oder weil es einfach zu unheimlich ist, weiterzugehen, ohne zu sehen, wohin.

Timo Tempel hält durch bis zum Schluss. Am gruseligsten ist der Moment, als er mit den Händen gegen einen Vorhang aus Kordeln stößt. „Ich war heilfroh, dass ich nirgends eine verschlossene Tür öffnen musste“, sagt er hinterher. Das wäre der absolute Horror gewesen.“

Fünf Prozent Sehkraft – das entsprich dem, was ein Mensch sehen kann, wenn in den Augen der Graue Star weit fortgeschritten ist. Diese Krankheit lässt sich mit einer Operation gut behandeln. Daniel Köhler berichtet von einer Frau, die nach dem Eingriff wieder gut sehen konnte und das Erlebnismobil ausprobierte. „Sie sagt, dass der Blick durch die Brille der Realität sehr nahe kommt.“

Mit ihrer Aktion wollen die Blindenmission und die Lions auch Spenden sammeln für Augenoperationen in der Dritten Welt. Auch die Iris-Stiftung des blinden früheren OLG-Richters Helmut Vollert stellte sich und ihre Arbeit vor und sammelte ebenfalls Spenden.

Auch heute ist das Erlebnismobil in der Region vor Ort: von 9 bis 17 Uhr in Kappeln am Südhafen vor dem ASC-Clubhaus.

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