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Schleswiger Nachrichten

20. August 2017 | 13:54 Uhr

Wie der Fisch vom Dach gerettet wurde

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Dachdecker entdecken lebenden Koi hinter dem Schornstein / Wiederbelebung mit Wasser und Sauerstoff

„So schnell bin ich noch nie vom Sofa hochgekommen“, sagt Harro Paulsen. Was den 79-Jährigen aus Schuby dermaßen in Wallung brachte, ist eine Geschichte, wie sie üblicherweise am 1. April oder in der Saure-Gurken-Sommerzeit kursiert. Doch Übertreibungen oder gar Lügengeschichten sehen dem pensionierten Beamten so gar nicht ähnlich. Die Geschichte begann
für Paulsen mit einem Anruf seines Nachbarn Wolfgang Sommer. Die Botschaft war knapp: „Wir haben auf unserem Hausdach deinen Koi-Karpfen gefunden. Und der lebt sogar noch.“

Sommer hatte eine Dachdeckerfirma gerufen, weil es im Bereich des Schornsteins ein Leck gab. Die Handwerker schauten sich den Schaden auf dem Dach an, fuhren aber noch einmal los, um Material zu holen. Als sie die Dachluke anderthalb Stunden später wieder öffneten, blickten sie in die Augen eines rund 30 Zentimeter langen Karpfens. Das Tier lag in der Kehle zwischen Schornstein und Dach. Nachdem sie sich von ihrem Schreck erholt hatten, bemerkten die Dachdecker, dass sich die Kiemen des Fisches noch bewegten und noch Hoffnung bestand. Sie trugen den Koi zurück ins Haus, wo Wolfgang Sommer sofort Erste Hilfe leistete – er steckte den Fisch in einen Eimer mit Wasser und rief Harro Paulsen an. Der wohnt knapp 200 Meter entfernt und hält solche Fische in seinem Gartenteich.

Als Paulsen wenig später ein wenig atemlos eintraf, hatte er eine Sauerstoffpumpe dabei. Die war auch dringend erforderlich, denn sein Fisch trieb zu diesem Zeitpunkt bereits auf dem Rücken im Eimer und sah nicht besonders glücklich aus. Die Wiederbelebungsversuche zeigten tatsächlich Wirkung. Nach zwei Stunden im gewohnten Element und mit einer Extra-Portion Luft drehte sich der Fisch plötzlich und schwamm. Harro Paulsen aber ging auf Nummer sicher und richtete auf seiner Terrasse eine Art Intensivstation ein – eine bequeme Wanne voller Wasser mit Beatmung. Vorsichtshalber erhielt das Gefäß auch noch einen katzensicheren Deckel.

Inzwischen geht es dem Koi wieder bestens. Das hofft Harro Paulsen jedenfalls, denn er hat das Tier wieder in seinem Gartenteich ausgesetzt. Und der ist jetzt mit einer schneebedeckten Eisschicht überzogen.

Und wie kam der Fisch aufs Dach? Für Harro Paulsen steht fest: Das war der Reiher. Schon seit Jahren sucht einer dieser Fischräuber immer wieder seinen Teich heim. Diesmal hat er sich vermutlich den Koi geschnappt und über dem Haus des Nachbarn verloren. Oder er hat sich am Schornstein niedergelassen, um die Last noch einmal richtig zu packen und wurde dann von den Dachdeckern erschreckt. So ganz wird der mysteriöse Fall wohl nie aufgeklärt werden.

Mit Reihern hat Harro Paulsen so seine Erfahrungen. Einmal verschwanden an einem Nachmittag 20 nagelneue kleine Fische aus dem Teich. „Aufgefressen“, sagt Paulsen. Danach kaufte er einen so genannten Reiher-Schreck – ein Gerät mit Bewegungsmelder, das mit hohem Wasserdruck schießt, sobald sich etwas dem Teich nähert. Oder jemand: „Man muss schon aufpassen“, sagt Marlies Paulsen, „das Gerät unterscheidet nicht zwischen Reiher und Mensch“.

Aber es wirkt. Allerdings nur, wenn es am Teich steht. Als die ersten Minusgrade drohten, hatte Harro Paulsen den Reiher-Schreck abgebaut. „Sonst friert ja der Schlauch ein“, sagt er. Und prompt schlug der Reiher zu.

Für Paulsen und Sommer sind die Ereignisse immer noch unfassbar: Dass der Fisch auf dem Dach des Nachbarn landete, dass die Dachdecker ihn rechtzeitig entdeckten, dass er äußerlich völlig unversehrt blieb und überlebte. „Das ist eigentlich unglaublich“, sagt Harro Paulsen, der aus der Sache gelernt hat: Sobald der Frost nachlässt, wird der Reiher-Schreck wieder als Wächter installiert – und der Koi bekommt einen Namen.

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erstellt am 27.Jan.2014 | 00:35 Uhr

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