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Schulsozialarbeiter Olaf Fuhrmann : „Whatsapp ist das größte Problem“

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Olaf Fuhrmann, Schulsozialarbeiter am Schleswiger BBZ, im Interview über Gewalt und Mobbing an Berufsschulen.

von
erstellt am 24.Feb.2017 | 13:24 Uhr

Wie viel Gewalt gibt es auf Schleswig-Holsteins Schulhöfen und in den Klassenzimmern? Im Januar wandten sich Lehrer aus Neumünster in einem Brandbrief an das Kieler Bildungsministerium. Am vergangenen Wochenende sorgte das Thema erneut für Schlagzeilen, als nach einer Kleinen Anfrage der CDU-Landtagsfraktion bekannt wurde, dass die Landesregierung keine aussagekräftigen Zahlen über Gewalt an Schulen hat. Zu sehr variieren von Schule zu Schule die Vorstellungen davon, was als Gewalt zu werten ist. Zur Beantwortung der Kleinen Anfrage hatte das Bildungsministerium auch das Schleswiger Berufsbildungszentrum mit seinen 4000 Schülern um Zahlen aus den vergangenen fünf Jahren gebeten. Hier ist es Schulsozialarbeiter Olaf Fuhrmann, der sich an vorderster Stelle mit Konflikten unter Schülern und zwischen Schülern und Lehrern beschäftigt. Mit ihm sprach unser Redaktionsmitglied Ove Jensen.

Herr Fuhrmann, wie oft haben Sie sich in Ihrer Schulzeit geprügelt?

Ich bin auf eine Integrierte Gesamtschule in Nordrhein-Westfalen gegangen. An echte Prügeleien kann ich mich nicht erinnern. Manchmal wurde man von den größeren Schülern geschubst. In der fünften bis siebten Klasse, als ich klein und schmächtig war, wurde ich vielleicht manchmal wegen meiner abstehenden Ohren gehänselt. Aber das war alles nichts Dramatisches.

Das war in den 1970er Jahren. Gibt es heute mehr Gewalt auf Schulhöfen?

Das kann ich nicht beurteilen. Ich bin selber nie auf eine Berufsschule gegangen. Deshalb fehlt mir der Vergleichsmaßstab zwischen meiner eigenen Schulzeit und dem, was ich heute als Schulsozialarbeiter erlebe.

Sie sind seit 15 Jahren am BBZ tätig. Welche Entwicklung haben Sie in dieser Zeit erlebt?

Wir haben eine massive Zunahme von Konflikten, die aus Mobbing in Sozialen Netzwerken entstehen. Das fing an mit SchülerVZ, dann kam Facebook. Jetzt sind es vor allem Whatsapp und Snapchat. 80 Prozent der Fälle, mit denen ich zu tun haben, gehen darauf zurück.

Und wie sieht es mit körperlicher Gewalt aus?

Die Fälle von ernsthafter körperlicher Gewalt, die ich während meiner Tätigkeit hier erlebt habe, kann ich an einer Hand abzählen. Ich erinnere mich noch an jeden einzelnen Vorfall.

Wie definieren Sie diese Fälle?

Es gab ja eine Schule im Süden des Landes, die auf die Anfrage des Ministeriums von 1000 Gewalttaten unter Schülern und von 200 Angriffen auf Lehrkräfte berichtet hat. Wenn wir jede einzelne Schubserei mitzählen würden, wie sie gerade unter pubertierenden Jungs immer wieder vorkommen, würden wir vielleicht auch auf solche Zahlen kommen. Wir haben gezählt, wie viele Straftaten seit 2012 in der Schule begangen oder in irgendeiner Form in die Schule hineingetragen wurden. Das waren 15. Das heißt nicht, dass es auch in all diesen Fällen zu staatsanwaltlichen Ermittlungen oder gar zu Verurteilungen gekommen ist. Außerdem haben wir drei Angriffe oder Bedrohungen gegen Lehrkräfte und eine gegen den Schulsozialarbeiter gezählt.

Also gegen Sie selbst. Was war das für eine Situation?

Da ging es darum, einen Streit in einer Klasse zu schlichten. Ich musste einer Schülerin deutlich machen, dass sie ihr Verhalten ändern sollte. Das sah sie anders. Sie hat versucht, mich mit einem großen Tesafilm-Halter zu attackieren. Das habe ich im letzten Augenblick verhindern können.

Das war ein Mädchen. Geht Gewalt nicht in erster Linie von männlichen Schülern aus?

Im Zuge der Gleichberechtigung holen die Mädchen da auf. Das ist deutlich zu merken.

Was tun Sie, um Konflikte zu lösen oder gar nicht erst entstehen zu lassen?

Am wichtigsten, aber auch am aufwendigsten, ist die Präventionsarbeit. Da gibt es unterschiedliche Instrumente. Sehr erfolgreich ist seit Jahren das Präventionstheater in Zusammenarbeit mit dem Landestheater. Wenn dann doch Konflikte entstanden sind, bringt es sehr, sehr viel, die Beteiligten an einen Tisch zu holen, damit sie endlich einmal miteinander sprechen. Denn das ist das größte Problem, dass ich in den Sozialen Netzwerken sehe: Die Jugendlichen sprechen viel mehr übereinander und viel weniger miteinander als früher.

Im Januar machten Berichte von Gewalt an DaZ-Zentren, in denen ausländische Schüler Deutsch lernen sollen, die Runde. Auch am BBZ gibt es 245 DaZ-Schüler. Wie kommen Sie mit denen zurecht?

Ich habe mein Büro direkt zwischen den DaZ-Klassen, und ich komme sehr gut mit diesen Schülern zurecht. Es sind ganz normale Jugendliche. Ein erhöhtes Gewaltpotenzial stelle ich jedenfalls nicht fest. Natürlich merkt man, dass einige, die aus Kriegsgebieten zu uns gekommen sind, traumatisiert sind. Auch verhalten sie sich in manchen Situationen anders, weil sie aus einem anderen Kulturkreis kommen.

Woran machen Sie das fest?

Sie sind zum Beispiel lauter als andere Schüler. Und sie haben ein anderes Frauenbild. Aber wenn wir das thematisieren und ihnen zum Beispiel deutlich machen, dass sie den Mädchen, die kein Kopftuch tragen, nicht ständig hinterherschauen sollen, dann nehmen sie das auch an.

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