St.-Johannis-Kloster : Wettlauf gegen den Verfall verloren

Ortstermin: (v.l.) Konstantin Henkel (Freundeskreis), Birgid Löffler-Dreyer (Landesamt für Denkmalpflege), Cristina Vesperinas (Untere Denkmalschutzbehörde) und Architektin Heike Lambrecht sehen keine Lösung für einen langfristigen Erhalt der Malerei.
Ortstermin: (v.l.) Konstantin Henkel (Freundeskreis), Birgid Löffler-Dreyer (Landesamt für Denkmalpflege), Cristina Vesperinas (Untere Denkmalschutzbehörde) und Architektin Heike Lambrecht sehen keine Lösung für einen langfristigen Erhalt der Malerei.

Die historische Wandmalerei aus dem 15. Jahrhundert kann nicht mehr gerettet werden.

shz.de von
05. März 2018, 07:00 Uhr

„Ich habe vor drei Jahren ein Raster über das Foto gelegt“, erinnert sich Birgid Löffler-Dreyer und blättert im dicken Aktenordner, den sie vor sich auf dem Tisch im Kapitelsaal des St.-Johannis-Klosters aufgeschlagen hat. Als die Restauratorin vom Landesamt für Denkmalpflege die Grafik präsentiert, wird offenkundig, dass der Verfall der gotischen Kalktünchmalerei inzwischen deutlich weiter fortgeschritten ist. Die Darstellung an der turmseitigen Kirchenwand zeigt drei Figuren, die noch vor dem großen Brand des Klosters im Jahr 1487 entstanden sind. Beim Wiederaufbau der Kirche – als das Kreuzrippengewölbe und die Nonnenempore errichtet wurden – übermalte man die Malereien. Erst 1936 wurden sie wieder freigelegt. Seitdem ist ein ständiger Wettlauf gegen ihren Verfall im Gang. Nun aber scheinen sich Denkmalpflege, Restauratoren und Architekten geschlagen zu geben.

Das Problem kommt in Schüben. Gerade in kalten Monaten sinkt mit der Temperatur auch die Luftfeuchtigkeit in der Kirche. „Die kalte, trockene Luft kann die Feuchtigkeit nicht aufnehmen. Phasenweise fällt die Luftfeuchtigkeit auf unter 50 Prozent. Das führt dazu, dass die Salze, die sich in der Wand befinden, auskristallisieren,“ erklärt Birgid Löffler-Dreyer,. „Durch diese Kristallisation wird Material aus der Wand gedrückt und an der Außenseite platzen die Malereien ab“, ergänzt sie.

Seit über 20 Jahren wurden verschiedene Maßnahmen ergriffen, um diesen physikalischen Prozess in den Griff zu bekommen. Die Salze wurden abgetragen, was zumindest eine Verzögerung des Verfalls bewirkte. Eine Einhausung der Malereien auf der Vorderseite, später auch im rückwertigen Teil der Wand, sollte ein stabiles Raumklima schaffen. Beides brachte aber keinen nennenswerten Erfolg.

Auch die Möglichkeit, durch einen sogenannten Opferputz im unteren Wandbereich den Feuchtehaushalt der Wand zu regulieren und gleichzeitig die Salze aufzunehmen und daran zu hindern in den oberen Bereich der Wand aufzusteigen, wird während des jüngsten Ortstermins verworfen. „Dieser spezielle Putz muss in mehreren Lagen aufgetragen werden und bringt erst einmal mehr Feuchtigkeit in die Wand“, erklärt Heike Lambrecht, „das könnte den Verfallsprozess am Ende sogar noch verstärken. Ein sehr hohes Risiko.“

Seit vielen Jahren arbeitet die Architektin in Kooperation mit dem Freundeskreis des St.-Johannis-Klosters und in enger Abstimmung mit dem Landesamt für Denkmalschutz sowie der Unteren Denkmalschutzbehörde des Kreises an den umfangreichen Sanierungsarbeiten im Kloster mit. „Man muss sich ganz offen die Frage stellen, ob in Anbetracht dessen, was am Baukörper sonst noch der Sanierung bedarf, weiterhin in dieses Projekt investiert werden kann“, sagt sie.

Zwar ist die Akte von Birgid Löffler-Dreyer gefüllt mit guten Ideen und Konzepten. „Und sie ist ein Beleg für den guten Willen aller Beteiligten und das große Verantwortungsgefühl gegenüber dieser historischen Malerei aus dem 15. Jahrhundert“, betont Konstantin Henkel, Vorsitzender des Freundeskreises, „aber der Prozess ist im Grunde nicht aufzuhalten. Wir haben um diesen Ortstermin gebeten, um gemeinsam zu besprechen, was zu tun ist.“

In einer Kirche, die wie die Klosterkirche nur unregelmäßig genutzt wird, ist es nicht möglich, ein stabiles Raumklima zu schaffen. Nur das könnte die Zerstörung vielleicht eindämmen. Alle restauratorischen Maßnahmen helfen auf Dauer nicht. Schweren Herzen sind die Spezialisten deshalb darin übereingekommen, dass die Malerei über kurz oder lang verloren ist. „Wir haben uns deshalb darauf verständigt, keine weiteren Rettungsversuche zu unternehmen“, fasst Konstantin Henkel zusammen, „aber solange dieser Schatz noch einigermaßen erkennbar ist, soll er auch für alle Besucher zu sehen sein.“







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