Wetterbeobachter : Wetter-Hahn macht Wagersrott berühmt

Den automatischen Regenmesser muss Jürgen Hahn in diesen Tagen besonders häufig leeren.
Den automatischen Regenmesser muss Jürgen Hahn in diesen Tagen besonders häufig leeren.

Jürgen Hahn arbeitet ehrenamtlich für den Deutschen Wetterdienst – und bringt den kleinen Ort regelmäßig in die Radio-Nachrichten.

shz.de von
13. Januar 2015, 07:39 Uhr

Wagersrott | Hin und wieder streckt ein Nachbar bei Jürgen Hahn den Kopf über den Zaun und sagt: „Du warst heute wieder im Radio!“ Dann weiß der 55-jährige Heilpraktiker, dass in den Wetternachrichten des NDR die Temperaturen aus Wagersrott (Kreis Schleswig-Flensburg) genannt wurden.

Jürgen Hahn ist ehrenamtlicher Wetterbeobachter und betreibt in seinem Garten eine Station des Deutschen Wetterdienstes in Offenbach. Hier werden Temperatur und Regenmenge gemessen. Auf einer etwa 16 Quadratmeter großen Fläche stehen ein automatischer Regenmesser und ein Mast mit Sensoren. Neben der Lufttemperatur in zwei Meter und fünf Zentimeter Höhe wird auch die Erdbodentemperatur in 5, 10, 20, 50 Zentimetern sowie in einem Meter Tiefe gemessen. Diese Werte werden über eine Telefonleitung automatisch nach Offenbach übermittelt.

Schon vor zehn Jahren, als Hahn die Wetterstation übernahm, wurden diese Werte ohne menschliches Zutun übertragen. Aber zusätzlich musste er die Regenmenge noch von Hand messen und mit dem elektronischen Wert vergleichen. „Damals mussten meine Frau und ich auch noch dreimal am Tag Wetterbeobachtungen machen“, erinnert sich Hahn. Windrichtung, Windgeschwindigkeit, Wolkenbedeckungsgrad in Prozent, Sichtweite und Erdbodenzustand – ob nass, trocken oder gefroren – wurden über einen Kleincomputer eingegeben. Heute werden diese Werte über Satellit gemessen.

Als einzige Handmessung für Hahn ist heute im Winter das Feststellen der Schneehöhe geblieben. Dafür wird mit einem genormten Zylinder ein Stück Schnee ausgestochen und auf einer speziellen Waage gewogen. Ansonsten besteht die Aufgabe des Wagersrotter Wetterbeobachters nur noch im rechtzeitigen Leeren des Regenmessers und in der Pflege der Meßfläche, die er unbeschattet und unkrautfrei halten muss. Aber auch das hat seine Tücken. Denn vor einigen Jahren hatte ein Kaninchen in dem Bodenbereich, wo die Temperatursensoren liegen, seinen Bau gegraben. Dabei hatte es mehrere elektrische Leitungen zerbissen. Das musste ein Techniker aus Hamburg wieder in Ordnung bringen.

Zum Wetterbeobachter wurde Hahn durch Neigung. Er hatte während seines Geografiestudiums hin und wieder in die Meteorologie hineingeschnuppert. Und als er nach Wagersrott zog, spielte er mit dem Gedanken, sich eine eigene Wetterstation zuzulegen. „Doch dann kam ich auf die Idee, einmal beim Deutschen Wetterdienst in Offenbach anzurufen, ob die kein Interesse hätten, hier eine Wetterstation aufzubauen“, erzählt er. Der Zufall wollte es, dass eine Station in Gulde abgebaut werden sollte, weil diese durch Bautätigkeit nicht mehr genügend Freiraum hatte. Und 2005 wurde die Station nach Wagersrott verlegt. Die Messstelle wurde dadurch bekannt, dass in mehreren Jahren hier die tiefsten Temperaturen von Schleswig Holstein gemessen wurden.

Hahn fühlt sich in seiner Rolle als Wetterbeobachter wohl – auch wenn er damit Verpflichtungen eingeht. Denn bei Abwesenheit durch Krankheit oder Urlaub muss er – insbesondere im Winter bei angekündigtem Schneefall – für einen Vertreter sorgen. Er sieht aber keinen Grund, in absehbarer Zeit mit der Wetterbeobachtung aufzuhören. Und er hat auch bei einem Treffen mit norddeutschen Kollegen keinen entdeckt, der das vorhat. „Ich bin damit eine Pflicht eingegangen – aber das ist für mich keine Last“, verrät er.

Das Honorar für seine Tätigkeit ist dabei wirklich kein Anreiz. Denn die Aufwandsentschädigung, die er für Pacht, Strom, Kleinmaterial und Arbeitszeit erhält, liegt bei ungefähr 700 Euro jährlich. Aber er freut sich, wenn er wieder einmal hört, dass „seine“ Messwerte im Radio verkündet worden sind – auch wenn er sie selbst noch nie gehört hat.

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